Ja, ich bin zuversichtlich
Ein Gespräch über die Ökumene

Pastorin Beate Stöckigt ist seit 1998 als Referentin der Evangelisch-Lutherischen Kirche Thüringens für die Ökumene zuständig. Der Tag des Herrn sprach mit ihr anlässlich der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen (18. bis 25. Januar 2002): (...)

Frage: Eines der großen Themen – gerade mit Blick auf den Ökumenischen Kirchentag in Berlin – ist die eucharistische Gemeinschaft. Wie kann es zur Abendmahlsgemeinschaft zwischen den Kirchen kommen? Was halten Sie von eucharistischer Gastfreundschaft?

Stöckigt: Die Trennung am Tisch des Herrn ist die tiefste Wunde im Leib Christi. Diese Wunde schmerzt! Aber schmerzende Wunden heilen nicht, indem man sie einfach zuklebt. Sie brauchen die fachgerechte Behandlung in einem Heilungsprozess, der oftmals dem Patienten viel Geduld abverlangt. Hier sind wir Theologen gefordert, die offenen Fragen beim Kirchen- und Amtsverständnis, die eine Gemeinschaft am Tisch des Herrn noch verhindern, einer Klärung zuzuführen. Ich bin zuversichtlich, dass uns das auch gelingen wird. Aber das braucht seine Zeit.

Die eucharistische Gastfreundschaft, das heißt die Teilnahme an Eucharistie / Abendmahl der jeweils anderen Kirche unter bestimmten Bedingungen, die 1975 von den Lutheranern schon erklärt wurde, wünsche ich mir auch von der römisch-katholischen Kirche. Wenn man sie als "Vorgeschmack" auf künftige Eucharistiegemeinschaft versteht, dann wird dadurch meines Erachtens die uns gemeinsame Überzeugung, dass Eucharistiegemeinschaft und Kirchengemeinschaft zusammengehören, nicht aufgegeben.

Frage: Im Vergleich zur DDR-Zeit sei Ökumene schwieriger geworden, heißt es gelegentlich. Stimmt der Eindruck?

Stöckigt: Die Ökumene ist anders geworden – differenzierter. Zu DDR-Zeiten wussten wir, wenn wir als Kirche im öffentlichen Bereich etwas tun wollten, dass wir nur eine Chance hatten, wenn wir uns gemeinsam darum bemühten. Dieser gesellschaftliche Druck ist weggefallen. Dafür gibt es in unserer Gesellschaft neue Herausforderungen und Chancen für unsere Kirchen (beispielsweise ethische Fragen), die auch nach einem gemeinsamen Handeln verlangen. Wie alle Menschen nach der Wende mussten auch unsere Kirchen ihren Platz in der neuen Gesellschaft finden. Dieser "Findungsprozess" hat in beiden Kirchen Kräfte gebunden und sie zu sehr mit sich selbst beschäftigen lassen, so dass Ökumene oftmals nur "Kür" war (und ist) und nicht "Pflicht". Und wir haben auch gelernt, uns gegenseitig eindringlicher zu befragen über die Grundlagen unseres Glaubens. Das ist für mich ein Zeichen eines gewachsenen Vertrauens. Mit Menschen, denen ich vertraue, kann ich auch über intime Dinge sprechen und brauche "heiße Eisen" nicht zu verschweigen.

Frage: Was können Kirchen und Gemeinden gemeinsam tun?

Stöckigt: Keine Rezepte, aber eine Faustregel: Alles gemeinsam tun, was gemeinsam getan werden kann und nur dort getrennt handeln, wo es unbedingt nötig ist! Dazu möchte ich Pfarrgemeinderäte und Gemeindekirchenräte ermutigen! Sie werden staunen, wenn sie sich darauf einlassen!

Frage: Sind Sie zuversichtlich, dass die Einheit der Kirchen kommen wird?

Stöckigt: Wir sind gemeinsam auf dem Weg. Und dieser Weg ist – wie auch im Leben – nicht immer gerade und eben. Da gibt verschlungene Pfade, Holzwege, Irrwege, Abwege, Sackgassen und auch Stolpersteine (nicht nur aus Rom!). Wenn wir aber das Ziel im Blick behalten, konfessionelle Selbstgenügsamkeit hinter uns lassen und zur Buße und Erneuerung in unseren Kirchen bereit sind, dann werden wir auch ankommen! Ja, ich bin zuversichtlich!

Aus: Tag des Herrn, 20.1.2002
Quelle: http://www.tag-des-herrn.de


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