1 Kor 12,12-14, 26/27
Man hat dem Christentum gern eine gewisse Leibfeindlichkeit vorgeworfen. Mindestens auf frühere Jahrhunderte trifft dies zweifellos zu. Heute allerdings hat sich das ein wenig verlagert: Wie vieles früher im Religiösen Beheimatete, hat auch die Hassliebe zum Leiblichen eine säkulare Fortsetzung gefunden. Während einerseits mit einem nie dagewesenen, bis über den Tod hinausgehenden Körperkult jeder Verfall des Leibes vertuscht werden soll, können wir uns zum anderen Abend für Abend bei Bier und Erdnüssen an der Zerstörung menschlicher Körper ergötzen. Der Mörder ist dabei nicht immer der Gärtner, sondern der Nervenkitzel in uns, das echte oder geschauspielerte Leid des anderen zu betrachten und zu denken: Wir sind noch einmal davongekommen; mich trifft es ja nicht. Das ist unser ungelöstes Problem: Das, was uns Lust macht, ist zugleich sichtbarer Ort unseres Verfalls; Selbsthass ist nicht selten die Folge. Es ist, wie es so schön heißt, zum Aus-der-Haut-Fahren.
Paulus lässt uns das Vergnügen nicht. Nicht nur, dass wir mit unserem eigenen Leib schon genug zu tun hätten, er sagt noch dazu: Ihr seid Christi Leib. Natürlich meint er dies zunächst anders.
Paulus will uns
Soweit die großen, ganzheitlichen Visionen vom Leib. Aber: Es bleibt eben auch die Grundeinsicht zu beachten: Leib, so lange er irdisch ist, ist Verfall, ist Zeichen von Wunde, Schmerz und Tod. Auch der Auferstehungsleib Christi trägt noch die Wundmale. Die Kirche, sein mystischer Leib, ist übersät von Wunden.
Wunde eins: Das Bild von dem einen Leib und den vielen Gaben, den vielen Begabungen, ist so wundervoll und einleuchtend, dass an jedem Kirchweihfest bei uns begeistert darüber gepredigt wird, etwa in dem Tenor: Ihr vielen unterschiedlichen Begabungen in der Gemeinde, lasst einander zu, erfreut euch an eurer Vielfalt, neidet einander nicht! Aber ist es nicht unser eigentliches Problem geworden, unsere eigentlich offene Wunde in diesem Bereich, dass wir in unseren Gemeinden oftmals weit von einer Konkurrenz der Charismen entfernt sind, weil weit mehr Begabungen fehlen als zur Vollständigkeit eines Leibes dasein müssten. Fehlt es nicht in unseren Gemeinden manchmal schon an Händen und Füßen, ja bisweilen sogar am Kopf? Was tun wir, wo der Leib Christi vor Ort nur noch ein Torso ist? Resignieren wir ganz? Oder halten wir im Gegenteil hektisch und unbegnadet eine Fassade aufrecht, auch wo wir die geeigneten Begabungen nicht haben? Oder tun wir zuversichtlich mit geringen Kräften das, was wir ehrlich tun können in dem Bewusstsein, dass die Kirche, der Leib Christi, größer ist als meine kleine Gemeinde? Das macht die Sache ja erst spannend.
Zweite Wunde: Die Eucharistie, das Abendmahl als Leib-Christi-Gemeinschaft. Wenn die Eucharistie oder das Abendmahl, wie die Evangelischen gern sagen, der Brotlaib, uns handgreiflich, Stück für Stück daran erinnert, dass wir alle der Leib Christi sind, dann darf sie, wie Luther richtig wiederentdeckt hat, keine Feier nur in den Winkeln und Ecken sein, keine nur private Erlösungsfeier, aber mithin auch kein dürftiges, exklusives Anhängsel an den Gottesdienst, womöglich noch nachdem die meisten Teilnehmer schon nach Hause gegangen sind. Abendmahl als Leib-Christi-Feier ist vor allem Fest der Freude und Zuversicht. Es ist ja der Auferstandene, der sich uns beim Abendmahl schenkt und uns eint. Diese Freude und Zuversicht sollte eigentlich den Gestaltungsrahmen unserer Eucharistiefeiern immer bestimmen. Da gibt es noch allerhand zu heilen, an den Traditionen in unseren Köpfen und in unseren Liturgien.
Dritte Wunde: Die Kirche, der Leib Christi, ist und bleibt von ihrer Grundgestalt her eine. Kurz gesagt: Es ist und bleibt ein Skandal, wenn das Abendmahl, die Eucharistie, an verschiedenen Altären gefeiert wird, und wenn wir die jeweils anderen ausladen. Damit sind wir beim Thema eucharistische Gastfreundschaft, wie wir sie hier heute wieder begehen. Nicht von unseren eigenen Kirchen, wohl aber gelegentlich von außen wird das, was wir hier tun, ja immer noch hinter vorgehaltener Hand als ungerechtfertigtes Voranpreschen betrachtet: Kirchen, die keine volle Kirchengemeinschaft haben, feiern mit einander das Heilige Mahl. Erst, so sagen die Kritiker, muss doch volle Kirchengemeinschaft dasein, dann erst folgt die Abendmahlsgemeinschaft - vielleicht. Und unter voller Kirchengemeinschaft versteht man dann die gegenseitige Übernahme bzw. Deckungsgleichheit möglichst aller Lehren und Theologien, die jemals von der je anderen Seite über Abendmahl und Amt und dergleichen erdacht und aufgeschrieben wurden.
Paulus sieht das viel einfacher. Wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft (V. 13). Gott sei Dank ist es ja selbst den größten Eiferern in der Kirchengeschichte nie gelungen, die Einheit der christlichen Taufe und die Einheit der christlichen Urbekenntnisse endgültig auseinander zu dividieren. Es gibt, streng genommen, keine evangelische, keine alt-katholische, römisch-katholische oder orthodoxe Taufe. Die Taufe ist einmalig und unwiederholbar und sie ist und bleibt somit ein ökumenisches Urzeichen. Sie ist ein Quell aus dem Fels, aus dem Grundstein geschlagen. Sie erinnert uns: Von dieser gemeinsamen Quelle her besteht Kirchengemeinschaft schon seit jeher und immer noch weiter. Wir werden beim jüngsten Tag nicht danach gefragt werden, ob es uns gelungen ist, die jeweils eigenen theologischen Spekulationen unserer Kirchen als ewige Wahrheiten gegeneinander verteidigt zuhaben, sondern ob wir die in der Wurzel unzerstörbare, unauslöschliche Einheit der Kirche, geschaffen aus einem Gottesgeist und geschöpft aus einer Taufe, auch in der Eucharistie bekannt und "dynamisiert" haben, das heißt als Kraftquelle zur Veränderung auf Christus hin, als Speise auf dem Weg verstanden haben.
Kirchengemeinschaft verstanden als dogmatisches Ziel, also als Übereinkunft aller theologischen Haupt- und Nebenwege wird es, so hat es einmal ein Spötter formuliert, erst 14 Tage nach dem jüngsten Tag geben. Kirchengemeinschaft aber von der Taufe und vom Geist, also vom Weg Christi her, gibt es schon heute, freilich nicht einfach als Ruhepunkt, sondern als Verpflichtung. (Ein Schritt auf dem Weg dieser Verpflichtungen waren die Vereinbarungen von Lima 1982!)
Aber es bleibt nicht bei den drei Wunden, den drei Einwänden gegen die drei Ganzheitsforderungen des Leib-Christi-Gedankens. Den katholisch Geprägten unter uns sind ja ohnehin die heiligen fünf Wunden als Betrachtungsgegenstand des mystischen Leibes Jesu vertraut, und ein wenig sollte man die Sache noch abrunden.
Vierte Wunde also: Die Welt. Die eigentliche Hostie, das, was es eigentlich zu heiligen und zu konsekrieren gilt, ist nicht nur der Einzelne, auch nicht nur die Kirche, sondern die Welt. Wenn wir die Erde betrachten, fallen uns vermutlich mehr Wunden ein als Heil. Christus aber will den ganzen Kosmos auf seine Ankunft hin heiligen.
Die Kirche hat leider zu einem guten Teil ihren missionarischen Elan verloren. Demgegenüber steht der Anspruch Christi zur Heiligung, zur Welttaufe, zur Einver-leibung. Teilhard de Chardin wagt das Bild, die Welt sei eine gewaltige Hostie, von Christus in einen gewaltigen Heilsprozess, Konsekrationsprozess hineingezogen. Die Kirche könne, müsse so etwas wie die Konvergenzachse dieser Heiligung sein. Das heißt auf gut deutsch: In der Kirche müssen sich alle Kräfte sammeln und von ihr alle Kräfte kräftig ausgehn, die das Heil der Welt wollen. Das meint einmal Engagement für Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, dann aber vor allem: Vermittlung der Zuversicht, dass jenseits aller technisch machbaren und kosmetischen Verbesserungen der Welt eine Hoffnung geschenkt wird, die nur im Glauben erreichbar ist. Ohne diese jenseitige Hoffnung auf einen Heiland (schade, dass dieser schöne Titel so verklungen ist!), der selbst erfahren hat, was Leiblichkeit und mithin Verwundung und Tod ist, bleibt die Welt ein trostloses Rätsel. Es bleibt eben nicht beim vergänglichen Corpus "Kirche", es findet Wandlung statt in den unverweslichen Christusleib. Die riesige Kluft zwischen dem Ist-Zustand "Menschheit, Erde" und dem Ziel des Christusleibes "vollendete Welt" müsste schon missionarischer Impuls genug sein.
Und fünfte und letzte Wunde: Ernesto Cardenal schreibt: Wir Menschen sind mit einem verwundeten Herzen geboren (Das Buch von der Liebe). Das ist wahr: In unserem Herzen schreien wir unersättlich nach immer noch mehr Liebe, immer noch mehr Anerkennung, immer noch mehr Verständnis, Zuwendung, Trost und Heil. Der uns dieses Heil schenken kann, der Heiland, ist mit einem verwundeten Herzen, einem offenen Herzen gestorben. Der Leib, den er uns hinterlässt, ist ein Leib mit offenem Herzen. In diesem Leib sind wir arme Sünder schon gerechtfertigt, um es in der evangelischen Sprache auszudrücken. Er, der verwundbare Gottessohn, will uns an sein offenes Herz ziehen, damit wir den Mut finden, zu unseren Verwundbarkeiten zu stehen und einander die Herzen zu öffnen. Die frühen Theologen der Kirche sahen im Blut und dem Wasser aus Jesu Seite gern ein Sinnbild von Taufe und Eucharistie, den Sakramenten der Kirche. Wenn die Kirche bei diesen Sakramenten bleibt, diese Sakramente in ihrem Vollsinn ernst nimmt, bleibt sie auch als Ganze seinem Herzen nahe, bis sich ihr Leib verklärt in die Gemeinschaft derer, die ihn unverhüllt schauen.
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Joachim Vobbe ist Bischof des katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland. Weitere Infos im Internet: http://www.alt-katholisch.de |