"Wir müssen dorthin gehen, wo die Menschen sind"
Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann im Interview zu Ökumene und Glauben heute

Frage: In vielem sind Katholiken und Protestanten sicher einig. Einen zentralen Unterschied gibt es im Verständnis von Abendmahl und Eucharistie. Viele Menschen, auch Katholiken, wünschen sich zwar die Möglichkeit des gemeinsamen Abendmahls. Viele andere befürchten aber im Falle einer Einführung den Ausverkauf ihres Glaubens. Manche Theologen verweisen auf die fundamentalen Unterschiede, die man nicht einfach beiseite wischen dürfe. Können Sie diese Menschen verstehen?

Käßmann: Unser Verständnis von Abendmahl, Amt und Kirche ­ das hängt ja zusammen ­ ist unterschiedlich und wird unterschiedlich bleiben. Daran will ich gar nicht rütteln. Ich glaube nicht, dass das Ergebnis eines Verständigungsprozesses wäre, dass wir dann die gleiche Theologie haben. Aber meine Hoffnung ist immer noch, dass wir uns gegenseitig eucharistische Gastfreundschaft mit dem unterschiedlichen Verständnis gewähren können. Und deshalb bei besonderen Gelegenheiten und auch für Einzelpersonen gemeinsam Abendmahl, Eucharistie feiern können.

Frage: Bischof Lehmann und Präses Kock haben Druck in dieser Frage ­ etwa durch den Blick auf den Ökumenischen Kirchentag 2003 ­ als wenig hilfreich bezeichnet. Druck könnte kontraproduktiv wirken und den ökumenischen Prozess ins Stocken bringen. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Professor Meyer, hat jüngst außerdem bereits erklärt, mit einem gemeinsamen Abendmahl auf dem Kirchentag sei nicht zu rechnen. Sie selbst halten jedoch an den Plänen für 2003 fest ...

Käßmann: Ich habe ja als Generalsekretärin des Kirchentages diesen ökumenischen Kirchentag mit aus der Taufe gehoben. Von Anfang an gab es die Verabredung mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken, dass das Abendmahlsthema behandelt werden muss. Schon in der ersten Pressemitteilung wurde der Wunsch betont, gemeinsam Abendmahl zu feiern. Mich enttäuscht, dass dieser Wunsch schon drei Jahre vor dem Ereignis zurückgenommen wird ­ mit dem Argument der Realität. Ich denke, Menschen müssen auch Hoffnungen haben, um Hoffnungen kämpfen. Und nicht von vornherein sagen: "Die lassen sich gar nicht verwirklichen." Das ist keine Frage von Druck oder Zerreißproben. Diese Hoffnungen müssen auch Ausdruck und einen Ort finden. Dass viele Katholikinnen, Katholiken und Evangelische eine Sehnsucht nach diesem gemeinsamen Abendmahl haben, weil wir darin Gemeinschaft mit Gott und miteinander ausdrücken, ist sehr verständlich. Ich hätte diese Frage gerne aufrechterhalten bis sozusagen einen Tag vor dem ökumenischen Kirchentag. Wenn es dann tatsächlich nicht möglich ist, könnten wir das Beste aus der Situation machen, was zu machen ist, ohne den Kirchentag zu gefährden. Ich finde aber, es ist ein zu frühes Zurückweichen. Gleichzeitig denke ich, wenn es eben so ist, dann sollten wir einen evangelischen Abendmahlsgottesdienst feiern und ­ wie wir es seit Jahren tun ­ Gastfreundschaft gewähren. Es ist dann die Entscheidung des Einzelnen daran teilzunehmen oder nicht. Das verstehe ich überhaupt nicht als Provokation. Im evangelischen Bereich ist ein Kirchentag ohne großen Abendmahlsgottesdienst heute kaum vorstellbar. Wobei ich den in Berlin nicht heimlich in einem Winkel feiern möchte... Das bringt uns nicht weiter. Was mir aber auch wichtig ist: Dass die Menschen, die an einem Gottesdienst der anderen Konfession teilnehmen, wissen, was sie da tun. Dass sie an einer Feier mit einem anderen Grundverständnis teilnehmen. Es sollte überlegt sein ­ larifari, mal hierhin gehen und mal dorthin, das finde ich auch nicht gut. Wir müssen das Abendmahl und die Eucharistie ernst nehmen.

Aus: Kirchenzeitung für das Bistum Hildesheim, 14.1.2001
Quelle: http://www.kiz-online.de


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