Ökumene: Alles oder nichts?

Der jüngst verstorbene Erzbischof Dyba kann in der Deutschen Bischofskonferenz nicht mehr mitmischen. Dennoch kam aus Fulda wieder schlechte Nachricht. Bischof Lehmann hielt das Referat zur Eröffnung der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz zum Thema "Einheit der Kirche und Gemeinschaft im Herrenmahl, zur neueren ökumenischen Diskussion um Eucharistie- und Kirchengemeinschaft". Seine Darlegungen gipfelten in dem defätistischen "Fazit": Das gemeinsame Mahl gehört an das Ende und nicht an den Anfang ökumenischer Bestrebungen.

In diesem Sinne hatte Bischof Lehmann schon die IKvu wegen ihrer ökumenischen Eucharistiefeier auf dem Katholikentag in Hamburg kritisiert. Niemand dürfe sich "herausnehmen", mit "Willkür und Druck dieses Ziel vorwegzunehmen", erklärte er in einer Pressekonferenz. Zu "Begründung" dieser Kritik in Fulda, muss man fragen, ob die Bischöfe nur Anfang und Ende kennen. Gibt es nur alles oder nichts? Ist die inzwischen erreichte Ökumene soviel wie nichts?

Das von der Hierarchie künstlich geschaffene Problem besteht darin, dass sie als Maßstab für die Gemeinsamkeit nur beiderseits beschworene dogmatische Formeln sowie Vereinbarungen der Kirchenspitze gelten lässt. Nach unserer Überzeugung darf jedoch die inzwischen erreichte Nähe gläubiger Christen aus verschiedenen Konfessionen angemessen sich auch im gemeinsamen Abendmahl äußern. Auf diese Weise nehmen wir in der IKvu eine zentrale Aussage des Konzils ernst. Im Dekret über den Ökumenismus wird festgestellt, dass durch die Eucharistie die Einheit der Kirche "bezeichnet und bewirkt" wird (Art. 2).

Jedenfalls verwahren wir uns gegen die Verdächtigung, wir wollten die Eucharistie "im Sinne einer isolierten Instrumentalisierung" als Mittel zum Zweck einsetzen. Dass gemeinsam Eucharistie gefeiert wird und man "danach wieder auseinanderläuft", erleben wir eher im Alltag volkskirchlicher Gemeinden als im Zusammenhang der Ökumene. Lehmann betonte weiter, man könne nicht sonntags Mahl feiern und Montagmorgen mit getrenntem Religionsunterricht fortfahren. Stellt das nicht eher die konfessionelle Bindung des Religionsunterrichtes in Frage als das gemeinsame Abendmahl?

Anderen Aussagen des Vorsitzenden wird man gern folgen: "Die Trennung der Kirche ist vor dem Gebot des Herrn nach Einheit ein bleibender Skandal." Ebenso: "Es gibt eine Ökumene, die ich nicht fördern möchte. Es ist die Gemeinsamkeit auf dem kleinsten und geringsten Nenner. Unter solchen Voraussetzungen können wir nur alle gemeinsam ärmer werden." Es ist sicher nicht verfehlt, dabei vor allem an die vorherrschende Abendmahlspraxis zu denken, in der Regel ohne gesellschaftliche Konsequenzen. Richtungweisend sind in der Beziehungen die ökumenischen Erklärungen von Lima (1982):

"Solange das Recht von getauften Gläubigen und ihren Pfarrern, in einer Kirche am eucharistischen Mahl teilzunehmen und ihm vorzustehen, von denen in Frage gestellt wird, die anderen eucharistischen Gemeinden angehören und diese leiten, ist die Katholizität der Eucharistie weniger deutlich. [...] Die eucharistische Feier fordert Versöhnung und Gemeinschaft unter all denen, die als Brüder und Schwestern in der einen Familie Gottes betrachtet werden, und sie ist eine ständige Herausforderung bei der Suche nach angemessenen Beziehungen im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben (Mt 5,23f; 1 Kor 10,16f; 11,20-22; Gal 3,28).

Alle Arten von Ungerechtigkeit, Rassismus, Trennung und Mangel an Freiheit werden radikal herausgefordert, wenn wir miteinander am Leib und Blut Christi teilhaben. Durch die Eucharistie durchdringt die alles erneuernde Gnade Gottes die menschliche Person und Würde und stellt sie wieder her. Die Eucharistie nimmt den Gläubigen hinein in das zentrale Geschehen der Geschichte der Welt. Als Teilnehmer an der Eucharistie erweisen wir uns daher als unwürdig, wenn wir uns nicht aktiv an der ständigen Wiederherstellung der Situation der Welt und der menschlichen Lebensbedingungen beteiligen.

Die Eucharistie zeigt uns, dass unser Verhalten der versöhnenden Gegenwart Gottes in der menschlichen Geschichte in keiner Weise entspricht: Wir werden ständig vor das Gericht gestellt durch das Fortbestehen der verschiedensten ungerechten Beziehungen in unserer Gesellschaft, der mannigfachen Trennungen aufgrund menschlichen Stolzes, materieller Interessen und Machtpolitik und vor allem der Hartnäckigkeit ungerechtfertigter konfessioneller Gegensätze innerhalb des Leibes Christi." (19f)

In Erinnerung an die Aussage des Konzils, dass jeder Getaufte Christus eingegliedert ist (UR 22), mag man aber noch einem letzten Satz von Bischof Lehmann gerne zustimmen: "Wo Jesus Christus ist, da ist auch die ganze, katholische Kirche", sagt er unter Berufung auf die lutherisch/römische gemeinsame Erklärung "Einheit vor uns". Luther hat dasselbe nur auf Latein gesagt: "ubi Christus, ibi Ecclesia" (WA 40/III, 54,3). Wohlan, zieht daraus Konsequenzen! (cp)

Aus: SOG-Papiere (in imprimatur 8/2000)
Quelle: http://www.imprimatur-vatikan.de


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