Angela Berlis:

Von Martha und Maria zu Peter und Paul


Der 29. Juli 1974 ist in der (anglikanischen) Episkopalkirche in den USA (ECUSA) ein historisches Datum. An diesem Tag, dem Festtag von Maria und Martha von Bethanien, weihten drei Bischöfe elf Diakoninnen zu Priesterinnen. Die Sache hatte allerdings einen Haken: die drei Bischöfe, die alle keine amtierenden Diözesanbischöfe (mehr) waren, weihten die Frauen ohne vorherige kirchliche Zustimmung. Denn die Frage der priesterlichen Ordination von Frauen wurde damals in der Episkopalkirche zwar diskutiert, aber sie war zum Zeitpunkt der Weihe noch nicht beschlossen. Und so wurde die Weihe der "Elf von Philadelphia" von vielen bejubelt, von vielen aber auch negativ beurteilt. Zwei Jahre später sprach sich die "General Convention" für die Einbeziehung von Frauen in das Priesteramt aus und die erste reguläre Ordination fand am 1. Januar 1977 statt. Die Mehrzahl der 1974 geweihten Frauen arbeiteten nach ihrer Weihe als Gemeindepriesterinnen, als geistliche Begleiterinnen in Hospitälern und Kliniken, andere auch als Theologinnen.

An dieses inzwischen historische Ereignis musste ich denken, als ich von dem Plan mehrerer römisch-katholischer Frauen hörte, sich am 29. Juni 2002 die Priesterweihe erteilen zu lassen. Es scheinen zwei vergleichbare Ereignisse zu sein – und sind es doch aus verschiedenen Gründen nicht. Die Ausgangssituation ist eine andere. Während die ECUSA damals auf dem Weg zur Öffnung des Priesteramtes für Frauen war, haben offizielle römisch-katholische Verlautbarungen der letzten Jahre zunehmend alle Türen verschlossen und damit versucht, jegliche Diskussion im Keim zu ersticken. Viele an der Basis, Laien wie auch Theologen, halten die Vorgehensweise ihrer kirchlichen Oberen für einen nicht berechtigten Gebrauch der Schlüsselmacht. Deren Aufgabe wäre es doch eher, Türen für das Gespräch aufzuschließen als sie zu verriegeln. Kritische Gruppen in der römisch-katholischen Kirche erheben deshalb zu Recht Einspruch gegen eine Monopolisierung der Diskussion, die auf eine bisher ungekannte Klerikalisierung und Patriarchalisierung des Amtes hinausläuft und gleichzeitig grundsätzliche christliche Lehren wie etwa die der Menschwerdung Gottes in Christus verengt. Denn welche Folgen wird diese Betonung der Mannwerdung Christi für die Verkündigung der christlichen Heilsbotschaft in der römisch-katholischen Kirche haben?

Auf der einen Seite also ein kirchenweiter synodaler Meinungsbildungsprozess, auf der anderen Seite die Spannung zwischen einem obrigkeitlichen Verordnungsdenken und einer Bewegung an der Basis. Hat die irreguläre Weihe der elf Frauen dazu beigetragen, dass die Episkopalkirche ihre Türen den weiblichen Priestern geöffnet hat? Die Meinungen darüber sind verteilt. Viele denken, dass die Priester- und Bischofsweihe von Frauen in jedem Fall, nur einige Jahre später gekommen wäre, andere sind der Ansicht, dass der Druck, der mit den irregulären Weihen ausgeübt worden ist, die weitere Entwicklung maßgeblich beeinflusst hat.

In welcher Weise werden die jetzt bevorstehenden Weihen Einfluss auf die römisch-katholische Kirche haben? Dies wird entscheidend davon abhängen, wer diese Frauen weihen wird. Wird es ein mit dem Bischof von Rom in Gemeinschaft stehender Bischof sein oder ein Bischof, der sich lediglich auf sein Stehen in der apostolischen Sukzession beruft? Letzteres scheint den betroffenen Frauen das Wichtigste zu sein. Diesen Eindruck wecken zumindest die bisherigen Pressemitteilungen. Mir ist bei dieser Argumentation mulmig zumute. Denn diejenigen, die ihre apostolische Genealogie am lautesten nachzuweisen versuchen, sind meist so genannte 'Vagantenbischöfe', die ihr 'Amt' zur Not auch ohne Kirche ausüben können. Frauen, die sich von einem solchen 'Bischof' weihen lassen, werden nicht nur innerhalb der römisch-katholischen Kirche, sondern auch in anderen katholischen Kirchen wenig Gehör finden.

Die Bedeutung, die in der ganzen Diskussion der apostolischen Sukzession des Weihenden beigemessen wird, lässt aufhorchen. Bleibt die Argumentation nicht zu sehr der Schablone petrinischer Kirchenkultur verhaftet und ist damit letztlich hierarchietreuer als man vielleicht beabsichtigt? Welches Kirchen-, welches Amtsverständnis wird hier eigentlich vertreten? Werden nicht theologische Altlasten eines längst überholten, klerikalen, gar magischen Amtsverständnisses neu aufbereitet, sozusagen feministisch-basiskirchlich recycelt? Handeln sich damit die Frauen nicht eine Art des Amtes ein, dessen Berechtigung sie ansonsten in Frage stellen? Auch unter ökumenischem Gesichtspunkt scheint mir das Wiederaufleben-Lassen derartiger theologischer Denk- und Argumentationsmuster problematisch.

Deshalb wird für die weitere Diskussion nicht so sehr die apostolische Sukzession eine Rolle spielen, als vielmehr die Frage, ob dieser (Diözesan- oder Titular-) Bischof in Gemeinschaft mit Rom steht. Wenn dies der Fall ist, werden die Frauen durch die Weihe in die Diözese des betreffenden Bischofs aufgenommen und sind ihm zugeordnet. Sollte es aber nur ein Bischof ohne erkennbare Diözese sein, der lediglich Aufsehen erregende Handauflegungen liebt, dann handelt er verantwortungslos. Denn damit würde ein 'absolutes', d.h. von der konkreten Kirche bzw. Gemeinde losgelöstes Amt geschaffen, was der Sache nicht dienlich wäre. Nicht nur in alt-katholische Sicht wäre ein solches 'frei schwebendes' Amt ein (theologisches) Unding.

Man muss sich ja nicht nur fragen, welche Folgen die Weihe für die weitere Diskussion hat, sondern auch, was diese Weihe bedeutet. Eine Stola, die die Frauen tragen dürfen, die Verleihung einer Würde, oder die Berufung in ein Amt, das der Gemeinde dient? Von alters her ist es der Bischof, der kraft seines Amtes nach reiflicher Überlegung und Überprüfung der Eignung entscheidet, ob er einer Person die Weihe erteilt oder nicht. Er tut dies in Übereinstimmung mit der Kirche. Durch die Geheimniskrämerei um diese Weihe kann das Kirchenvolk in diesem Fall nicht befragt werden. Lediglich zwei Kandidatinnen haben sich über die Presse bisher 'geoutet'. Was werden sie nach ihrer Weihe tun? Werden diejenigen, die jetzt diese Weihen öffentlich befürworten und damit faktisch eine Mitverantwortung übernehmen, da sie sich ja in diesem Fall als 'Kirche' ausgeben, auch nach dem 29. Juni dafür sorgen, dass diese Frauen ihren Dienst für die Kirche versehen können? Oder soll an Peter und Paul einfach nur ein Zeichen gesetzt werden, möglicherweise ein ans Fernsehen vermarktetes Medienereignis stattfinden, mit dem der Unmut gegen die Kirchenobrigkeit einmal mehr zum Ausdruck gebracht wird?

Das Beispiel der ECUSA zeigt, dass kirchenrechtliche Begründungen allein nicht ausreichen, um die Gültigkeit dieser Weihen anzuzweifeln. Auch der Vorwurf, dass es sich um 'irregulären Aktionismus' handle, rechtfertigt noch kein Verdikt dagegen. Denn – wie die Weihen in der ECUSA zeigen – die Kirche besitzt die Möglichkeit, Irreguläres im Nachhinein wieder zu regulieren, und zwar durch nachträgliche Rezeption. Die Frage wird vielmehr sein, wem die Sache wirklich dient. Wird sie letztlich das System stützen, indem sie der Kirchenobrigkeit ein weiteres Argument gegen die Frauenordination in die Hand gibt, oder wird sie ein System aushöhlen, das Frauen zu Unrecht von den kirchlichen Ämtern ausschließt? Dies wird nicht zuletzt von der theologischen Argumentation, von der Sorgfältigkeit der Vorbereitung des Ereignisses, von dem Verantwortungsbewusstsein der beteiligten Frauen und derer, die sich hinter sie stellen, allen voran des beteiligten Bischofs, abhängen. Die bisherigen Aussagen, die in der Presse zu hören waren, spiegeln meiner Meinung nach die zwiespältige Haltung einer Mutterkirche gegenüber, die man/frau einerseits bekämpft und wohl sogar als bedrohlich erfährt, um sich ihr andererseits mit Herz, Engagement und Verstand wieder anzubieten. Ist es möglich, sich so von der Kirchenhierarchie abzugrenzen und gleichzeitig die Eingliederung in sie zu begehren? Die Zukunft wird erweisen, ob Peter und Paul 2002 in die Chronologie der Einbeziehung von Frauen ins Priesteramt in verschiedenen Kirchen - angefangen beim Festtag von Maria und Martha 1974 (ECUSA) über den Festtag der hl. Juliana von Norwich am 8.Mai 1994 (Kirche von England) bis hin zum Pfingstfest 1996 (Alt-Katholische Kirche in Deutschland) - eingereiht werden wird oder nicht.


Angela Berlis, Dr. theol.,

  • alt-katholische Theologin und Priesterin,
  • arbeitet als Dozentin für Pastoraltheologie am Alt-Katholischen Seminar in Utrecht,
  • als research fellow am Dominikanischen Studienzentrum in Nijmegen
  • und als Priesterin im Dienst der Alt-Katholischen Kirche.

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