Das Abendmahl sollte nach Christi Willen die Gläubigen einen, aber es spaltet nach wie vor die Kirchen. Wenn beim Deutschen Evangelischen Kirchentags das Abendmahl ausgeteilt wird, werden Christen unterschiedlichster Konfession teilnehmen, aber andere aus theologischen Gründen fernbleiben.
Die Kirchentagsleitung hat mit einiger Mühe den Streit um das Abendmahl entschärft, aber der Konflikt wird beim Protestantentreffen für viele Diskussionen sorgen. Die ursprüngliche Absicht, beim traditionellen Feierabendmahl am Freitagabend neue Einsetzungsworte einzuführen, wurde nach massiver Kritik aufgegeben. Der theologische Konflikt hatte sich an einem Liturgievorschlag entzündet, nach dem die Vorstellung, Christi Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken, "endgültig" überwunden werden sollte. Die Formel "Mein Leben für euch" sollte die traditionellen Einsetzungsworte Jesu aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 26,26f, ersetzen: "Dies ist mein Leib, und dies ist mein Blut".
Gegen den Bruch mit der biblischen Tradition hagelte es Proteste von allen Seiten. Nicht nur von Katholiken, die jeden ökumenischen Fortschritt in dieser Frage gefährdet sahen, und von konservativen Protestanten. Auch Christen, die sich weniger mit Kirchendiplomatie oder Theologie beschäftigen, musste bei dem Vorhaben unwohl werden, die traditionelle Formel aufzugeben - gerade im Hinblick auf die Bedeutung des Kirchentages als "Zukunftswerkstatt" und "Zeitansage". Mag auch die Angst vor ökumenischen Verwerfungen bei der Kirchentagsleitung den Ausschlag für den Rückzug gegeben haben, letztendlich hat sich die Meinung durchgesetzt, dass die vertraute, tausende Mal gesprochenen Formel, so sperrig sie in heutiger Zeit auch erscheinen mag - nicht ersetzbar ist. Oder gerade weil sie sperrig und unmodern ist? Der Streit um die Liturgie wird zum Lehrstück, wie niedrigschwellig ein christliches Angebot sein darf und wie höherschwellig die Vermittlung des tiefen Geheimnisses Gottes sein muss, um nicht verschleudert zu werden.
Dem Erlanger Theologie-Professor Manfred Seitz geht der Rückzieher der Kirchentagsleitung nicht weit genug. Seitz hat an die evangelischen Bischöfinnen und Bischöfe appelliert, nicht an "Feierabendmahlen" auf dem Kirchentag teilzunehmen. Der für den Kirchentag vorgesehene zweite Entwurf sei immer noch "theologisch fragwürdig, mit dem Abendmahlverständinis der evangelischen Kirche nicht zu vereinbaren und ökumenisch untragbar", betont Seitz, der zu dem konservativen Flügel der Lutheraner gehört.
Nach dem biblischen Zeugnis müsse unterschieden werden "zwischen einem gemeinsamen Essen und der Feier des Abendmahls". Zum Abendmahl seien im Unterschied zu "biblischen Sättigungsmahlen" nur die Menschen eingeladen, die "getauft sind und an Jesus als ihren Herrn glauben und sich zu ihm bekennen". Sicher ist: Der Streit um Jesu Vermächtnis geht weiter. Das Abendmahl beim Schlussgottesdienst zumindest wird, hofft Kirchentags-Generalsekretärin Friederike Woldt, unumstritten sein: Es wird in "traditioneller Form" gefeiert. (Helmut Frank)
Aus: Sonntagsblatt (Evangelische
Wochenzeitung für Bayern), 17.6.2001
Quelle:
http://www.sonntagsblatt-bayern.de