Hans Küng:

Frauenordination - eine längst fällige Notwendigkeit


Angesichts der geplanten Ordination von Priesterinnen kann ich nur an folgende praktische Reformvorschläge erinnern, wie ich sie schon am 16. Juli 1976 in "Publik-Forum" formulierte. Sie harren bis heute ihrer Verwirklichung:

Der Amtszölibat für Presbyter führt in der Praxis oft zu einem unnatürlich gespannten Verhältnis zwischen Priester und Frauen; diese werden vielfach nur als Geschlechtswesen und sexuelle Versuchung für die Priester betrachtet. So hängen Heiratsverbot für ordinierte Männer und Ordinationsverbot für Frauen zusammen: Ordination der Frau und volle kollegiale Zusammenarbeit in den Entscheidungs- und Leitungsgremien der Kirche werden so lange nicht erfolgen, wie der Zölibat des Klerus nicht durch die frei gewählte Ehelosigkeit der dazu Berufenen abgelöst wird.

Hans KüngDie Wiedereinführung des in der frühen Kirche bezeugten Diakonats der Frau, der zunächst in der westlichen Kirche abgeschafft wurde und dann in der östlichen Kirche verschwand, ist zu wünschen. Doch reicht diese Maßnahme nicht aus: Wird nicht gleichzeitig mit der Zulassung der Frau zum Diakonat auch ihre Zulassung zum Presbyterat ermöglicht, würde dies nicht zur Gleichberechtigung, sondern eher zu einem Hinauszögern der Ordination der Frau führen. Auch die in vielen katholischen Gemeinden bestehende und uneingeschränkt zu befürwortende Praxis, Frauen zu liturgischen Funktionen zuzulassen (Messdienerin, Lektorin, Kommunionhelferin, Predigerin), kann ein wichtiger Schritt auf dem Wege zur vollen Integration der Frau in den kirchlichen Leitungsdienst sein. Aber auch sie macht die Forderung nach der vollen Ordination der Frau nicht überflüssig.

Gegen einen Presbyterat der Frau gibt es keine ernsthaften theologischen Gründe. Die exklusiv männliche Konstitution des Zwölferkollegiums Jesu muss aus der damaligen soziokulturellen Situation heraus verstanden werden. Die in der Tradition vorfindbaren Gründe für den Ausschluss der Frau (durch das Weib kam die Sünde in die Welt; die Frau wurde als zweite erschaffen; die Frau ist nicht nach dem Bilde Gottes erschaffen; die Frau ist kein volles Mitglied der Kirche; Menstruationstabu) können sich nicht auf Jesus berufen und zeugen von einer grundsätzlichen theologischen Diffamierung der Frau. Angesichts leitender Funktionen von Frauen in der Urkirche (Phöbe, Priska) und angesichts der heute völlig veränderten Stellung der Frau in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Staat und Gesellschaft sollte die Zulassung der Frau zum Presbyterat nicht länger hinausgezögert werden. Jesus und die frühe Kirche waren in der Wertung der Frau ihrer Zeit voraus, die heutige römisch-katholische Kirche hinkt weit hinter ihrer Zeit und anderen christlichen Kirchen drein.

Es wäre ein falsch verstandener Ökumenismus, wenn man in der katholischen Kirche die schon längst fälligen Reformen wie etwa die Ordination der Frau hinauszögerte mit der Berufung auf die größere Zurückhaltung konservativer »Schwesterkirchen«; statt solche Kirchen als Alibi zu benützen, sollten sie vielmehr ihrerseits zu einer Reform aufgefordert werden; hierin können der katholischen Kirche manche protestantische Kirchen als Vorbild dienen. Lange Zeit hat man die Frau in der katholischen Kirche in Theorie und Praxis diskreditiert und diffamiert und sie doch zugleich ausgenützt. Es ist an der Zeit, ihr auch in der Kirche die ihr zukommende Würde und angemessene juristische und soziale Stellung zu gewährleisten.

Diese und etliche andere Thesen habe ich also schon vor einem Vierteljahrhundert veröffentlicht. Kann man sich über den Erfolg freuen, soll man am Misserfolg verzweifeln? Eine differenzierte Beurteilung ist angemessen. Vieles – soweit die einzelnen, die Ehepaare, die Gemeinden, die theologischen Fakultäten es ändern konnten – hat sich verändert: Partnerschaft von Mann und Frau, Arbeitsaufteilung, Erziehung und Berufsausbildung der Töchter und Vorbereitung der Söhne auf Elternaufgabe und Haushaltspflichten, Geburtenplanung, Sprache des Gottesdienstes, Vertretung in vielen Entscheidungsgremien auf Pfarr- und Diözesanebene, Studium der Katholischen Theologie von Frauen …

Aber vieles, wo die römische Männerhierarchie zuständig war, hat sich nicht verändert: Erlaubtheit der Empfängnisverhütung, differenzierte Beurteilung der Abtreibung, adäquate Vertretung der Frauen in Entscheidungsgremien auf National- und Weltebene, Erneuerung der Frauenorden, Abschaffung des Amtszölibats, Wiedereinführung des Diakonats der Frau, Neueinführung des Presbyterats der Frau, ernsthafte Fortschritte im Ökumenismus… Es besteht also kein Grund, sich über den statistisch und empirisch nachweisbaren stetigen resignierten Auszug der Frauen und der Jugend gerade aus der römisch-katholischen Kirche zu wundern und darüber Krokodilstränen zu vergießen.

Nüchtern stelle ich fest: Sollte ich noch mal ein Vierteljahrhundert auf die Einsicht der Hierarchie warten müssen, werde ich den grundlegenden Wandel sicher nicht erleben, und einige andere mit mir, Frauen und Männer, auch nicht. Speramus contra spem – wir hoffen gegen alle Hoffnung!

Jetzt bestellen bei amazon.deAber zugleich machen wir weiter: Kirche lebt »von unten«, und »die da oben« werden früher oder später den Kampf gegen die Gleichberechtigung der Frau ebenso verlieren wie den gegen die »Hexen« oder den gegen Demokratie und Menschenrechte. Dafür sorgen die Frauen schon selber.

Literaturhinweis:


<== Zurück zum IKvu-SPECIAL

<== Zurück zur IKvu-Startseite