"Finsterstes Mittelalter"
Streit an Kirchenbasis über autoritären Kurs mancher Bischöfe

Nürnberg, 8.7.2003. In der katholischen Kirche gärt es. Nach umstrittenen Personalentscheidungen in den Bistümern Regensburg und Eichstätt wächst an der Basis die Befürchtung, die Kirche könne hinter das Zweite Vatikanische Konzil zurückfallen. Buhrufe, "finsterstes Mittelalter!", riefen erzürnte Gemeindemitglieder Kirchenvertretern entgegen. Diese Szene ereignete sich in Großhabersdorf (Kreis Fürth). Der dortige Pfarrer Bernhard Kroll war gemaßregelt worden, weil er öffentlich am evangelischen Abendmahl teilgenommen hatte.

Dies ist nur ein Beispiel von mehreren, die an der katholischen Basis zur Zeit Kopfschütteln hinterlassen. Seit dem Abendmahl-"Skandal" Krolls am Rande des Ökumenischen Kirchentags in Berlin pochen deutsche Bischöfe wie lange nicht mehr auf die reine katholische Lehre. Abweichler wie Kroll bekommen dabei die ganze Strenge der Amtskirche zu spüren. Der Eichstätter Bischof Walter Mixa hat ihn unmittelbar nach dem Kirchentag beurlaubt.

Angesichts des nach ihrer Ansicht um sich greifenden Dogmatismus bangt die Kirchenvolksbewegung zunehmend um innerkirchliche Reformen. Vor allem bei den bayerischen Katholiken sieht etwa Thomas Wystrach von der "Initiative Kirche von unten" (IKvu) einen wachsenden Einfluss der "konservativen Fraktion".

Insbesondere der neue Bischof von Regensburg, Gerhard Ludwig Müller, entfernt sich nach Einschätzung der Kirchenvolksbewegung mit seinem lebensfremdem Dogmatismus immer mehr von der Basis. So entließ er den Deggendorfer Dekanatsrat Professor Johannes Grabmeier wegen seiner Nähe zur Reformbewegung "Wir sind Kirche" aus dem demokratisch gewählten Laiengremium. Zudem versetzte er den Bad Abbacher Pfarrer Siegfried Felber wegen seiner Sympathie mit der Kirchenvolksbewegung in den Ruhestand. Innerkirchliche Kritiker halten für den "Rückfall der katholischen Kirche" "die drei Ms" verantwortlich: Meisner, Müller und Mixa. Die Initiative "Wir sind Kirche" sieht bei jüngsten Entscheidungen gar Karriere-Interesse mitspielen.

Differenzierter betrachtet der emeritierte Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl, der eine Messe in der Berliner Gethsemane-Kirche zelebrierte und auch evangelische Christen zur Kommunion einlud, den Bremskurs. "Es gibt einen ganz klaren Trend, möglichst vorsichtig Ökumene zu betreiben. Und alles, was nicht von den Bischöfen und Rom abgesegnet wird, wird aufs Strengste sanktioniert." Dahinter steht seiner Ansicht nach die Furcht der katholischen Kirche vor Machtverlust. Der Verlust des Eucharistiemonopols könnte Folgen für andere Bereiche haben.

Von einer Gegenbewegung zur Ökumene kann nach Ansicht des Sprechers des Erzbistums München und Freising, Winfried Röhmel, dagegen keine Rede sein. "Es gibt keinen Bischof in Bayern, der eine anti-ökumenische Haltung hat", unterstreicht er. Was es derzeit nicht geben könne, seien pragmatische Lösungen beim Abendmahl. (KLAUS TSCHARNKE)

Aus: Münchner Merkur, 8.7.2003
Quelle: http://www.merkur-online.de/regionen/oberbay/254,154825.html


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