Carl-Peter Klusmann:

Kein "kurzer Prozess" gegen die unbotmäßigen Frauen

Streit mit Rom / Vorbehalte der IKvu / Bedenken / Ausblick


Mit dieser Überschrift hat der Verfasser nach der "Priesterinnenweihe" am 29. Juni und vor dem Bannstrahl aus Rom in Imprimatur / SOG-Papiere 02/5-6 und an dieser Stelle die Vorgänge kommentiert. Er hatte Unrecht, denn die Glaubenskongregation machte doch kurzen Prozess, indem sie am 5. August 2002 die als Priesterinnen nicht Anerkannten mit der Exkommunikation belegte. Dennoch hatte er in anderer Beziehung durchaus Recht. Denn es gab insofern keinen kurzen Prozess, weil überhaupt kein Prozess zustande kam. Wenn die Glaubenskongregation sich nachträglich auf einen Rechtsstreit einließe, wie es die Betroffenen anstreben, wäre das eine große Überraschung. Noch verschanzen sich die römischen Prälaten hinter dem alten Prinzip: Prima Sedes a nemine iudicatur (can. 1404 CIC). Der Römische Stuhl unterliegt keinem fremden Urteil. Oder salopper formuliert: Roma locuta causa finita (Rom hat gesprochen, die Sache ist damit erledigt).

Zweifellos wird der Streit um die Möglichkeit der Frauenordination weitergehen. Niemals wieder werden sich die Frauen (und die Männer) mit dem Ausschluss der Hälfte aller Christenmenschen von jeglichem Weiheamt in der Kirche abfinden. Ob auch der Streit um die "Weihe" am 29. Juni 2002 weitergehen wird, das lässt sich nicht voraussagen. Jedenfalls ist zu wünschen, dass die betroffenen Frauen auf wohlmeinende Anfragen bezüglich mancher Umstände und Hintergründe ihrer Ordinationsfeier offen, notfalls auch selbstkritisch antworten.

Die folgenden Hinweise und Überlegungen wollen vor allem zu einer Versachlichung der Auseinandersetzungen um die kritische Stellungnahme der "Initiative Kirche von unten" (IKvu) vom 8. Juni 2002 beitragen, die manche Beobachter überrascht hat, vor allem solche, die eher ein Schwarz/Weiß-Denken gewohnt sind. Denn, dass die IKvu nicht minder als andere kirchliche Reformgruppen auch in Zukunft grundsätzlich den Zugang von Männern und Frauen, ob verheiratet oder nicht, zu den Ämtern der Kirche für theologisch gerechtfertigt hält und fordert, das war nie in Frage gestellt worden!


Der Streit mit Rom
"Um das Gewissen der Gläubigen zu orientieren und jeden Zweifel in dieser Angelegenheit zu beseitigen, möchte die Kongregation für die Glaubenslehre in Erinnerung rufen, dass die Kirche gemäß dem Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis von Papst Johannes Paul II. 'keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen endgültig an diese Entscheidung zu halten haben' (Nr. 4)." Soweit der Originalton von Joseph Ratzinger, Präfekt dieser römischen Kongregation, am 10. Juli 2002. Die erfolgte "Priesterweihe" von Frauen am 29. Juni 2002 sei deshalb "ungültig und nichtig". "Weil der 'weihende' Bischof einer schismatischen Gemeinschaft angehört, handelt es sich darüber hinaus um ein schweres Vergehen gegen die Einheit der Kirche", heißt es weiter. Den betroffenen Frauen wurde die Exkommunikation angedroht, wenn sie nicht bis zum 22. Juli 2002 gleichsam in Sack und Asche Buße täten. Das taten sie nicht, sondern widersetzten sich. Deshalb traf sie die Verurteilung aus Rom.

In ihrer Antwort an Ratzinger wehren sich die betroffenen Frauen gegen die Androhung der Exkommunikation. Vor allem wollen sie nicht gelten lassen, dass ihr Konsekrator ein Schismatiker sei. Schließlich wenden sie ein, dass nach can. 1347 CIC die rechtlichen Voraussetzungen ihrer Exkommunikation nicht erfüllt sind, da sie zuvor von Rom nicht verwarnt worden seien. Dieser scheinbar zweitrangige Gesichtspunkt verweist allerdings auf die entscheidende Schwachstelle der römischen Position, wie ein Gutachten von Konrad Breitsching, Kirchenrechtler aus Innsbruck, nachgewiesen hat. Taktisch geschickter wäre es wohl gewesen, sich auf diesen Punkt, dass keine angemessene Frist zur Reaktion auf das römische Ultimatum eingeräumt wurde (gegen can. 1347 CIC: congruum ad resipiscentiam tempus) zu konzentrieren und ihn auch öffentlich in den Vordergrund zu rücken. Dass am Ende Ratzingers Behörde bei diesem Streit am längeren Hebel sitzen würde, war abzusehen.


Die Vorbehalte der IKvu
Im Unterschied zu anderen kirchenreformerischen Gruppen hatte die IKvu zunächst das Weihevorhaben nachdrücklich unterstützt, sich aber am 8. Juni gezwungen gesehen, "diesen Plan für den 29. Juni nicht weiter zu unterstützen" (IKvu-Stellungnahme "Nach wie vor auch unkonventionelle Wege vertretbar"). Leider ist es in dieser Sache zwischen der betroffenen Frauengruppe und der IKvu, sowie infolgedessen innerhalb dieser Reformgruppe zu Spannungen gekommen, die jedoch in nächster Zeit geklärt werden sollen. Ich selbst habe Zweifel, dass alle IKvu-Kritiker deren Erklärung zuvor überhaupt richtig geprüft haben. Den Plan für den 29. Juni nicht "weiter zu unterstützen" (was andere ohnehin nicht taten), hieß doch nicht, ihn zu verurteilen. Außerdem war die Zurückhaltung zeitlich begrenzt, "bis klare und seriöse Voraussetzungen für ein solches Vorhaben gewährleistet sind". Das ist leider nicht rechtzeitig versucht worden.

Seit eh und je hatte sich die IKvu gegen die Entmündigung der Gemeinden gewehrt, wenn ihnen in einem undurchsichtigen Verfahren "von oben" her Bischöfe vorgesetzt wurden, deren Verwurzelung im Kirchenvolk fraglich war. Deshalb musste die IKvu zum Weihevorhaben am 29. Juni auf Distanz gehen, die von einer ominösen "Bischofsweihe" eingeleitet wurde. Damit hat sie mitnichten die Fronten gewechselt, wie manche Demagogen diesen Vorgang gerne auszuschlachten versuchten. Sie hat sich auch nicht alle Gerüchte und Parolen gegen Romulo Braschi, der die Weihe vornahm, zu eigen gemacht. Ebenso wenig hat sie in das Horn derer gestoßen, die ihn mit Schlachtrufen wie "Schismatiker" und "exkommuniziert" an den Pranger stellen wollten. Sie hat nicht einmal jegliches Verständnis für eine taktisch begründete (zeitweilige?) Geheimniskrämerei der Weihekandidatinnen vermissen lassen.

Allerdings konnte die IKvu bei aller Sympathie für die Sache der Frauen sich nicht selbst verleugnen und die Maßstäbe preisgeben, die sie bei anderen Gelegenheiten für die Anerkennung von Bischöfen und deren Weihen auf ihr Programm geschrieben hatte. In diesem Fall ging es darum, wie weit Braschi für eine Weihe innerhalb der katholischen Kirche vertrauenswürdig war und wie die der Priesterinnenweihe vorausgehende Bischofsweihe eines Ex-Benediktiners gerechtfertigt werden könne. Diese Fragen waren unmissverständlich bereits am 8. Juni gestellt worden. Sie blieben bisher ohne zufrieden stellende Antwort, obwohl intern häufiger nachgefragt wurde.

Es scheint nicht übertrieben, auf solche Fragen Antworten zu erwarten und sie zu geben, wenn man auf die Unterstützung Anderer Wert legt. Zweifellos sind die von bestimmter Seite heftig attackierten Frauen gegenwärtig überfordert. Aber wäre es nicht klug, gelegentlich eher die Fragen seiner Freunde zu beantworten, als mit seinen Gegnern zu streiten? Leider melden sich auch Fanatiker zu Wort, welche es als Verrat an den Frauen ansehen, dass solche Fragen überhaupt gestellt werden. Aber das steht auf einem anderen Blatt.


Die Bedenken gegen Romulo Braschi und dessen "Bischofsweihe"
Weder die persönliche Integrität noch seine mutmaßliche Frömmigkeit sollen Romulo Braschi, der am 29. Juni die Priesterinnenweihe vornahm, abgesprochen werden, wurde aus der IKvu den Weihe-Kandidatinnen bedeutet. Über den Menschen sollte überhaupt nicht geurteilt werden, wie der IKvu wegen ihrer Kritik mancherorts nachgesagt wurde.

Seine Glaubwürdigkeit bei der Priesterinnenweihe (und in diesem Sinne seine Seriosität) ist allerdings eine entscheidende Frage. Das ist eine völlig andere als die, um welche es den betroffenen Frauen im Rechtsstreit mit der Erzdiözese München geht, wenn sie versichern, "seine legitime Weihekraft" sei (dank character indelebilis) durch frühere kirchliche Konflikte nicht beeinträchtigt. Was auf dem Prüfstand steht, ist die Kirchlichkeit des Bischofs und der Kandidatinnen und somit die Dienst- und Gemeinde-bezogene Funktion des Amtes. Sie haben keine Diözese, in deren Dienst sie stehen.

Gut, aber wo stehen sie? Sind sie Einzelne, die sich lediglich einen persönlichen Wunsch erfüllen, zu weihen oder geweiht zu werden? Sind sie solidarisch mit anderen Frauen, die dasselbe Ziel anstreben? Haben sie eine konkrete Gemeinde oder Gemeinschaft im Blick, der sie dienen oder vorstehen wollen? Arbeiten sie mit Gruppen zusammen, die sich für eine Reform der Kirche engagieren? Haben sie soziale Aufgaben, bei denen ihnen die Weihe weiterhelfen könnte? Gibt es für sie einen Ort, ähnlich wie vor Jahren für Jacques Gaillot eine Quasi-Diözese Partenia?

Braschi betont nachdrücklich, dass er weiterhin römisch-katholisch sei. Dabei pocht er auf sein Herkommen und die Weihen, die er empfangen hat. Ob er sich aber wirklich noch der Kirche zugehörig fühlt oder einer anderen, dazu sagt er nichts. Er sei nicht ausgetreten und auch nicht exkommuniziert worden, beteuert er. Letzteres behauptet aber die Glaubenskongregation in einer Vorbemerkung zum Exkommunikationsdekret vom 5. August. Die Frage bleibt: Was hat es mit der "Katholisch-Apostolischen Charismatischen Kirche Jesus König" auf sich, zu der Braschi gegenwärtig gehören soll?

Merkwürdig ist: Dass Braschi mir nichts dir nichts jemanden zum Bischof weiht, daran nimmt offenbar nur die IKvu in ihrer Erklärung vom 8. Juni Anstoß. Aber hat sie Unrecht, wenn sie deshalb feststellte: "Eindeutig disqualifiziert hat sich dieser Geistliche durch die kürzliche Weihe eines Bischofs, von dessen Eignung, Beauftragung und zukünftigen Aufgaben bisher nichts verlautete. Damit werden selbst die Praktiken des Vatikan noch übertroffen, der dafür berüchtigt ist, dass er oft Bischöfe einsetzt über den Kopf Betroffener, von Gemeinden und Diözesen hinweg"?


Wie kann es weitergehen?
Zu hoffen ist, dass die Frage der Frauenordination endlich auch von Seiten der kirchlichen Obrigkeit auf angemessenem Niveau diskutiert und mutig (mit Gottvertrauen!) erwogen wird. Künstliche Hindernisse aufzutürmen, wie es 1994 durch "Ordinatio sacerdotalis" und 1998 durch die Einführung eines neuen Paragraphen in den "Codex Iuris Canonici" (can. 750, § 2) versucht wurde, lösen das Problem nicht. Wer in diesen strittigen Punkten gegen das Kirchenrecht verstößt, setzt sich damit zwangsläufig noch lange nicht theologisch ins Unrecht.

Nur kurzschlüssig denkende Dogmatiker folgern aus der theologisch nicht bestreitbaren Tatsache, dass die Kirche auch (!) eine Rechtsgemeinschaft ist, dass infolgedessen Rechtsbestimmungen unmittelbar dogmatische Verbindlichkeit besäßen und mit ihnen daher auch über die Gültigkeit von Sakramenten, in diesem Fall der Ordination, auch aus theologischer Sicht das letzte Wort gesprochen sei.

Wer von den Dogmatikern der Zunft untersucht einmal die Frage, wie sich das Theologumenon "Gültigkeit" eines Sakramentes (wenn man schon danach fragt) zu den bloßen Vorgaben des Kirchenrechts verhält? Ist Dogmatik (und u.U. auch noch Moraltheologie) immer noch Juristerei mit anderen Mitteln? Oder habe ich eine fundierte Antwort auf diese Frage, die leicht zu finden wäre, bloß übersehen? Für Belehrung wäre der Autor dieser Zeilen höchst dankbar.


Carl-Peter Klusmann, Dudenstraße 9, 44137 Dortmund,
Fon: 0231-147303, Fax: 0231-2866505,
E-Mail: cp.klusmann@dokom.net

Carl-Peter Klusmann wurde 1934 in Wanne-Eickel geboren und ist katholischer Pfarrer, seit 1996 im Ruhestand. Er ist Mitglied der SOG Paderborn seit deren Gründung 1968; von 1974 bis 1986 Sprecher, seit 1991 zweiter Sprecher der Arbeitsgemeinschaft von Priester- und Solidaritätsgruppen (AGP).

Carl-Peter Klusmann


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