21.2.2004. Weil sie gegen ein Verbot des Papstes beim Ökumenischen Kirchentag verstoßen haben, sind zwei Priester in Ungnade gefallen - mit unterschiedlichen Folgen: Der eine betreut nun psychisch Kranke, der andere ficht in Rom um sein Recht. Beim Katholikentag droht neuer Streit.
Auf den ersten Blick kann sich der Eichstätter Bischof Walter Mixa als Sieger fühlen. Schließlich hatte der Oberhirte offenbar das richtige Rezept, um einen aufmüpfigen Priester zur Räson zu bringen. Erst schickte der Bischof Bernhard Kroll in ein Kloster, damit der Pfarrer dort zum rechten katholischen Glauben zurückfinde. Dann nahm der Diözesanchef seinen Untergebenen siebenmal ins Gebet, und schließlich konnte er öffentlichkeitswirksam erklären: Der zeitweise suspendierte Kroll bekenne sich zur katholischen Lehre, gebe seine Pfarrei auf und wolle sich beruflich neu orientieren.
Konflikt gelöst und das verirrte Schaf wieder eingefangen - so mag es öffentlich scheinen. Doch ganz so glatt verlief die Versöhnung wohl nicht. "Ich habe die vom Bischof geforderte Erklärung nicht unterschrieben", sagte Kroll jetzt der Stuttgarter Zeitung. So habe er nicht bereut, am Rande des Ökumenischen Kirchentags in Berlin gegen das Verbot des Papstes das evangelische Abendmahl empfangen zu haben. "Ich bedauere die Entwicklung, weil ich diese Konsequenzen nicht gewollt habe", sagt der Priester. Hat er also schlicht im Machtkampf mit einem Stärkeren und wider besserer Einsicht klein beigegeben? Würde er mit mehr Kritik die Unterstützung seines Bistums gefährden? Dazu mag sich der Theologe nicht äußern. Allerdings hilft ihm die Diözese finanziell bei seiner Neuorientierung.
Momentan arbeitet Kroll, der seine Pfarrei im mittelfränkischen Großhabersdorf verließ, bei der Arbeiterwohlfahrt. Dort betreut er psychisch Kranke. "Ein Mann in meinem Alter darf nicht zu lange im Beruf aussetzen." Deshalb habe er den Posten übernommen, obwohl dieser wesentlich schlechter bezahlt ist als seine Arbeit als Seelsorger. Berufsbegleitend studiert der 42-jährige Betriebswirtschaft. "Mal sehen, wie es weitergeht", sagt der frühere Gemeindepfarrer etwas ratlos.
Wesentlich entschlossener und streitlustiger gibt sich Gotthold Hasenhüttl. "Ich kämpfe in jedem Fall bis zur letzten Instanz", sagt der Theologe. Der emeritierte Professor hatte am Rande des Ökumenetreffens bei einer katholischen Eucharistiefeier auch Protestanten zum Abendmahl eingeladen. Für diesen Regelverstoß sollte der Saarbrücker ebenfalls büßen. Der für ihn zuständige Trierer Oberhirte Reinhard Marx suspendierte den Priester im Juli vergangenen Jahres und will ihn auch mit einem Lehrverbot belegen. Doch der versierte Dogmatiker wehrte sich mit einer Beschwerde in Rom. Die setzte den Beschluss des Bischofs sofort außer Kraft. "Ich war genau einen Tag suspendiert", sagt Hasenhüttl jetzt selbstbewusst.
Die Mühlen im Vatikan mahlen nun so langsam, dass der Priester auch heute noch die Messe lesen, taufen oder Bestattungen vornehmen kann. "Die Glaubenskongregation tut sich schwer, meinen Fall im Sinne des Bischofs zu entscheiden", sagt der 70-Jährige. Er ist überzeugt, dass die von Marx ausgesprochene Strafe in keinem Verhältnis zur angeblichen Verfehlung steht. Schließlich würde er härter sanktioniert als der Kirchenrebell Hans Küng.
Der hatte im Streit mit dem Papst zwar seine Lehrerlaubnis, aber nicht sein Priesteramt eingebüßt. Überdies hat Hasenhüttl noch einen Trumpf im Ärmel. Sollte das Verdikt von Rom bestätigt werden, wird er nochmals "Rekurs einlegen". Dann erst fiele die endgültige Entscheidung. Bis dato genießt der Gelehrte die vereinzelten Solidaritätsadressen, die ihn noch erreichen und nimmt wie je Prüfungen ab, hält Seminare oder betreut Doktoranten. Auf der anderen Seite gehen einige seiner Glaubensbrüder jetzt schon auf Distanz. "Ich werde nicht mehr so oft um Vertretungen gebeten."
Offenbar unerwünscht ist ein Auftritt des Querdenkers auch im Bistum Rottenburg-Stuttgart. Hier lud ihn das Katholische Bildungswerk Tübingen für die Reihe "Menschen zur Zeit" als Gesprächspartner ein. Dabei sollte es um die brennenden Fragen der Ökumene wie dem gemeinsamen Abendmahl gehen. Hasenhüttl sagte zu. Der Termin wurde vereinbart. Doch dann folgte überraschend die Absage. Das Bildungswerk erklärte dem Theologen, "etwas naiv die kirchenpolitische Brisanz dieser Themen" unterschätzt zu haben. "Da hat der Bischof eingegriffen", sagt Hasenhüttl und kritisiert "Denkverbote" in seiner Kirche.
Tatsächlich hat das Rottenburger Ordinariat die Veranstaltung mit dem Kirchenrebellen gestoppt. Der Bischof sei vom Bildungswerk gefragt worden und habe sein Missfallen ausgedrückt, sagt Pressesprecher Klaus Hälbig. Gerade im Vorfeld des Katholikentages im Juni solle Hasenhüttl kein Forum zur Selbstdarstellung geboten werden. In diesem wenig souveränen Vorgehen sehen die Kirchenreformer einen Beleg für die wachsende Nervosität vor dem Laientreffen. "Bischof Gebhard Fürst steht jetzt unter besonderer Beobachtung", sagt Christian Weisner, der Sprecher der Bewegung "Wir sind Kirche".
Dennoch wird Hasenhüttl beim Katholikentag in Ulm wohl für Furore sorgen. Die Kirchenreformer, die die umstrittenen Abendmahlsgottesdienste in Berlin initiierten, haben ihn eingeladen. Sie waren zwar diesmal - anders als früher - nicht in der Programmkommission für das Laientreffen vertreten, planen aber erneut eine Veranstaltung zur "ökumenischen Gastfreundschaft" beim Abendmahl. "Das müssen wir neben den regulären Veranstaltungen machen", so Weisner. Die erneute Provokation ökumenischer Abendmahlsfeiern sei aber nicht geplant. "Das würde wohl auf das nächste Priesteropfer hinauslaufen." (Michael Trauthig)
Aus: Stuttgarter Zeitung,
21.2.2004
Quelle:
http://www.stuttgarter-zeitung.de