Berlin, 31.10.2001. Alle Wege führen nach Rom. Aber es gibt auch Wege, die vom Zentrum der katholischen Christenheit ins Kernland der Reformation führen. Im Dom St. Blasi zu Braunschweig feierten jetzt Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Einheitsrats, und der Präsident des Lutherischen Weltbundes, Landesbischof Christian Krause, einen ökumenischen Gottesdienst. Kasper ist nach 500 Jahren der erste "Senator" des Papstes, der diese lutherische Stadt besuchte - und das am Vorabend des Reformationsfestes. Ein ökumenisches "Event", ein symbolisches Zeichen, dass Augsburg 1999 entgegen aller Unkenrufe doch Früchte trägt.
Am 31. Oktober vor zwei Jahren hatten Kasper und Krause ihre Namen unter die gemeinsame Feststellung über den "Konsens in Grundwahrheiten" der Rechtfertigungslehre gesetzt; der Katholik und der Lutheraner bekannten feierlich, dass sie in zentralen Fragen des Glaubens übereinstimmen und die früheren Verwerfungen und Zurückweisungen nicht mehr gelten. Zu diesem gemeinsamen Weg, sagt Kasper nun in Braunschweig, "gibt es keine Alternative". Krause bestätigt: "Es gibt kein Zurück."
Beide sind sich auch einig, dass es darüber hinaus ein Vorwärts, ein "Weitervorankommen" geben muss, damit sich die erreichten Übereinstimmungen unmittelbar im Leben der Kirche und ihrer Glieder auswirken. Die ökumenisch Engagierten in beiden Konfessionen beginnen unruhig zu werden. Sie sprechen von Enttäuschungen nach Augsburg 1999, und meinen damit nicht nur die vatikanische Erklärung "Dominus Iesus" vom September 2000, die den Kirchen der Reformation das Kirchesein bestritt. Es geht auch um eine großzügigere Genehmigung ökumenischer Wortgottesdienste an Sonn- und Feiertagen.
Die Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) hatte die katholische Kirche im vergangenen Jahr darum gebeten. Der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich bedauerte jetzt, dass es nicht nur zu keinem Fortschritt, sondern sogar zu einem Rückschritt gekommen sei. Habe noch vor wenigen Jahren der zweite Pfingsttag als gute Gelegenheit für ökumenische Gottesdienste gegolten, so klagten seit neuestem evangelische Pfarrer und Pfarrerinnen über eine restriktive Praxis auf katholischer Seite.
Ebenfalls keine Fortschritte seien bei der Frage nach der eucharistischen Gastfreundschaft für konfessionsverschiedene Ehen und Familien zu verzeichnen, berichtete Friedrich der VELKD-Synode. Gespräche in Rom mit den Kardinälen Joseph Ratzinger und Walter Kasper hätten ergeben, dass die Deutsche Bischofskonferenz am Zuge sei. Ihre Mitglieder hätten sich aber noch nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können. "Dass christliche Eheleute ihren gemeinsamen Weg vor Gottes Altar unter seinem Segen beginnen, danach aber am Tisch des Herrn getrennt werden, ist eine Absurdität, die niemand versteht", sagt Landesbischof Friedrich.
In der Diskussion über den in Berlin geplanten ökumenischen Kirchentag 2003 nimmt der Lutheraner allerdings eine moderate Haltung ein. Diese Veranstaltung stehe und falle nicht damit, ob man gemeinsam das Abendmahl feiern könne. Der Hildesheimer katholische Bischof Josef Homeyer warnte in Braunschweig vor Begriffsverwirrungen: "Ökumene ist keine dritte Konfession." Es führe aber zum Verlust kirchlichen Christseins, wenn etwa die Frage des gemeinsamen Abendmahles einfach im Rückgriff auf politische Tugenden von Toleranz und Liberalität beantwortet werde.
Homeyer plädiert für eine "anspruchsvolle Ökumene". Er fordert Sensibilität für die überlieferten Erfahrungen der Konfessionen, für ihre je eigenen Sprachformen des Glaubens, ihre Symbole, Zeichen und Gesten: "Nur wenn wir diese konfessionell über Generationen geprägten Formen wahren, können wir sie auch im Geist der Ökumene weiterentwickeln. Dann ist es gut, dass eine spezifisch protestantische Frömmigkeit des Wortes Gottes in katholischen Gemeinden ihren Raum bekommt und umgekehrt eine typisch katholische Symbolsprache auch im evangelischen Gottesdienst erlernt wird. Es geht um eine Ökumene der Beheimatung von Menschen in ihren Kirchen."
Eine solche Ökumene meint nicht "Einheitskirche", wie Kardinal Kasper klarstellt, sondern "Einheit in Verschiedenheit", in der verbleibende Unterschiede miteinander "versöhnt" werden. Auch dieses Kirchenmodell ist nicht unumstritten. Für den Apostolischen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Giovanni Lajolo, ist es "verführerisch", eine "versöhnte Verschiedenheit" als Ziel der Ökumene auszugeben.
Der Botschafter des Papstes warnt vor einem "Glaubensrelativismus", mit dem der Weg der Ökumene, deren Ziel die sichtbare Einheit der Kirche sein müsse, verlassen werde. Vor allem die evangelischen Teilnehmer eines Empfangs der Bischofskonferenz in Berlin vernahmen diese Sätze mit Verblüffung. Landesbischof Wolfgang Huber befand knapp, der ökumenische Gehalt dieser Rede müsse "innerhalb der katholischen Kirche geklärt werden". Ökumene in Deutschland, wo 27 Millionen Katholiken 27 Millionen Protestanten gegenüberstehen, bleibt ein anspruchvolles, kontroverses Thema. (Gernot Facius)
Aus: Die Welt, 31.10.2001
Quelle:
http://www.welt.de