Ökumenischer Kirchentag
Die meisten Kontroversen aus der Zeit der Reformation sind überwunden, am gemeinsamen Abendmahl aber entzündet sich immer noch Streit

Basis will Zeichen der Einheit setzen

Berlin, 27.10.2002. Immer mehr evangelische und katholische Christen wünschen eine Überwindung der Kirchentrennung, wie sie seit der Reformationszeit besteht. Sie fragen, welche Gründe es eigentlich noch für das Nebeneinander der beiden großen Kirchen gibt. Längst sind die meisten äußeren Missstände der römisch-katholischen Kirche, wie sie Martin Luther am 31.Oktober 1517 öffentlich anprangerte, behoben. In der für zentral gehaltenen Frage, ob der Mensch durch gute Werke oder durch den Glauben allein gerechtfertigt wird, haben sich beide Seiten so stark angenähert, dass 1999 eine "Gemeinsame Erklärung" unterzeichnet werden konnte. Ökumenische Gottesdienste und Trauungen sind keine Besonderheit mehr. Und ganz selbstverständlich nehmen viele glaubensverschiedene Partner an Gottesdiensten der jeweils anderen Konfession teil.

Aber nach wie vor gibt es auch Kontroversen zwischen den Konfessionen, die sich nur schwer überbrücken lassen: Die Selig- und Heiligensprechungen gehören dazu, die Marienfrömmigkeit oder auch die Lehre vom Ablass. Gravierendes Hindernis auf dem Weg zur Einheit sind außerdem Papsttum und Ämterhierarchie der katholischen Kirche. Mit dem evangelischen Amtsverständnis und vor allem mit Luthers Lehre vom "Priestertum aller Gläubigen" lassen sie sich nur schwer vereinbaren.

Streit ums Abendmahl
Als marginal empfinden dagegen viele Christen die noch bestehenden Unterschiede im Abendmahlsverständnis. Für die katholischen Initiativen "Kirche von unten" und "Wir sind Kirche" ist die Zeit jetzt reif, diese Unterschiede zu überwinden. Gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde am Prenzlauer Berg in Berlin wollen sie beim Ökumenischen Kirchentag 2003 zu zwei ökumenischen Abendmahlsfeiern einladen.

Der Streit darüber ist voll entbrannt. Der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky befürchtet "schweren ökumenischen Schaden" und droht, in Absprache mit dem Vatikan, Priester mit Sanktionen zu belegen, die sich an einer gemeinsamen Eucharistiefeier beteiligen. Auch die Leitung der evangelischen Kirche in Berlin geht auf Distanz. Der Vertreter des Bischofs, Propst Karl-Heinz Lütcke, bestellte die Pfarrer der Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord ins Konsistorium und äußerte die "starke Erwartung", dass die zwei umstrittenen Gottesdienste "nicht so, wie bislang geplant" ablaufen.

Es wäre eine "ziemliche Belastung für die Ökumene", wenn eine Gemeinde der gastgebenden Landeskirche die eindeutigen Absprachen innerhalb des Ökumenischen Kirchentages nicht beachte. Aus "Respekt vor der Situation des katholischen Partners" müsse die evangelische Seite Abstriche von ihren ursprünglichen Erwartungen machen.

Die Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord, mit 12.000 Mitgliedern die größte Gemeinde in der Berliner Stadtmitte, teilte inzwischen mit, dass sie einen Verzicht auf die geplanten ökumenischen Abendmahlsgottesdienste ablehnt. Der Gemeindekirchenrat habe sein ursprüngliches Votum für das Vorhaben bekräftigt. Dieses Zeichen gegenseitiger "Gastfreundschaft" sei zwar eine "geplante Grenzüberschreitung", aber nicht nur Provokation, sondern auch "produktive Ökumene". Theodor Bolzenius, der katholische Pressesprecher des Ökumenischen Kirchentages, betonte dagegen, man könne ein Vorgehen nicht akzeptieren, "das einen bewussten Bruch katholischer Christen mit ihrer Kirche beinhaltet."

Bischöfe sagen Nein
Auf dem Ökumenischen Kirchentag gemeinsam Abendmahl zu feiern, war ursprünglich der Wunsch beider Veranstalter, des Deutschen Evangelischen Kirchentages wie auch des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Die katholischen Bischöfe setzten dem ein rigoroses Nein entgegen. Die evangelische Seite musste sich verpflichten, ökumenische Abendmahlsfeiern in ihren Gemeinden nicht zuzulassen. Ökumenische Gottesdienste wird es nur zu Beginn und Ende des Kirchentages geben. Im übrigen wird zu strikt nach Konfessionen getrennten Eucharistiefeiern eingeladen.

Dass die Ausrichter des Kirchentages Rücksicht nehmen müssen auf die offizielle katholische Position, ist nachvollziehbar. Das gemeinsame Unternehmen Kirchentag wäre sonst vielleicht sogar noch gefährdet. Die betroffenen Priester müssten die Folgen tragen. Und das gegenwärtig gute Gesprächsklima zwischen den Kirchenleitungen wäre auf lange Zeit belastet. Nur in einer Ökumene, die in gegenseitiger Achtung besteht und die andere Seite nicht vereinnahmt, kann es auf Dauer einen Fortschritt der Bemühungen um Einheit geben.

Dennoch wird es natürlich kein Bischof verhindern können, dass es in Berlin außerhalb des offiziellen Programms zu gemeinsamen Abendmahlsfeiern kommt. Schließlich ist das Abendmahl sichtbares Zeichen der Versöhnung und Gemeinschaft, zu der Christus selbst Menschen an seinen Tisch einlädt. Wenn Christen an der Basis gemeinsam Abendmahl feiern wollen, setzen sie ein sichtbares Zeichen der Einheit, die in ihm selbst ihren Grund hat. Das Kirchenrecht darf nicht über dem Glauben stehen. (WOLFGANG RIEWE)

Aus: Unsere Kirche 44/2002, 27.10.-2.11.2002
Quelle: http://www.unsere-kirche.de


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