Carl-Peter Klusmann:

"Ein großer Reformschritt für die Kirche"


Als "großen Reformschritt für die Kirche" hat die Frühjahrskonferenz 2002 der Initiative Kirche von unten (IKvu) die bevorstehende Weihe von Frauen zu Priesterinnen der katholischen Kirche begrüßt. Die Delegierten sahen in dem bis heute praktizierten Ausschluss der Frauen von Weiheämtern eine Diskriminierung, die nicht zu rechtfertigen ist. Gleichzeitig treten sie für ein neues Rollenverständnis kirchlicher Amtsträger und Amtsträgerinnen ein, das den dienenden Charakter betont. Anders, als zuvor in der Presse gemeldet, soll ein römisch- und nicht ein alt-katholischer Bischof den Akt vollziehen, wie bei der Gelegenheit bekannt wurde.

Das kirchliche Recht kennt nur die Weihe von Männern. Die theologische Zulässigkeit einer ansonsten korrekt erfolgten Weihe von Frauen ist umstritten. Der Papst hält sie, wie bekannt, für unzulässig. Zu Recht hat vor diesem Hintergrund der deutsche altkatholische Bischof, als noch von der Beteiligung eines sich als altkatholisch verstehenden Bischofs aus den USA die Rede war, die Notwendigkeit "einer klaren kirchlichen Einbindung" betont. In einer Erklärung des Ordinariates vom 14.2.02 heißt es:

"Nach alt-katholischer Auffassung gehören zu einer (Diakonats-, Priester- oder Bischofs-) Weihe: das Vorhandensein realer Gemeinden, also eines "Kirchenvolkes", die Zustimmung dieses Kirchenvolkes zur betreffenden Weihe, die sakramentale und jurisdiktionelle Gemeinschaft mit dem Bischof, der die Weihe vornimmt, und die sakramentale Gemeinschaft mit den anderen Priestern des Bistums, in welchem der priesterliche Dienst ausgeübt werden soll."

Das stimmt exakt mit der Zielsetzung überein, die innerhalb der IKvu vertreten wird. Beispielsweise wurde diese Forderung von Anfang an seitens der Priestergruppen erhoben, die seit 1968 zur heutigen "Arbeitsgemeinschaft von Priester- und Solidaritätsgruppen in Deutschland" (AGP), einer Mitgliedsgruppe der IKvu, gehören. Demnach sollten kirchliche Amtsträger nur mit Zustimmung der Gemeinde (Diözese) bzw. auf deren Vorschlag hin eingesetzt werden. Ebenso selbstverständlich war es diesen Gruppen allerdings auch, die Zulassung Verheirateter und von Frauen zum Priestertum zu fordern.

Die damit in Frage stehende Kirchlichkeit von Kandidaten gilt innerhalb der römischen Kirche normalerweise durch die bischöfliche Weihe eines Priesters nach den Bestimmungen des kirchlichen Rechts und eines Bischofs durch die dort vorausgesetzte Zustimmung des Papstes, der Repräsentant des Bischofskollegiums ist, als sichergestellt. Dieser Punkt ist zweifellos im vorliegenden Fall besonders heikel. Um zu klären, ob dieses Kriterium durch die Weihe von Kandidatinnen ohne den Segen des Papstes verletzt wird, lohnt sich ein Blick in die Geschichte und auf die sonstige Praxis des "Apostolischen Stuhles". Dabei geht es weniger um den Buchstaben eines Gesetzes, als um den in der kirchlichen Überlieferung gemeinten Inhalt.

Päpstlicher als der Papst?
Die kirchlichen Bestimmungen gegen kirchliche Amtsträger bzw. deren Amtsausübung außerhalb der bestehenden jurisdiktionellen Ordnung, sog. Clerici vagantes (Codex iuris canonici, can. 265), gehen darauf zurück, dass es ursprünglich nur die Weihe für ein bestimmtes Amt gab. Die alte Kirche hatte die Weihe von Kandidaten ohne Bindung an eine bestimmte Gemeinde mit strengsten Strafen belegt. Diese so genannte "absolute" Weihe war z.B. auf dem Konzil von Nikäa (325) und dem von Chalkedon (451) strikt untersagt worden.

Die spätere Entwicklung, in der auch die Weihe ohne gleichzeitige Übertragung eines konkreten (wir würden heute sagen: seelsorglichen) Amtes als erlaubt galt, braucht hier nicht dargestellt zu werden. Aber eines zeigt dieser kurze historische Rückblick deutlich, die "Weihevollmacht" gleichsam als Privatbesitz einzelner oder einer herrschenden Klasse ohne Rücksicht auf die berechtigten Wünsche und die Solidarität der unmittelbar und mittelbar betroffenen Gemeinden weiterzugeben, widerspricht der Würde des kirchlichen Amtes, vor allem, wenn die Glaubensgemeinschaft nicht einmal Mitspracherecht hat.

Nun muss jedoch leider festgestellt werden, dass die kirchliche Obrigkeit selber mit diesem Erfordernis der Kirchlichkeit eines Weihekandidaten recht willkürlich umgeht, so dass auch das Problem im anstehenden Fall nicht schematisch beurteilt werden kann. Oder müssen Frauen, die das Priestertum anstreben, päpstlicher sein als der Papst?

Bekannt ist die langjährige römische Praxis, etwa in der Kirchenverwaltung oder im diplomatischen Dienst des Vatikan tätige Repräsentanten aus bloßen Prestigegründen zu Bischöfen zu weihen. Möglicherweise haben diese hohen Herren seit ihrer Priesterweihe irgendwo "einen Altar", wo sie mit frommen Nonnen oder mit einem unermüdlichen Messdiener ihre Messen halten, wenn es hoch kommt, für die Insassen eines kirchlichen Altersheimes. Vielleicht "konzelebrieren" sie auch gemeinsam mit anderen Prälaten. Im Vergleich zu dem hehren Bild, das offiziell immer wieder von der pastoralen Sendung des Priestertums gezeichnet wird, handelt es sich jedoch meistens nur um eine Karikatur. Dass diese Problematik durch die Bischofsweihe noch gesteigert wird, liegt auf der Hand. Für welche "Gemeinde" sind diese Exzellenzen und Eminenzen denn wirklich geweiht worden? So ist es in der Tat weithin unbestritten, dass der Weihe solcher Funktionäre seit eh und je das Odium eines Missbrauchs anhaftet.

Der Skandal, wie oft Diözesen ein neuer Bischof als römischer Zwingherr vorgesetzt wird, ist nur zu bekannt. Von einer Mitsprache des Kirchenvolkes bei der Ermittlung von Bischofskandidaten ist keine Spur zu erkennen. Wirklich geeignete Priester für Gemeinden zu bekommen, die ihrerseits eine Geschichte und ein eigenes Gesicht haben, gelingt bestenfalls auch nur hier und da.

Ein letztes Beispiel, das die offizielle Anerkennung eines zuvor sogar illegal Geweihten betrifft, stammt aus jüngster Zeit. Es zeigt, wie opportunistisch unsere Obrigkeit mit der Frage nach der "Kirchlichkeit" ihrer Würdenträger umgeht. Bekanntlich wurde der frühere Kolonialbischof Lefebvre 1988 exkommuniziert, als er gegen den Einspruch Roms vier Bischöfe weihte. Einer der Nachfolger dieser schismatischen Bischöfe aus Brasilien wurde jetzt von Rom als verlorener Sohn in allen Ehren aufgenommen, nachdem seine Truppe mit der Einrichtung einer eigenen Apostolischen Administratur (einer Art Personal-Diözese) geködert worden war. Pikant heißt es dazu im offiziellen Dekret, die "möglicherweise eingetretenen" Kirchenstrafen seien aufgehoben. So einfach kann die Sache also sein!

Den anderen Parteigängern von Lefebvre, der "Priesterbruderschaft St. Pius X." gingen die Konzessionen Roms nicht weit genug. Dabei waren den Rückkehrern nicht einmal theologische Korrekturen abverlangt worden, wie man süffisant feststellte. Wird hier nicht mit zweierlei Maß gemessen, wenn man weiterhin gut ausgebildeten und bestens motivierten Bewerberinnen den Zugang zum kirchlichen Amt verwehrt, nur weil sie Frauen sind? Die jetzt "möglicherweise" durch die Weihe von Frauen verletzten kirchlichen Bestimmungen sind also längst zuvor von der Kirchenleitung selbst durchlöchert worden.

Wessen Geistes Kind die Heimkehrer im zuletzt genannten Beispiel sind, haben die "SOG-Papiere", der Informationsdienst der AGP, bereits 1976 (Nr. 6) so umschrieben: "Von Lefebvre und seinen Anhängern trennt uns ja weit mehr als bloß die Bejahung des Konzils, der kirchlichen und liturgischen Reformen, weit mehr als die Bejahung eines innerkirchlichen Pluralismus und die Bereitschaft zu Toleranz und Offenheit. Vor allem trennt uns von den Lefebvrianern das Verständnis des Glaubens: nicht ein angstgeladenes, im tiefsten infantiles und autoritätsfixiertes Glaubens- und Kirchenbild mit daraus resultierender inhumaner zwischenmenschlicher und politischer Praxis vertreten wir, sondern das Ideal christlicher Freiheit und uneigennütziger Nächstenliebe. Nicht die Pervertierung des Christentums zu einer Religion der Unfreiheit wirft man (jedoch) Lefebvre vor, sondern schlicht und einfach: Ungehorsam..."

Nur eine Notlösung
Zurück zur geplanten Ordination von Frauen. Unter den gegebenen Umständen kann diese bestenfalls als Notlösung gerechtfertigt sein. Niemand kann andererseits ernsthaft bestreiten, dass eine große Zahl von Gläubigen bereit ist, die Ordination von Frauen zu akzeptieren. Wenn sie im Sinne des heutigen can. 265, der auf das ursprüngliche Verbot "absoluter Weihen" zurückgeht, als "Vagantinnen" bezeichnet werden, so kann dennoch kein Zweifel bestehen, dass sie unabhängig vom heutigen Kirchenrecht einen Platz mitten im Kirchenvolk haben bzw. erwarten können. Als Parallele mag das Bistum "Partenia" des von Rom abgesetzten Bischofs Gaillot dienen, zu dem sich zahlreiche Gläubige als zugehörig erklärt haben. Zweifellos ein theologisch respektables Zeichen, das jedoch nach dem Kirchenrecht ohne Bedeutung ist.

Der Notstand besteht eigentlich darin, dass can. 1024 erklärt, nur ein Mann könne gültig geweiht werden. Eine unbestrittene theologische Grundlage für diese Festlegung existiert nicht und kann auch durch eine Erklärung des Papstes und die persönliche Meinung anderer Hierarchen in dieser Sache nicht ersetzt werden. Gleichzeitig wächst überall ein katastrophaler Mangel an Priestern. In weiten Bereichen droht das kirchliche Leben demnächst zu erliegen. Der in dieser Krise als Willkür empfundene prinzipielle Ausschluss von Frauen zugleich mit der Tolerierung eines abenteuerlichen Traditionalismus, der Hätschelung obskurer Zusammenrottungen wie dem sich selbst unmittelbar auf Gottes Initiative berufenden "Opus Dei", zahllose Zeugnisse des Kleinglaubens, der zum autoritär-klerikalen Kraftmeiertum verleitet, schließlich die fast völlige Sprachlosigkeit angesichts eines aggressiven globalen Mammonismus, das alles bedroht die Kirche im äußersten Maße.

Der formale "Ungehorsam", mit dem die bevorstehende Frauenordination angestrebt wird, sie ist es nicht, welche die Kirche bedroht. Die Erfahrungen vor und nach dem letzten Konzil haben gezeigt, wie zerstörerisch das endlose Verschleppen anstehender Reformen ist.

Kurzum: Die für eine Ordination von Frauen erforderliche Akzeptanz und die im gegebenen Fall vom altkatholischen Bistum zu Recht angemahnte "sakramentale Gemeinschaft" ist offenbar im Kirchenvolk durchaus vorhanden. Obwohl es in der IKvu auch wichtige Stimmen gab, die anzweifelten, ob der geplante Schritt einer wirklichen Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche und ihrer dringend notwendigen Reform näher bringt, war man sich dort in der Solidarität mit den Kandidatinnen für den 29. Juni einig.


Carl-Peter Klusmann, Dudenstraße 9, 44137 Dortmund,
Fon: 0231-147303, Fax: 0231-2866505,
E-Mail: cp.klusmann@dokom.net

Carl-Peter Klusmann wurde 1934 in Wanne-Eickel geboren und ist katholischer Pfarrer, seit 1996 im Ruhestand. Er ist Mitglied der SOG Paderborn seit deren Gründung 1968; von 1974 bis 1986 Sprecher, seit 1991 zweiter Sprecher der Arbeitsgemeinschaft von Priester- und Solidaritätsgruppen (AGP).

Carl-Peter Klusmann


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