Initiative Kirche von unten (IKvu)

Initiative Kirche von unten


Donnerstag, 29. Mai 2003

"Was schaut ihr nach oben - Ökumene lebt von unten!"

Enzner-Probst und HasenhüttlAm Fest Christi Himmelfahrt 2003 haben wir einen "ökumenischen Gottesdienst mit offener Kommunion" gefeiert. Innerhalb eines ökumenischen Gottesdienstes wurde das Abendmahl als katholische Eucharistie gefeiert, mit der Einladung zur Kommunion an alle Christen, also mit dem Angebot eucharistischer Gastfreundschaft. (Ein konfessioneller Teil innerhalb eines insgesamt ökumenischen Gottesdienstes ist nicht ungewöhnlich. Bei jeder "gemeinsamen kirchlichen Trauung" etwa ist der offizielle Trauungsakt als solcher immer katholisch oder evangelisch.)

Helfer beim ökumenischen Mahlgottesdienst (dpa 29.5.2003)Im Vorfeld war unser Gottesdienst umstritten, meistens auf Grund von Unkenntnis. Uns wurde unterstellt, wir planten eine "Interzelebration", bei der Geistliche aus verschiedenen Konfessionen zur selben Zeit am Altar die Abendmahlsworte sprechen. Ein Gottesdienst mit eucharistischer Gastfreundschaft (auch: Gastbereitschaft) ist etwas anderes. - Die katholischen Bischöfe in Deutschland haben erklärt, dass sie dazu nicht in der Lage seien. In seiner jüngsten Enzyklika hat der Papst ein gemeinsames Abendmahl generell abgelehnt. Es gibt Ausnahmen, diese sind jedoch sehr eng umschrieben.

Offiziell gibt es also keine Eucharistiegemeinschaft. Aber die Annahme eucharistischer Gastfreundschaft ist Sache der einzelnen Gläubigen. Sie folgen ihrer eigenen Überzeugung und ziehen Konsequenzen aus der Tatsache, dass es keine trennenden Unterschiede im Verständnis der Eucharistie mehr gibt. Amtliche Regelungen in dieser Richtung für die römische Kirche insgesamt sind erst später zu erwarten.

Dr. Brigitte Enzner-ProbstDie Predigt hielt Dr. Brigitte Enzner-Probst, geb. 1949, 3 Kinder, Gemeindepfarrerin, Promotion in Praktischer Theologie, Theologische Referentin im Arbeitsbereich Frauen in der Kirche, Gastdozentin an verschiedenen Hochschulen, arbeitet am Thema "Körper und Liturgie". Mehrere Veröffentlichungen z.B. "Wenn Himmel und Erde sich berühren", "Pfarrerin. Als Frau in einem Männerberuf" oder "Auf den Schwingen der Sehnsucht".

Prof. DDr. Gotthold Hasenhüttl (dpa 29.5.2003)Der zelebrierende Priester war Dr. phil. Dr. theol. Gotthold Hasenhüttl, geb. 1933 in Graz, emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Universität des Saarlandes, Vorsitzender der Internationalen Paulusgesellschaft. Mit der Veröffentlichung seiner an der Päpstlichen Gregorianischen Universität in Rom vorgelegten Dissertation "Der Glaubensvollzug, eine Begegnung mit Rudolf Bultmann aus katholischem Glaubensverständnis", ist G. Hasenhüttl in der Fachwelt schon 1963 in Sachen Ökumene allgemein bekannt geworden. Seine jüngste größere Veröffentlichung ist: "Glaube ohne Mythos", 2 Bände, Mainz 2001 (Rezension in imprimatur 5-6/2001):

Die Gottesdienste wurden vorbereitet vom gemeinsamen Arbeitskreis "Ökumene" der Initiative Kirche von unten (IKvu) und Wir sind Kirche (WsK) mit der Evangelischen Gemeinde "Prenzlauer Berg - Nord", Berlin.



Download: Ablauf des Gottesdienstes (PDF-Datei)


Ansprache von Prof. DDr. Gotthold Hasenhüttl:

Ich begrüße Sie ganz herzlich zum Ökumenischen Gottesdienst mit Eucharistiefeier nach katholischem Ritus und "offener Kommunion". Alle sind eingeladen zum Empfang des Abendmahls als Zeichen der Gemeinschaft untereinander in Jesus Christus in den Symbolen von Brot und Wein.

Es ist schon erstaunlich, wie schwer sich die Christen von Anfang an mit dem gemeinsamen Abendmahl getan haben. Der erste Streit unter den Christen, wie wir aus der Apostelgeschichte und bei Paulus erfahren, geht um die Tischgemeinschaft. Wie können Juden und Heiden beim eucharistischen Mahl zusammenkommen? Heiden essen doch nicht koscher! Eine nicht koschere Eucharistiefeier ist unmöglich - so die Juden. Petrus schwankt, er ist schließlich für die getrennte Mahlfeier. Hätte Paulus dem Petrus, nach katholischem Verständnis der erste Papst, nicht ins Angesicht widerstanden, wären Juden- und Heidenchristen gesonderte Wege gegangen und die Spaltung hätte in der biblischen Zeit begonnen. Der erste Papst aber pochte nicht auf seine "Unfehlbarkeit" und so wurden die theologischen Unterschiede versöhnt. Aber bald folgte das zweite Ausschlussverfahren. Mit Ungetauften Tischgemeinschaft zu pflegen, ist doch unmöglich. Ist also Christus nur noch für Getaufte da? Hat er nicht selbst mit Zöllnern und Sündern gegessen? Und hat nicht Judas am Abendmahl teilgenommen? Keiner der Apostel war je getauft worden und doch feierten sie Eucharistie. Und die, die in der Apostelgeschichte miteinander in den Häusern das Brot brachen, waren wohl kaum alle getauft. Wer kann einem Ungetauften, wenn er die Gemeinschaft mit Jesus Christus haben möchte, diese Gemeinschaft verweigern? Doch die Kirche trennte sich ab und schloss aus. Ist Jesus Christus seit damals nicht mehr für alle da?

Prof. DDr. Gotthold Hasenhüttl (dpa 29.5.2003)Und schließlich schlossen sich auch Getaufte gegenseitig aus, weil die Theologie über die Gegenwart Christi und wodurch sie geschieht (Amt) unterschiedlich war, dabei hören wir, dass wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, Jesus Christus mitten unter ihnen ist. Können Brot und Wein kein Zeichen mehr dafür und Symbol seiner Gegenwart sein? Wollte Jesus Christus nicht ein Hirte und für seine Herde da sein? Gerade den anderen anders sein lassen, ermöglicht echte Gemeinschaft. Vielfalt nicht Uniformität! Kann Jesus Christus nicht auf verschieden Weise für Menschen mit unterschiedlichem Verständnis gegenwärtig sein? Auf evangelische Wiese, auf katholische Weise, auf jede christliche Weise? Nach katholischem Verständnis empfängt freilich der, der meint, er isst nur Brot, auch tatsächlich nur dieses. Wie intensiv lädt Jesus zum Hochzeitsmahl ein - gerade auch die Geächteten. Wer hingegen ausschließt, schließt sich selbst von der Gegenwart Christi aus.

Nicht die Gemeinschaft macht ein Essen nach Paulus "unwürdig". Unwürdig ist es nur dann, wenn sie einen satt sind und die anderen hungern, d.h. wer das Zeichen der Eucharistie setzt, das Zeichen der Gemeinschaft, des Friedens und der Liebe ist, und sich unsolidarisch, sich "gleichgültig gegenüber den Armen" verhält, wer also spaltet, der schließt sich aus, der spaltet sich selbst, indem er im Symbol der Tischgemeinschaft in Liebe bejaht, im Leben aber verneint. Das Symbol wird zum Diabol. Eucharistie wird diabolisch. Wer den Menschen nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht. Nur im Sichtbaren begegnet Gottes Wirklichkeit. Hier beim Gottesdienst kann unter uns Christi Wirklichkeit, Gotteserfahrung möglich werden. Die Lebensfrage aber lautet nicht: Wie oft habt ihr Abendmahl gefeiert, sondern, was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan. Die Eucharistie will jede Spaltung beseitigen und ist vor allem Zeichen dafür, dass alle Menschen angenommen sind. So sollen wir heute die Aufforderung des Papstes in "Ecclesia de Eucharistia" folgen, indem er sagt: "Steh auf und iss, sonst ist der Weg zu weit für Dich" - und dies gilt für uns alle.


Predigt von Dr. Brigitte Enzner-Probst:

(Lukas 4, 16-21 Die Predigt Jesu in Nazareth)

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

Das war knapp! Um Haaresbreite wäre er den Abhang hinab gestürzt worden, der hinter seiner Heimatstadt liegt. Wütend hatten sie ihn aus der Synagoge gedrängt, vor sich her, aus der Stadt hinaus, bis zu diesem Steilhang. Sie wollten ihn loswerden, wollten ihn weghaben. Was war passiert? Jesus war nach langer Zeit in seine Heimatstadt Nazareth gekommen. Das war eine Sensation! Der berühmt Gewordene daheim! Wie ein Lauffeuer hatte sich diese Nachricht verbreitet. Alle wollten ihn sehen, die Synagoge war brechend voll. Wir haben es in der Lesung vorhin gehört:

"Jesus kehrte, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend.
Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen. So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge."

Wie gewohnt geht Jesus am Sabbat in die Synagoge, nimmt an den Gebeten und Gesängen teil. Ja, die Tradition- wie gut zu sehen, dass Jesus einer von ihnen ist. Das gibt den daheim Gebliebenen eine gewisse Mitberühmtheit! Seht her, dieser Jesus- bei uns ist er aufgewachsen!

Als Jesus aufsteht, um aus der Schrift vorzulesen, reicht man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Jesus ergreift selbst die Initiative.
Er wird nicht vom Synagogenvorsteher aufgefordert zu lesen und die Schriftstelle auszulegen. Jesus wählt sich diesen Text selbst. Es ist sein Text. Jesus rollt die Buchrolle auf bis zu der Stelle, wo es heißt:

"Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn Gott hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht, damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe."

Mit diesen Worten beginnt nach Lukas Jesu öffentliche Wirksamkeit. Was vorher geschehen ist, was nachher folgen wird, wird mit diesem Profetenwort begründet, verdichtet sich in dieser Situation. Dort, in der Synagoge von Nazareth - vollmächtiges, geisterfülltes Reden - und am Schluss Ablehnung und Lebensgefahr.

1. Der Raum des Möglichen
Zunächst findet seine Rede, wie Lukas schreibt, bei allen Beifall. Sie staunen darüber, wie begnadet er redet. Jesus erweckt die alten Verheißungen Gottes zu einem ungeahnten Leben. Gegenüber den angeblichen Unveränderlichkeiten menschlichen Lebens, das säuberlich getrennt ist in arm und reich, mächtig und ohmächtig, gebunden und frei, gelähmt und beweglich, niedergeschlagen und stolz, breitet sich in seinen Worten ein Raum des Möglichen aus:

Hoffnung auf Veränderung
den Armen und Ohnmächtigen gute Nachricht
Lösungsmöglichkeiten für die Verstrickten
Visionen für die mit Blindheit Geschlagenen
Den Niedergeschlagenen neue Hoffnung …

Während Jesus redet, ist es, als würden diese Zusagen Gottes greifbar, konkret werden, mitten hinein treffen in das alltägliche Leben der Hörenden. Mitten hinein in die Geschichten der kleinen Leute. Ihr kleines Leben und der große Gott gehören zusammen. Ihr alltägliches Leben und Leiden macht plötzlich Sinn. Ist umfasst von einer großen göttlichen Liebe. Alles scheint möglich denen, die glauben und vertrauen.

Schon strecken sich die Seelen der Zuhörenden aus, um Lasten abzulegen und sich aufzurichten zu einer neuen Würde, im Angesicht dieses lebendigen Gottes. Schon seufzen die Armen und Zerschlagenen unter den Zuhörenden auf, weil eine ungeahnte Hoffnung ihr Herz durchzieht. Für einen Moment war es wohl so. Einen göttlichen Augenblick lang spürten die Zuhörenden die Kraft des lebendigen Gottesgeistes.

2. Heute. Jetzt
Lukas fasst Jesu vollmächtige Auslegung in einen kurzen Satz zusammen. "Heute, jetzt", sagt Jesus, "hat sich das Schriftwort erfüllt vor euren Ohren." Durch die Jahrhunderte der Glaubensgeschichte des alten und des neuen Bundes war es immer wieder das "Heute" und "Jetzt", des lebendigen Gottesgeistes, das von einzelnen gehört und ergriffen wurde, durch das Bewegung in festgefahrene Situationen kam.

Liebe Schwestern und Brüder,
heute, jetzt, in diesem Gottesdienst erreicht die Verheißung Gottes, erreicht Gottes Gute Nachricht und Einladung auch uns. Uns, die wir uns arm und ohnmächtig fühlen an Möglichkeiten, etwas zu verändern. Uns, die wir mit einer großen Sehnsucht im Herzen hierher gekommen sind, dass wir einander ohne Vorbehalte willkommen heißen könnten beim gemeinsamen Mahl am Tisch des Herrn.

Uns erreichen die Verheißungen Gottes, die wir oft blind sind im Blick auf die möglichen nächsten Schritte im ökumenischen Miteinander. Die wir gelähmt sind von Vor- und Rücksichten, Von Ängstlichkeit und Resignation, weil sich ja doch nichts ändern wird.
Die wir mühselig und beladen durch Konflikte und vergangenen Streit nicht zueinander finden können. Uns, so wie wir heute Abend hier versammelt sind, ist zugesagt:

Dass der lebendige Gottesgeist uns in Bewegung setzen will.
Dass Lähmung von uns genommen werden kann.
Dass wir, von Hoffnung erfüllt, in eine versöhnte Zukunft der christlichen Kirchen sehen und gehen können.

Das Schlüsselwort, das diese Verheißungen, diese Zusagen Gottes Wirklichkeit werden lässt, heißt: Heute. Jetzt. Das ist der qualifizierte, der göttliche Augenblick. Was vergangen ist, ist nicht mehr zu ändern. Traurig und schuldbeladen blicken wir auf die Jahrhunderte von konfessionellem Streit und Missverstehen, von Leid und gegenseitiger Verunglimpfung. So viele Kriege, soviel Hass und Zerstörung, weil Religion zum Vorwand von Macht und Interessen wurde. Katholische Gläubige im England des 16. Jahrhunderts, in Irland und wo immer, die um ihres katholischen Glaubens unterdrückt und verfolgt wurden und werden. Mein Urahn Wolff Enßer, der nach dem Dreißigjährigen Krieg als Salzburger Exulant mit seiner ganzen Familie Haus und Hof verlassen musste und mit über neunzig Jahren eine neue Heimat im Fränkischen fand.

Die Kette von Unrecht und Verletzungen könnten wir beliebig verlängern. Wir sehen traurig darauf zurück. Ändern können wir nichts mehr. Aber Heute. Jetzt. Das ist der gefüllte, geistgewirkte Augenblick, wo wir angerufen sind, wo wir antworten und handeln können. Anders, als je zuvor.

Heute. Jetzt. Ist die Zeit des Heils, wird getan oder vertan, was uns zugesprochen ist. Dietrich Bonhoeffer hat dieses Heute gekannt. Dieses gefüllte und lebendige Heute, das nur gewürdigt wird "im Beten und Tun des Gerechten". Vor mehr als zehn Jahren wurde dieses "Heute.Jetzt" in dieser Kirche gehört, von denen, die sich zu den Montagsgebeten versammelten. Wurde die Vision von einem nicht gespaltenen Land in den Herzen groß, so groß, das sie Wirklichkeit werden konnte.

Es ist der lebendige Gottesgeist, der in diesem Heute. Jetzt wirkt. Es ist der Geist Gottes, der auf Jesu Leben und Wirken ruhte, der allein unsere Sehnsucht zum Segen für viele wandeln kann. Was hindert uns also, diese Verheißungen beim Wort zu nehmen? Was hindert uns, diesem wirkenden Wort zu trauen? Was hindert uns, die Einladung eines großzügigen Gastgebers anzunehmen?

3. Der Widerspruch - die Einwände - die Spannungen - der Streit
Es ist der Widerspruch, es sind die tausend Einwände, die sich auftun,
es ist die Angst, die sich breit macht vor Unruhe und Veränderung,
es ist der Neid, nicht mehr die alten Positionen sichern zu können,
es ist das ganze Arsenal unseres "Ich will nicht …",
das wir dagegen halten, wo eigentlich alles so einfach ist.

Auch in der Synagoge in Nazareth wird dies sehr rasch deutlich. Das anfängliche Staunen, das Ergriffensein von dieser neuen Perspektive der Liebe Gottes, die keine Spaltungen mehr kennt, die alle ohne Unterschiede einlädt und willkommen heißt, weicht einer großen Entrüstung.

"Sie sagten: "Ist das nicht Josefs Sohn?" Ist das nicht der, den wir von Kindesbeinen an kennen, mit dem wir als Kinder zusammen gespielt haben? Und der will sich zum Profeten, gar zum Gesandten Gottes, zum Christus-Messias aufspielen? Wie kann ein solcher sagen: "Jetzt, Heute, hat sich dieses Schriftwort vor euren Augen erfüllt? Das ist doch anmaßend. Was nimmt er sich eigentlich heraus? Wie stehen wir, die Autoritäten des öffentlichen und religiösen Lebens plötzlich da? Gilt denn unser Wort nichts mehr? Wo bleibt unser Einfluss?"

Wir kennen diese Argumente auch heute zur Genüge. Gibt es nicht Berufenere, die die richtigen Antworten wissen? Gibt es nicht Kirchenleitungen, gibt es nicht Theologen, die in solchen Angelegenheiten den Überblick haben?

Damals wie heute ist das so:
Als die Zuhörenden diesen Einwänden Raum geben,
als sie versuchen, das wieder zu dämpfen, was da in ihren Herzen groß geworden war für einen göttlichen Augenblick lang,
als sie die Sehnsucht nach einem freien und gelösten und angstfreien Leben wieder klein reden wollen -
da packt sie plötzlich die Wut.

Hinaus mit ihm! Hinweg mit ihm, der unser alltägliches Leben so aufrührt. Der da bringt Unruhe, dorthin zum Abhang, hinab und weg!
Damit wieder Ruhe einkehrt. Ordnung.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
wer den Geist Gottes in sein Leben lässt, muss mit der Unruhe leben, mit Veränderungen und Bewegungen, die vielen nicht passen. Die Probleme, die in einem bestimmten System entstanden sind, lassen sich nicht innerhalb des gleichen Systems lösen. Es braucht einen weiteren Horizont, es braucht eine andere Perspektive, um zukunftsfähige Lösungen zu finden! Wer diesem Geist der Verbundenheit und Gastfreundschaft Einlass gewährt, für den verlieren die alten Probleme ihre Plausibilität. Sie verlieren ihre Kraft. Sie gehören dem alten System der Trennung und Abgrenzung an. Ein solches "Aussteigen aus einem alten System" macht Angst. Das schafft Unruhe.

Die Frauen und Männer der Ökumenischen Bewegung haben diesen weiteren Horizont, diese neue Perspektive des Einsseins in der Vielfalt gelebt. Sie haben Jesu Vermächtnis, sein Gebet um Einheit, gehört und in ihren Herzen groß werden lassen. Sie haben den Schmerz über die Gespaltenheit der christlichen Kirchen gefühlt und ausgehalten. Spüren wir diesen Schmerz der Gespaltenheit noch? Oder haben wir uns in dem, was die Ökumenische Bewegung erreicht hat, schon wieder eingerichtet, daraus neue Ordnungen geschaffen, einen status quo, der erneut nicht verändert werden kann und soll?

Viele Evangelischen sagen: Wir haben doch mit all dem kein Problem. Lasst sie doch machen! Das geht uns doch nichts an. Aber das hieße, den Schmerz der anderen nicht mitzufühlen. Das hieße, einander aus der wechselseitigen Verantwortung zu entlassen. Wenn wir "ein Leib", d.h. ein lebendiger und charismatischer Lebenszusammenhang in Christus sind, dann sollten wir sagen: "Eure Leiden sind auch unsere Leiden!"

Es ist das Charisma der reformatorischen Kirchen, es ist ihre Verpflichtung, in der Vielstimmigkeit der ökumenischen Gemeinschaft immer wieder an die Erneuerung der Kirche zu erinnern, sich unbeliebt damit zu machen und anderen diese Unruhe nicht zu ersparen,
dass Kirche nur dann glaubwürdig ist, wenn sie sich erneuert, wenn sie ecclesia semper reformanda ist.

Die theologischen Archive gelehrten Wissens müssen nicht noch mehr angefüllt werden. Die Resultate ökumenischer Dialoge sind geschrieben und festgehalten. Das Wesentliche, das Grundsätzliche ist gesagt und ausgetauscht. Dankbar können wir nun gemeinsam den Blick auf das Wesentliche richten. Das Wesentliche aber sind die Verheißungen, die Zusagen Gottes. Gottes große Einladung. Gott selbst lädt in Christus ein zum Mahl der Freude. Dieser Gastgeber muss uns mehr wert sein als die unterschiedlichen Meinungen unter uns Gästen.

Es geht dabei nicht um Gleichmacherei. Zu einem Fest müssen wir nicht uniformiert erscheinen. Vielfalt ist angesagt und darf sein. Es geht keineswegs um ein Einebnen verschiedener Ansichten, Manches steht noch an, was zu einem lebhaften Gespräch herausfordert.

Dennoch ist dies ein Gespräch unter Gästen. Es ändert nichts an der Tatsache, dass wir alle eingeladen sind, mehr noch, dass wir allesamt bedürftig sind, Des Angenommenseins, der Freude. Willkommen geheißen von dem, der unser Leben trägt und diese ganze Welt ins Sein gerufen hat.

Dieses Zeugnis braucht die Welt. Diese Einladung wirklich und ganz zu leben, hätten wir alle Hände und ein Leben lang genug zu tun! Weil Kirche nicht um ihrer selbst willen da ist, sondern in die Welt gesandt, um Gottes unbegreifliche, grenzenlose Liebe Gottes Einladung zu einem vertrauensvollen Leben in der Kraft des Geistes den Menschen vorzuleben und zu verkündigen, können und dürfen wir uns nicht mit dem Erreichten zufrieden geben, können wir uns nicht im Mittelmaß einrichten, wo die volle Versöhnung so nahe ist!

Ich zitiere aus der Erklärung der "Initiative Kirche von unten" und "Wir sind Kirche":

"Nur in einer ernst gemeinten Ökumene, die keine und keinen vereinnahmt, sondern in gegenseitiger Achtung besteht und Vielfalt zulässt, können die Kirchen die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bestehen. Die Ziele des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zeigen den Weg, den die Christenheit zu gehen hat. Sie erinnern die Kirche daran, dass sie nicht um ihrer selbst willen da ist."

In einer Menschheit, die es entweder schafft, zu einer friedlichen Weltgemeinschaft zusammenzuwachsen oder sich aber global in die Katastrophe stürzt, wäre das Zeugnis von Christinnen und Christen, von christlichen Gemeinden und Kirchen entscheidend wichtig.

Wenn wir es aber noch nicht einmal schaffen, uns gegenseitig willkommen zu heißen - was ist unser Zeugnis von der Liebe Gottes dann wert? Unser Reden von der Versöhnung in Christus, von der Fähigkeit des lebendigen Gottesgeistes, kreative und intelligente Lösungen auf die Fragen der Menschheit zu finden. Wird es uns denn abgenommen werden von denen, die nicht glauben?

Liebe Schwestern und Brüder,
Heute. Jetzt. Ergeht die Einladung Gottes an uns. Sie erreicht uns im Wort und im Hören. Sie überwältigt uns nicht mit Gewalt. Widerspruch ist möglich, wie wir an der Reaktion der Leute in Nazareth gesehen haben. Die Erfüllung der Zusagen ist an unser Hören und unser Vertrauen gebunden. Wer immer dieser Einladung folgt, tut dies nicht als Demonstration gegen jemanden. Nicht im Geist des Kämpfenwollen, sondern als Hörende kommen wir, als Sehnsüchtige und Erwartungsvolle, als Bedürftige.

So folgen wir der Stimme unseres Hirten recht seiner Einladung, die uns allen gilt:

"Kommt herzu, es ist alles bereit. Schmeckt und seht, wie freundlich Gott selbst ist!"

Amen.


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