Berliner Abendmahlsstreit

Berlin, 20.10.2002. "Ich kann's nicht loben, dass ihr nicht zu eurem Nutzen, sondern zu eurem Schaden zusammenkommt." So rüffelte der Apostel Paulus dereinst die Christen in Korinth. Der Hintergrund: Streit beim Abendmahl. "Es ist öffentlich am Tage, dass wir über die Worte Christi vom Abendmahl in Streit geraten sind", schreibt Martin Luther anderthalb Jahrtausende später an den Schweizer Reformatoren Huldrych Zwingli. "Es kann schwerer Schaden entstehen", warnt der Berliner katholische Kardinal Georg Sterzinsky heute. Der Auslöser: Überlegungen zu ökumenischen Abendmahlsfeiern.

Ein dreiviertel Jahr vor dem Beginn des ersten Ökumenischen Kirchentages in Berlin ist der Konflikt um das Brotbrechen der Christen wieder einmal voll entbrannt. Wieder einmal wird das verbindende Gemeinschaftsmahl zur scharfen Trennungslinie. Die 12.000 Glieder zählende Berliner Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord will beim Christentreffen mit katholischen Basisgruppen gemeinsame Abendmahle veranstalten. Geplante Grenzüberschreitungen als "produktive Ökumene", so die Organisatoren.

Die Veranstaltungen sind inzwischen aus dem offiziellen Kirchentagsprogramm verbannt. Scharfe Kritik erschallt unisono von evangelischer und katholischer Kirche. Vor kaum zwei Jahrzehnten schien das alles anders. Mit dem Rückenwind des Zweiten Vatikanischen Konzils entstand 1982 das so genannte Limapapier. Näher war man dem gemeinsamen Abendmahl wohl nie. Es wurde zum Lichtblick, weil es eine Art "Super-Gottesdienst" mit verbindenden Elementen aller Traditionen vorsah. Doch inzwischen ist Ernüchterung eingetreten.

Bis zu jener "produktiven Ökumene" ist es ein weiter Weg. Denn mit dem Abendmahl ist auch das Amtsverständnis der Katholiken angetastet. In der römischen Kirche dürfen nur geweihte Priester das Mahl austeilen. Wein ist für Gläubige tabu. Wer das Abendmahl anders feiert, rüttelt rituell am Priesterstatus. Und damit letztlich am Stuhl Petri und dem Papsttum selbst. Insofern hat Sterzinsky völlig Recht: "Es kann schwerer Schaden entstehen".

Der Hamburger Theologe Fulbert Steffensky, einst katholisch, heute evangelisch, sieht das naturgemäß anders. Er kann zu diesem Thema eine geradezu wunderbare Geschichte erzählen: "Ein italienischer Bischof lädt eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern ein und bespricht mit ihnen moraltheologische Probleme. An einem Morgen hält der Bischof die Messe für die Gruppe. Ein protestantisches Mitglied fragt, ob auch er kommunizieren dürfe. Der Bischof antwortet: 'Wer viel fragt, bekommt viele Antworten.' Der Professor darf am Abendmahl teilnehmen."

Der Professor war der polnische Mathematiker Chrystoph Morin. Der katholische Geistliche hieß Johannes Paul II., Bischof von Rom und Papst. Ungerührt davon wird der Streit um das Heilige Abendmahl weitergehen. Und wie es derzeit den Anschein hat, müssen Christinnen und Christen auf das offiziell erlaubte gemeinsame Mahl wohl bis ans Ende der Geschichte warten. Was Jesus dazu wohl sagen würde? (Volker Rahn)

Aus: Sonntagsblatt - Evangelische Wochenzeitung für Bayern, 20.10.2002
Quelle: http://www.sonntagsblatt-bayern.de


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