Hermann Münzel:
Früher sagte man manchen (bigotten) Eltern nach, sie wollten am Kommunionempfang ihrer pubertierenden Söhne erkennen, ob sie onanieren oder nicht - und bei ihren geschlechtsreifen Töchtern, ob sie "unberührt" sind, denn so solide stand die Gleichung: Unkeuschheit ist schwere Sünde. Der Pädagogik- und Katechetik-Professor Klemens Tilmann war der große Weichensteller:
"Leider, Jungen, muss ich mit euch auch über den Missbrauch der Geschlechtskraft sprechen... Alles, was die Geschlechtslust außerhalb der von Gott gegebenen Ordnung herbeiführen will, ist Sünde ... Gott hat dem Menschen einen Teil seiner Allmacht geschenkt und ihm das hohe Amt der Vaterschaft gegeben - und der Mensch missbraucht diese heilige Kraft in niedrigster Weise zu seiner Lust. Das ist Sünde. Der Mensch, der solches tut, raubt seinem Leib etwas von seiner Ehre und Würde; er entweiht seine Seele. (Bei Größeren ausführlicher, durch eine schwere Sünde, wenn er sich der Bedeutsamkeit seiner Handlung klar ist und sein Wille voll zustimmt)... Die reine, ungebrochene Frische und Freude geht dahin... Haltet eure Phantasie blitzblank sauber..." ("Vor der Reife. Eine geschlechtliche Unterweisung der Jungen für den Gebrauch des Erziehers", 71958)
Tilmann nennt die sog. Aufklärung des Jungen (möglichst durch den Vater) "Einweihung"; spricht aber der Religionslehrer darüber mit den Jungen in der Schule (selbstverständlich nicht zusammen mit den Mädchen), dann sollte das "nicht in einer gewöhnlichen Schulstunde" sein; man müsse die Klasse vielmehr teilen, "und zwar nach den kindlicheren, feineren und unverdorbenen Jungen einerseits und den entwickelteren, derberen und gefährdeteren andererseits. Zu der ersten Gruppe wird man zurückhaltender, feiner, religiöser sprechen, bei den zweiten wird manchmal ein deutlicheres, warnendes oder wegweisendes Wort nötig sein"; man wird die beiden Gruppen getrennt am besten ins Pfarrheim bestellen. "Im Pfarrheim setzt man sie in Reihen, zwei bis drei hintereinander ... damit sie sich nicht gegenseitig anschauen können und damit man sie im Blick behalten kann..."
Die von Tilmann vorformulierte Unterweisung "soll der Aufklärung der Gasse zuvorkommen ... denn (die Gasse) ist verzerrend und entsittlichend", die "Gasse" widerspricht der gottgewollten Ordnung, sie zerstört die "Haltung der Ehrfurcht im Licht des Glaubens". Tilmann wünscht, dass "der Erzieher bald in ehrfürchtigem Ernst, bald in auflockernder Heiterkeit (spricht), die jede Einweihung oder Erweckung der jungen Menschen dem rechten Erzieher bereitet".
Heilig und unverdorben
Immer ist die Rede von den unverdorbenen Jungen, von der Wiege unter dem
Herzen der Mutter, vom feinen Trieb der Seele, edlem Wollen, hohem Streben,
vom feinen Kerl, und dass "die
gesunden und sittentreuen Familien die Lebenszellen und Kraftquellen eines
Volkes (sind)". Und
selbstverständlich hat "auch das
Jesuskind, der ewige Gottessohn, so unter dem Herzen Mariens gewohnt",
und "im Mutterschoß ist eine
Vorratskammer mit vielen kleinen Menschenkernlein";
ständig ist die Rede vom keineswegs aussichtslosen Kampf um die Reinheit
(bei einer Versuchung soll der Junge abends im Bett an den
"Herrn am Kreuz (denken): schließe dich
innig an Christus, deinen Herrn, an. Er ist dir in jeder Versuchung nahe.
Rufe zu ihm, weihe dich ihm und gehe oft zu seinem heiligen Tisch... es geht
eine wunderbare, stille, klare Kraft von ihm aus").
Die hymnischen Worte steigern sich zum hohen C: "was für eine herrliche und wunderbare Sache die Reinheit ist! Keuschheit ist nicht einfach: etwas unterlassen und nicht tun; Keuschheit ist viel mehr! Strahlende Kraft, natürliche Frische, etwas Königliches, Ungebrochenes, Unverbrauchtes, Sieghaftes. Die Rosenknospe im Morgentau des Maimorgens, oder die mächtigen weißstrahlenden Firne des Hochgebirges sind Sinnbilder für sie". Es folgt noch die "volle Menschenwürde... Geist und Wille, Kraft und Schönheit, kostbares Geschenk" und immer wieder - Gott. Tatsächlich: "Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott anschauen" - so weit Mattäus; denn "der reinen Seele erschließen sich die Geheimnisse Gottes" so weit Tilmann.
Man sieht (!) die Pädophilie oder wenigstens doch die massive Homoerotik auf zahllosen Kalenderbildern, die einen ca. Dreizehnjährigen in kurzer Lederhose am Rand des Zeltlagers zeigen, wie er in die Morgen- oder Abendsonne schaut, mit klarem Blick in die Weite, in der Hand den Wimpelspeer, und darunter den Text: Rein bleiben und reif werden, das ist die größte Aufgabe deines jungen Lebens... oder so ähnlich.
Hinter Klemens Tilmann folgten Scharen von Traktatenschreibern, alle im Hymnusdeutsch:
Josef Wisdorf: "Muss ein Junge daran scheitern?", 4. Auflage 1963: "Denn es gibt keinen Willen, keine gute Tat, keine Liebe, keine Freude, wenn nicht die Keuschheit dabei ist... es ist die Niederlage und die kampflose Kapitulation vor der Flut von Schmutz und Gemeinheit, die heute überall die Jugend bedroht".
"Hast du, Mädchen, schon einmal darüber nachgedacht, wie wenig du deinem Freund und Bräutigam hilfst, wenn du ihm vorzeitig den Einbruch in geheiligte und der Ehe vorbehaltene Bezirke gestattest?" (Hans Schröer, "Weichen zum Glück", 1962).
Damals hielt der Regens unseres Priesterseminars jede Woche seine "persönlichkeitsbildende" Vorlesung ("Hodegetik"), am liebsten über Keuschheit und Zölibat. Wir 20- bis 25 jährigen Studenten parodierten noch Jahre danach seine Dammbruch-Theorie, die er mit warnender Stimme vortrug: wer schon einmal Geschlechtsverkehr hatte - hatte er gesagt - kann nicht mehr Priester werden, denn "da ist ein Damm gebrochen".
Auf die Frage, die der Pfarrer Josef Wisdorf gestellt hat, gibt es nur eine Antwort: Ja, daran muss ein Junge scheitern - falls er gesund ist und einigermaßen bei Verstand. Der übliche Wortschwall der Priester, der Schuldgefühle verursacht und Hochgefühle verspricht ("geh zur Heiligen Beichte, zu einem Priester, der dich kennt!"), ist schon sprachlich Jugendverführung, mit anderen Worten: der Anfang der Pädophilie.
Sprachwust und Erziehung
Selbstverständlich redet fast jeder Papst, immer wenn er etwas über
Priester, Priesterleben, Priesteramt, Priestermangel mitteilt, hymnisch über
den Zölibat - in dieser Mitte läuft alles zusammen. Paul VI. (1967,
Sacerdotalis coelibatus): Der priesterliche Zölibat ist dem Papst zufolge
"ein kostbarer Edelstein ... edelstes
und reinstes Ruhmesblatt" (37); die
Zölibatsvorschrift ist dem Priester
"Halt in seiner ausschließlichen, totalen und für immer gegebenen
Entscheidung zur alleinigen und höchsten Liebesgemeinschaft mit Christus
sowie zum Dienst für Gott und seine Kirche"
(14); so wie Christus sein ganzes Leben hindurch im Stand der
Jungfräulichkeit blieb, so spiegelt sich
"diese tiefgreifende Verbindung zwischen der
Jungfräulichkeit und dem Priestertum in Christus auch in jenen wider, die
das Glück haben, an der Würde und an der Sendung des Mittlers und Ewigen
Hohenpriesters teilzunehmen" (21);
so geht das seitenlang, wie gesungen.
"Die Wahl der gottgeweihten Ehelosigkeit (ist) von der Kirche immer als 'Zeichen und Ansporn der Liebe' betrachtet worden: Zeichen einer Liebe ohne Vorbehalt, Ansporn einer Liebe, die sich allen öffnet" (24). "Die gottgeweihte Jungfräulichkeit der Diener des Heiligtums macht in der Tat die jungfräuliche Liebe Christi zu seiner Kirche und die jungfräuliche übernatürliche Fruchtbarkeit dieses Ehebundes sichtbar, kraft derer die Gotteskinder nicht aus Fleisch und Blut geboren sind (Jo 1, 13)" (26) - und "so sollen in unserer Welt ... die Priester in immer vollkommenerer Weise dem einzigen und höchsten Priester gleichgestaltet werden, sollen sie ausstrahlende Herrlichkeit Christi sein ... und soll durch sie die Herrlichkeit der Gnade Gottes in der Welt unserer Tage vermehrt werden (vgl. Eph 1, 16)" (45).
In dieser hohlen Sprache traut sich der Papst an die Öffentlichkeit? Die theologische Dozentenschaft schämt sich nicht, diese verquere Ideologie "geschlechtliche Erziehung" zu nennen? Das wolkige Kauderwelsch, das ohne einen vernünftigen Gedanken auskommt, wird von ungezählten Religionslehrern Kindern und Jugendlichen wie das heilbringende Evangelium vorgeschrieben? Ja, so ist es. In dem gedankenlosen Sprachwust wurden wir erzogen, wir Priester zwischen dem 50. und 75. Lebensjahr. Und jetzt plötzlich wundern sie sich alle, dass Tausende von ihnen "Pädophile" geworden sind? - gescheitert an einem Ideal, das ihm die Kirche in die Wolken hängt? Musste man das nicht kommen sehen? Muss nicht fast jeder normale Mann daran scheitern?
So gut wie niemand kann den Zölibat so leben, wie der Papst und seine Gefolgschaft ihn beschreiben. Wer das wirklich irgendwie verwirklichen, wer danach tatsächlich leben wollte, der muss scheitern. Die kirchenamtliche Moral hat den Bogen so überspannt, dass er reißen muss.
Zur Erinnerung: die jüngsten Fakten
Nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika haben sich in den letzten
Jahren nicht Hunderte, sondern Tausende Priester an Kindern und Jugendlichen
sexuell vergangen. Trotz der "apokalyptisch wirkenden Dimension des
Skandals" (Süddeutsche Zeitung) brauchen wir nur ein paar Beispiele zu
nennen, sie wirken abschreckend genug. Der Priester Gilbert Gauthe aus
Louisiana wurde bereits 1985 zu 20 Jahren Haft verurteilt, weil er
nachweislich 37 Jungen missbraucht hat; John Geoghan zu 10 Jahren Haft; die
Diözese Boston zahlt an seine 90 Opfer 30 Millionen Dollar Bußgeld; seit
Anfang 2002 wurden 55 amerikanische Priester amtsenthoben. In Irland rechnet
man zwischen 200 und 500 Euro Bußgeld, das an die Opfer aus kirchlichen
Heimen zu zahlen sein wird; geringe 5,2 Millionen Dollar mussten die
Bistümer Los Angeles und Orange County schon 2001 zahlen; in Dutzende von
nachgewiesenen Fällen sind die Bischöfe von Palm Beach (USA), Ferns
(Irland), Poznan (Polen), ein Pariser Weihbischof, der Kardinal von
Philadelphia und der von Wien verwickelt. Gewiss sind das nicht alle.
Selbstverständlich ist auch der Zölibat
schuld
Es kann weder dem Papst noch den Bischöfen erlaubt werden, nur vom
bedauerlichen Versagen des Einzelnen zu reden, der leider schwach geworden
sei: ihm Beichte, Gebet und Buße aufzuerlegen - und im übrigen alles beim
Alten zu lassen. Denn tatsächlich ist es das System, das krank ist und krank
macht,
Und für alles das erfinden sie eine übernatürliche Begründung, die vor keiner Vernunft standhält. Ihre Sprache beschreibt die Wirklichkeit falsch - sie lügt uns was vor.
Wie ist die Sprache heute?
Die Gemeinsame Synode der Deutschen Bistümer schrieb 1973 im Arbeitspapier
der Sachkommission IV ("Sinn und Gestaltung menschlicher Sexualität") schon
etwas vorsichtiger über den pubertierenden Jugendlichen ("der
leicht in lustbetonte sexuelle Handlungen am eigenen Körper (ausweicht) und
das Lusterlebnis als Kompensation"
sucht; ihm müsse man die "neurotische
Angst nehmen; unbegründete Sündenängste verunsichern den jungen Menschen und
tragen nicht zur Bewältigung seiner Situation bei").
Im gleichen Jahr erschien ein "Hirtenbrief der Deutschen Bischöfe zu Fragen der menschlichen Geschlechtlichkeit"; da heißt es dann nur noch, "auch die Selbstbefriedigung (könne) nicht als selbstverständliche Betätigung der Sexualität gutgeheißen werden. Der Jugendliche, der damit zu ringen hat, muss erkennen, dass er über dieses Stadium hinauswachsen muss, wenn seine Sexualität nicht infantil bleiben soll"; 1979 erklären die Deutschen Bischöfe ("Zur Sexualerziehung in Elternhaus und Schule") - nichts. Es heißt nur noch, "das erforderliche Wissen (schließe) bei älteren Schülern auch eine Kenntnis verschiedener Formen sexuellen Fehlverhaltens und deren sittliche Beurteilung ein"; noch weniger als nichts steht im "Brief der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz an die Verantwortlichen in der kirchlichen Jugendarbeit zu einigen Fragen der Sexualethik und der Sexualpädagogik", unterschrieben vom Jugendbischof Franz-Josef Bode (1999). Darüber kann man nicht einmal mehr spotten.
Leseprobe: "Wir laden dazu ein, die Normen zu Sexualität und Ehe, zu Elternschaft und Empfängnisverhütung, zur vorehelichen Sexualität, zur Homosexualität, zur Selbstbefriedigung im Kontext der biblischen Weisungen und Einladungen zu sehen und sie in einer verständnisvollen Sicht aufzunehmen... Christen sind aufgerufen, besonders auch im Gespräch mit geeigneten Persönlichkeiten zu einem personalen Urteil zu gelangen und ihre Lebensform zu finden. Gerade die Beichte bietet hier eine wichtige Hilfe an. Christen wissen, dass ihr Leben in der Welt immer auch von der Wirklichkeit des Kreuzes geprägt ist. Härte und Verzicht, Versagen und neues Bemühen sind nicht nur Lebensrealitäten, sondern christliche Wahrheiten, hinter denen die Heilszusage..." und so weiter...
Schließlich sagt Bischof Bode noch, dass wir uns "gerade in der Jugendarbeit alle auf dem Weg erfahren". Wer hätte das gedacht: alle auf dem Weg erfahren. Deshalb müsse die "Begleitung Jugendlicher bei der Gewissensbildung eine zentrale Dimension pädagogischen Handelns sein. Die Gewissensbildung ist ein lebenslanger Lernprozess". Kann jemand sagen, was eine "zentrale Dimension" ist? - Bode: "Im Bemühen um eine geglückte und menschliche Sexualität stellen wir uns der Aufgabe, die christliche Alternative eines von Gott ins Dasein gerufenen und erlösten Menschenlebens zu entdecken".
1993 erschien ein "Positions- und Diskussionspapier des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) der Diözese Rottenburg-Stuttgart", mit dem Titel "Total verknallt und keine Ahnung", 1994 neu gefasst ("weiterentwickelt") unter dem Titel "Mit Leib und Seele - verrückt nach dir". Der Bischof Walter Kasper protestierte sofort und heftig: die BDKJ-Erklärung sei "weder mit der Heiligen Schrift und der kirchlichen Lehre noch mit menschlicher Lebenserfahrung und mit anerkannten Ergebnissen der einschlägigen Wissenschaften in Einklang zu bringen", sie unterscheide nicht "zwischen Verliebtsein ('Verknalltsein') und dessen Reifung zu personaler Liebe... In einer ganzheitlichen Sicht der Sexualität ist volle geschlechtliche Gemeinschaft nur dort menschlich voll sinnerfüllt" (voll sinnerfüllt! Vf.) "wo sie in eine auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaft eingebunden ist... Ganzheitlich verstandene Sexualität führt also nicht zu der Ichverliebtheit, die sich im Papier des BDKJ findet und nicht zur Selbstbefriedigung, die dieses Papier unverantwortlicherweise für richtig hält".
Wie beim BDKJ Verhütung und Abtreibung abgehandelt werden, erklärt Bischof Kasper für skandalös. Es könne "schließlich keine Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Beziehungen mit geschlechtsverschiedener Partnerschaft geben. Die Kirche könnte schwule und lesbische Beziehungen gar nicht - wie in dem Papier gefordert - als gleichberechtigt anerkennen, ohne mit Gottes Ordnung und Gebot in Widerspruch zu kommen". Kurz: Das BDKJ-Papier vertrete eine "hedonistische Grundorientierung" und müsse schleunigst zurückgezogen werden. - Sehen wir zu.
In der BDKJ-Erklärung von 1993 steht, Sexualität habe "eine Vielzahl von Aspekten - von der lustvollen Erfahrung mit sich selbst über die Möglichkeit der mitmenschlichen Kommunikation bis hin zur Zeugung von Kindern... Gelingende Sexualität beinhaltet eine Vielfalt menschlicher Ausdrucks- und Lebensformen, seien diese hetero- oder homosexuell, entscheidend ist, dass aufrichtig versucht wird, sich selbst oder einander zu akzeptieren, zu respektieren und die eigene Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit anzunehmen...".
Ich liebe mich ...
Unter der Überschrift "Ich liebe mich - Lust auf mich!" stehen kühne und
katholisch nie gehörte Sätze von der
"Liebe zu mir selbst und Lust auf meinen eigenen Körper ... auch außerhalb
und unabhängig von jeglicher Partnerbeziehung... Es geht um mich und meinen
Körper, meine Wahrnehmung von mir, meiner Lust auf Liebe, meiner Sexualität"
... und wie es selbstverständlich wäre,
"sich selbst auch körperlich zu lieben, Lust dabei zu empfinden, sich zu
streicheln und sich selbst zu befriedigen".
Selbstverständlich ist von der
"Entwicklung einer sinnvollen erotisch-sexuellen Kultur"
die Rede; nur der Bischof hielt das alles für skandalös, er ordnete
sofortigen Auslieferungsstopp an, verlangte eine vollkommene Revision und
bot dafür an, seine "Mitarbeiter und
Mitarbeiterinnen sowie namhafte Theologen und Pädagogen würden bei der
Erarbeitung besserer Leitlinien ... behilflich sein".
Was ist daraus geworden? Die verbesserte Neuauflage 1994 verlangt immer noch und trotz des Bischofsprotests die "Erfahrungen durch ein offenes und ehrliches Vertrautmachen mit dem eigenen Körper, eigenen sexuellen Empfindungen und denen des Partners, der Partnerin... Menschenwürdig gelebte Sexualität ist lustvoll und lebensbejahend. Sie kann in den vielfältigsten Formen ausgedrückt werden: Mit sich selbst sein, miteinander sein, ein zärtlicher Blick, ein liebevolles Wort, streicheln, umarmen, berühren, küssen, miteinander schlafen... Ziel muss es dabei sein, das eigene Verhalten gegenüber sich selbst und den anderen verantworten zu können".
Unter dem Stichwort Schwule heißt es z.B.: "Der Schwule muss lernen, dass er so, wie er ist, gut und gottgewollt ist". Der Bischof wird sich gewundert haben, als er in der verbesserten Auflage von der Überwindung der Sprachlosigkeit las - "vor, während und nach dem Miteinanderschlafen... damit Sex lust- und liebevoll für beide wird"; und was man sexuell alles lernen kann:
"Sexualität mit einer Partnerin oder einem Partner, mit der/dem ein Mann eine verlässliche, auf Zukunft gerichtete Beziehung (und sei diese Zukunft in der Realität noch so kurz) lebt, ist ... eine Erfahrung, die jedem Heranwachsenden, auch jedem Erwachsenen zu wünschen ist".
Hier sind endlich die Wolken verlassen, der Fußboden ist erreicht. Bodenständigkeit: die Angst ist weg - vor der eigenen sexuellen Erfahrung, die Gelassenheit wiedergefunden, die schmerzhaften Übertreibungen und Überforderungen dürfen vergessen werden; das Empirische und Reale wird zugelassen - und zwar ohne "Werteverlust". Leider wurde uns nichts darüber bekannt, dass Bischof Kasper zustimmte. Die Bischöfe, der Heilige Stuhl sowieso, sind beim Alten geblieben, seit Klemens Tilmann und den 50er Jahren. Kein Wunder, dass wir mit der Pädophilie nicht fertigwerden.
Quelle: Zeitschrift "imprimatur", 5+6/2002
(Vielen Dank für die Abdruckgenehmigung!)