Friedrich Schorlemmer:

Lasst euch einladen - und geht hin!
Eucharistische Gastbereitschaft - eine evangelische Selbstverständlichkeit


"Steh auf und iss, sonst ist der Weg zu weit für dich" - mit diesem Satz des Papstes und der Versicherung "und dies gilt für uns alle" schloss die Ansprache von Professor Hasenhüttl bei der Eucharistiefeier mit offener Kommunion zur Zeit des Ökumenischen Kirchentages in Berlin am Prenzlauer Berg. Ich bin sehr gerne dieser Einladung gefolgt - so, wie ich das seit 30 Jahren pflege, wenn es sich auf natürliche Weise ergibt. Das hat für mich nichts Demonstratives oder nach außen hin Zeichenhaftes, sondern etwas geradezu Selbstverständliches. Wir sind nicht die Herren am Tisch des Herrn: Der Herr ist der Einladende. Wir sind die Gäste.

Der Skandal unserer christlichen Kirchen ist, dass wir es immer noch nicht vermocht haben, ganz offiziell einander eucharistische Gastbereitschaft anzubieten, uns also gegenseitig in unseren Gottesdiensten (oder Hochämtern!) einzuladen, miteinander das Brot zu brechen und den Kelch zu teilen. Wie wollen wir der Welt ein Zeugnis der in Gott versöhnten Menschheit geben, wenn wir an dieser sensibelsten Stelle einander ausschließen? Wo Christus uns die Gemeinschaft mit ihm, die Gemeinschaft miteinander und die Versöhnung mit Gott anbietet und uns zu Botschaftern der Versöhnung macht, grenzen wir andere Mitchristen aus!

In den vergangenen zweitausend Jahren haben sich unterschiedliche Riten, unterschiedliche theologische Deutungen, unterschiedliche Auffassungen vom Priesteramt herausgebildet. Ist nicht aber bei allem Trennenden das Gemeinsame viel größer und stärker? Und ist das nicht unendlich viel gewichtiger? Wenn es uns denn noch nicht gelingen mag, wegen unserer unterschiedlichen Kirchen- und Amtsverständnisse gemeinsame Mahlfeiern (Konzelebrationen) zu gestalten, so sollten wir Christen uns doch wenigstens einander einladen, Gäste zu sein an dem Tisch, den wir in seinem Auftrag decken. Wir lassen daran Christus den Gastgeber sein, der uns an Leib und Seele speist.

Als ich einige Wochen vor dem Ökumenischen Kirchentag gefragt wurde, was ich von diesem Ökumenischen Kirchentag erwarten würde, habe ich geschrieben:

Wir sind als Christen der Welt schuldig, dass wir praktisch zeigen, dass uns weit mehr verbindet, als uns trennt. Christus braucht Zeugen, die gemeinsam auf der Suche nach Wahrheit bleiben, die gemeinsam dem Frieden und der Gerechtigkeit Stimme geben, die gemeinsam in Ehrfurcht vor dem Leben handeln. Der Ökumenische Kirchentag kann in einer gespaltenen und bedrohten Welt-Zeit ein weit und tief wirkendes Symbol für den SCHALOM Gottes werden, aus dem und auf den hin wir alle leben. Ich hoffe, dass wir uns nicht im Kleinlichen, im Rechthaberischen oder Trennenden verlieren und uns einladen (lassen) an den Tisch, den wir nicht gedeckt haben. Es steht viel auf dem Spiel - für uns selbst und für unsere Welt. Aber warum sollte nicht der Heilige Geist in den Tagen vor Pfingsten über Berlin wehen?

Und so habe ich natürlich mit innerer Freude an dieser Eucharistiefeier während des Kirchentages teilgenommen. (Und ich finde es herabsetzend, wenn immer gesagt wird, diese Mahlfeier hätte "am Rande des Kirchentages stattgefunden". Wer bestimmt hier, was Rand ist, und wer bestimmt, was Mitte genannt werden darf?) Es war schon ein sprechendes Symbol, dass Hunderte unmittelbar vor der Kirchentür, auf den Treppen bis auf die Straßen standen, um sehr gesammelt den Gottesdienst über Lautsprecher mitzuverfolgen. Die Elemente wurden herausgetragen. Und Prof. Hasenhüttl kam dann gar bis auf die Straße. Dort wurde - gewissermaßen mitten im Leben - Brot und Wein ausgeteilt. Niemand sollte ausgeschlossen bleiben, auch nicht die, die weitab auf den Bürgersteigen warteten.

Dass die katholische Amtskirche jetzt so rigide reagiert, sowohl gegen Pfarrer Knoll, dem die bloße Teilnahme an einem evangelischen Abendmahl vorgeworfen wird, und gegen Prof. Hasenhüttl, der die katholische Eucharistiefeier liturgisch geleitet hatte, ist mir unbegreiflich und macht vielleicht heute noch deutlich, wie sehr Luthers Spott über die deutschen Bischöfe immer noch zutrifft: "Sie (gemeint sind die deutschen Bischöfe gegenüber Rom) sitzen da wie die Nullen." Man kann einen solchen Vorgang nicht einfach auf sich beruhen lassen. Wir sollten uns nunmehr in einer unaufgeregten Weise einander - füreinander! - öffnen, statt noch weitere 400 Jahre zu warten.

Ich begreife die Maßregelungen nicht. Es schmerzt auch, weil ich mich mit katholischen Christen sehr verbunden fühle. Und was der Apostel Paulus geschrieben hat, gilt auch hier: "Wo ein Glied leidet, leidet das andere mit." Wenn Bundespräsident Rau - als ein reformierter Christ - seine Enttäuschung über diese Vorgänge öffentlich ausdrückt, weil eine Hoffnung auf mehr Einheit damit vor aller Welt konterkariert wird, so muss nicht Kardinal Lehmann gleich zurückweisend reagieren, dies stünde dem Bundespräsidenten nicht zu. Was dem Bundespräsidenten zusteht, das entscheidet er selbst, - hier geht es um eine zentrale Frage von Christsein in der Welt, in der wir uns die Querelen des 16. Jahrhunderts nicht mehr leisten können, zumal inzwischen immerhin das II. Vatikanische Konzil stattgefunden hat.

Ich kann dem - im Übrigen auch von mir hoch geschätzten - Kardinal Lehmann nur empfehlen, die Ansprache von Bruder Hasenhüttl während der Eucharistiefeier zu lesen. Sicher ist das nicht dogmengeschichtliche Korrektheit, aber es ist menschliche Klarheit und eine am Evangelium orientierte Interpretation über den Jesus, der alle an seinen Tisch geladen hatte, die mühselig und beladen sind. Er wollte und er will sie heute noch erquicken.

Die beiden Mahlfeiern mit offener Kommunion richteten sich gegen niemanden. Sie richteten sich auf die Einheit in Christus. Dort wurde nichts proklamiert, sondern es wurde etwas uns Christen Angebotenes vollzogen, ohne jeden Hieb auf die Amtskirche oder gar auf des Papstes Enzyklika, die meinte, den Anfängen wehren zu müssen. DOMINUS JESUS - das kann ich nur immer wieder wiederholen. Zugleich bestehe ich darauf, dass es eine Amtsanmaßung ist, wenn römisch-katholische (oder andere) Amtsträger es Christgläubigen verweigern, an ihren Mahlfeiern teilzunehmen, dass es Amtsanmaßung ist, den eigenen Amtsträgern zu untersagen, alle Gläubigen an den Tisch des Herrn zu laden oder am Tisch des Herrn Brot und Wein zu empfangen, wenn Vertreter anderer Konfessionen dazu einladen. Das muss schon der einzelne Christ mit seinem Gewissen vor Gott ausmachen, ob er sich in Inhalt und Form an einer Mahlfeier der je anderen Gemeinde oder Kirche beteiligen kann.

Freilich kann ich katholische Mitchristen häufig verstehen, dass sie bisweilen Schwierigkeiten haben, an unseren evangelischen Mahlfeiern teilzuhaben, sofern wir dem Mysterium zu wenig festlich, zu wenig feierlich, zu wenig ehrfurchtsvoll begegnen. Wir können vom Reichtum und der Intensität, von der Herzen und Sinne erhebenden festlichen Form der katholischen Messfeiern durchaus lernen und uns inspirieren lassen und Katholiken vielleicht auch von der Schlichtheit und Dichte, von der sozialen und politischen Relevanz und Brisanz von SCHALOM-Mahlfeiern auf protestantischer Seite.

Einer liturgischen Unachtsamkeit, die in Banalität oder gar Lieblosigkeit ausarten kann, entspricht bisweilen eine katholisch ausufernde Zeremonalität und ein Getue, das kaum an Brotbrechungen erinnert, von denen die Evangelisten oder Apostel Paulus berichten. Jedenfalls auf das Gezänk der Christen über dem Tisch des Herrn hat die Welt und der "Durcheinanderbringer dieser Welt" nur noch gewartet! Dass dabei nun gar wieder Kirchenstrafen verhängt werden, trifft nicht nur unsere katholischen Mitchristen, sondern uns alle. Und wer als Protestant aus kirchendiplomatischer Rücksichtnahme schweigt oder säuselt, tut unserem gemeinsamen Auftrag, in alle Welt zu gehen und die Völker zu lehren, was er uns aufgetragen hat, Abbruch.

Ich möchte alle Mitchristen bitten, sich dem Lehrdiktat nicht zu unterwerfen und aus freiem Herzen an den Gottesdiensten und den Mahlfeiern der je anderen Kirchen und Gemeinden teilzunehmen - mit ganz gutem Gewissen, mit einem in Christus verankerten Vertrauen: ER ist gegenwärtig, lasset uns anbeten - und IHN erinnern, vergegenwärtigen, loben und preisen.


Der Autor, Pfarrer Dr. h.c. Friedrich Schorlemmer, ist stellvertretender Direktor und Studienleiter "Theologie und Zeitgeschichte" an der Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt, Lutherstadt Wittenberg.

Kontakt: Ev-Akademie-Wittenberg@t-online.de

Literaturhinweise:

  • Friedrich Schorlemmer: Zeitansagen.
    348 Seiten, Verlag btb bei Goldmann, 1999

Friedrich Schorlemmer


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