Weiden, 28.1.2004 (eie). Der ökumenische Sommer 2003 war mindestens so heiß wie der meteorologische. Doch schnell folgte die gegenwärtig noch anhaltende Eiszeit. Nun hoffen viele lutherische Christen auf einen ökumenischen Frühling. Einer von ihnen ist Privatdozent Dr. Johannes Rehm aus Bamberg. Der lutherische Studentenpfarrer plädierte am Montagabend vor dem Freundeskreis der Akademie Tutzing vehement für ein gemeinsames Abendmahl von katholischen und evangelischen Christen. Die Einschätzung des Dozenten an der Universität Erlangen, dass Ökumene nicht mehr "in" sei, widerlegten die Weidener mit einem randvollen mittleren Saal im Haus der Gemeinde. Auch die Zusammensetzung des Auditoriums war durchaus ökumenisch.
Gemeinschaft in Grauzone
Wären die Namen Kroll, Hasenhüttl und Mixa nach dem Ökumenischen Kirchentag 2003
nicht in die Schlagzeilen gekommen, hätte "unter der Hand" wohl alles so
weitergehen können wie bisher. Pfarrer Rehm sprach von einer "Grauzone", in
welcher seit dem ökumenischen Aufbruch der 70er und 80er Jahre durchaus
Katholiken und Protestanten wechselseitig Gast bei den jeweiligen Abendmahls-
beziehungsweise Eucharistiefeiern waren. Ihm seien persönlich derartige Fälle
bekannt.
Dass diese Praxis heute verboten ist, lastet der Referent allerdings nicht den beiden entlassenen Priestern Bernhard Kroll und Gotthold Hasenhüttl an. Rehm sprach vielmehr von einer "Beugung des Kirchenrechts im Graubereich durch die katholische Kirche". Die beiden Priester hätten durch ihre öffentliche Teilnahme am gemeinsamen Abendmahl/Eucharistie tapfer einen "unhaltbaren Zustand" dokumentiert und "nicht durch systemkonformes Verhalten sanktioniert". Als "befremdlichen Rückfall in die dogmatische Tradition" sieht der evangelische Theologe auch die "Gründonnerstags-Enzyklika" des Vatikan aus dem Jahre 2003. Diese habe "in glaubensarmer Zeit die Ergebnisse des bisherigen ökumenischen Dialogs nicht berücksichtigt".
Krasse Gegensätze
Die Lutherischen können nicht zurück und die Katholiken wollen nichts ändern. So
sieht es zumindest Dr. Rehm. Dabei wies er wiederholt auf die gemeinsame Sicht
in Sachen "Realpräsenz" hin. Für beide Konfessionen ist Christus in Brot und
Wein leibhaftig gegenwärtig. Heftig gestritten wird dagegen um die "Transsubstantiation"
sowie die grundsätzliche Offenheit des Abendmahls/der Eucharistie für alle
Christen. Während die katholische Kirche von einer Wesensverwandlung von Brot
und Wein in Leib und Blut Christi ausgeht, bleibt für die Lutheraner Brot und
Wein in der Substanz unverändert. Darin aber sei Christus in einer Art "Konsubstantiation"
anwesend, so der Referent.
Ihre Offenheit für die Teilnahme anderer Christen an ihrem Abendmahl begründen die Lutheraner mit der Überzeugung, dass "Christusgemeinschaft über der Kirchengemeinschaft" stehe. Das Abendmahl sei schließlich "nicht nur Sache der Priester und Theologen, sondern Eigentum aller", sagte Dr. Rehm. Eine Rücknahme dieser Sicht würde zu einem "Selbstwiderspruch" der evangelisch-lutherischen Kirche führen und sei damit nicht vorstellbar.
Der Theologe forderte die Gläubigen beider Konfessionen zum "gemeinsamen ökumenischen Lernen" auf. Bisher sei zwar viel miteinander gefeiert, doch zu wenig gemeinsam in der Bibel gelesen worden. Notwendigerweise müsse "im Stil freundschaftlich, in der Sache kritisch" gerade über kontroverse Dinge "gestritten werden". Der Referent forderte "Vielfalt statt falsch verstandene Einheitlichkeit". Es dürfe weder eine "geistlich-geistige Verflachung" noch eine "fundamentalistische Sicht" um sich greifen. Dann, so hofft der Referent, könne ein neuer "ökumenischer Frühling" beginnen.
Aus: Amberger Zeitung, 28.1.2004
Quelle:
http://www.zeitung.org