Petersdom

IKvu-SPECIAL:
Papstamt und Petrusdienst

Hintergrundinfos zum Konklave;
Kritik und Reformvorschläge;
Links und Literaturhinweise etc.

Zusammenstellung: Thomas Wystrach
Letzte Aktualisierung: 02.04.2005

Zum Verfahren der Papstwahl:

Papst-WappenWeitere Informationen zum Papst:


Papst (griech. »pappas«, lat. »papa« = Vater),
Amtsbezeichnung, die im kirchlichen Westen seit dem 5. Jh. ausschließlich dem Bischof von Rom gilt.

1. Zur Geschichte. Nach der kath. Glaubenslehre wurden dem Apostel Simon Petrus Verheißungen Jesu zuteil, nach denen er Fundament der künftigen Kirche u. Inhaber der Schlüsselgewalt werden solle. Unter Hinweis darauf, daß mit dem Fundament nicht der persönliche Glaube des Petrus allein gemeint sein könne, sondern die Fundamentfunktion eine dauernde ist, hält die kath. Glaubenslehre daran fest, daß dem Petrus und seinen Nachfolgern das höchste Leitungsamt in der Kirche anvertraut wurde (die hauptsächlich angeführten Texte: Mt 16, 16–19; Lk 22, 31 f.; Joh 21, 15–19; dazu kommen noch weitere Texte des NT, die eine Sonderstellung des Petrus bezeugen, darunter auch die Haltung des Paulus gegenüber Petrus). Es ist heute Gemeingut der Theologie, daß die entsprechenden Texte des NT, die sämtlich der nachösterlichen Tradition angehören, nicht als historische Zeugnisse im Sinn einer »Stiftung« des Papstamtes durch Jesus verstanden werden können. Ein Vorrang der Christengemeinde in Rom ist schon in Zeugnissen Ende des 1. Jh. greifbar; daß sie von einem Bischof geleitet wurde, ist 235 bezeugt. Bei Cyprian († 258) findet sich erstmals die Auffassung, daß der Bischof von Rom der Nachfolger des Petrus ist. Dabei spielte zweifellos der Rang Roms als Hauptstadt des Kaiserreichs eine Rolle; da aber vom 4. Jh. an Konstantinopel diesen Rang beerbte u. das Verhältnis des geistlichen u. politischen Vorrangs nicht genau definiert war, fanden die wichtigen Klärungen von Glaubensfragen durch Ökumenische Konzilien im 1. Jahrtausend auf Initiative der oströmischen Kaiser u. nur mit päpstlichen Legaten statt.

Etappen in der Entwicklung des Papsttums: Durch Schenkungen von Kaisern u. Adel seit dem 4. Jh. wird die römische Kirche zum größten Grundbesitzer in Italien (Kirchenstaat bis 1870, seit 1929 Vatikanstaat); Geltung des Papstamtes im ganzen Abendland zur Zeit Gregors I. († 604); allgemeine Anerkennung als Appellationsinstanz im 8. Jh.; Ablehnung der röm. Verhaltensweisen durch die Ostkirchen; Kaiserkrönung im Westen 800 u. in der Folgezeit bis 1530; Beanspruchung des Jurisdiktionsprimats seit Gregor VII. (1075); allmähliche Zurückweisung der Eigenständigkeit der Bischöfe u. Auseinandersetzung mit der weltlichen Macht; seit Innozenz III. († 1216) Beanspruchung des Titels »Stellvertreter Christi«; bei Bonifaz VIII. (1302) die Forderung der Anerkennung des päpstlichen Primats durch alle Menschen als Voraussetzung für deren ewiges Heil; als Reaktion auf die jahrhundertelangen Reformbegehren (Konzil von Konstanz; Konziliarismus) u. die Reformation Verstärkung des absolutistischen Anspruchs u. Ausbau der röm. Kurie; in Reaktion auf den Schock durch Aufklärung u. Französische Revolution Konzentration auf den Jurisdiktionsprimat u. die Unfehlbarkeit des Papstes im I. Vaticanum 1869–1870; Versuch einer »Neuentdeckung« des Bischofskollegiums u. des »pastoralen« Charakters des Papstamtes durch Johannes XXIII. († 1963); seither neuerliche Betonung des päpstlichen Primats, aber auch Andeutung der Möglichkeit, die Art seiner Ausübung im Interesse der Ökumene deutlich zu verändern.

2. Zur Theologie. Für geschichtliches Denken ist es selbstverständlich, daß eine Institution dem Willen Gottes gemäß sein u. dennoch konkreten Gestaltungen, menschlichen Eingriffen u. Prägungen auch sehr unvollkommener Art ausgesetzt sein kann. Mit den Papstdogmen des I. Vaticanums sind bei weitem nicht alle theol. u. praktischen Fragen geklärt. Der P. ist, ohne daß das juristisch geltend gemacht werden könnte, in das Glaubensverständnis der Gesamtkirche eingebunden; sein Amt ist immer Dienst an der Offenbarung Gottes u. Knechtsdienst Jesu Christi. Die Anerkennung der Kompetenzen der einzelnen Bischöfe in der Leitung ihrer Diözesen u. die Respektierung des Bischofskollegiums könnten ungleich größer sein als heute. Die Ämter des Papstes als Bischof von Rom u. als Patriarch der westlichen Kirche könnten in seiner Dienstausübung Vorrang gewinnen, so daß die Ausübung des universalkirchlichen Primats immer stärker subsidiären Charakter annähme. Anderseits sieht die kath. Theologie deutlich, daß nach dem bisherigen Ausweis der Geschichte das Papstamt einen entscheidenden Dienst bei der Überlieferung u. Bewahrung der Offenbarung Gottes, bei der Sicherung der Identität der Kirche im Lauf der Geschichte u. auch bei der Garantierung der Einheit bei zunehmendem Pluralismus u. starker Polarisierung leistet. Ökumenisch sind konstruktive Gespräche über ein der Einheit dienendes universalkirchliches Amt im Zeichen »versöhnter Verschiedenheit« u. Eigenständigkeit der Teil- u. Schwesterkirchen denkbar.

Aus: Herbert Vorgrimler, Neues Theologisches Wörterbuch,
Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2000, S. 475f.


Stellungnahmen aus Reformgruppen:

Sonstige Texte zum Thema "Papstamt und Petrusdienst":


Nicht von dieser Welt
Johannes Paul II. hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt und die katholische Kirche in die Krise geführt

Hans KüngAm 17. Oktober 1979 veröffentlichte ich eine Zwischenbilanz des ersten Amtsjahrs von Papst Johannes Paul II. Es war dieser in mehreren Weltblättern publizierte Artikel, der zwei Monate später den Ausschlag gab zum Entzug meiner kirchlichen Lehrbefugnis als katholischer Theologe.

25 Jahre Pontifikat haben meine Kritik bestätigt. Für mich ist dieser Papst nicht der größte, wohl aber der widersprüchlichste des 20. Jahrhunderts. Ein Papst vieler großer Gaben und vieler falscher Entscheidungen. Vereinfacht auf einen Nenner gebracht: Seine «Außenpolitik» verlangt von aller Welt Bekehrung, Reform, Dialog. Im krassen Widerspruch dazu aber seine «Innenpolitik», die auf Restauration des Zustands vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil und Verweigerung des innerkirchlichen Dialogs abzielt. In zehn komplexen Problemfeldern zeigt sich diese Widersprüchlichkeit:

  1. Derselbe Mann, der die Menschenrechte nach außen vertritt, verweigert sie nach innen den Bischöfen, Theologen, den Frauen vor allem: Der Vatikan darf die Menschenrechtserklärung des Europarates nicht unterzeichnen; allzu viele Bestimmungen des mittelalterlich-absolutistischen römischen Kirchenrechtes müssten zuvor geändert werden. Gewaltenteilung ist in der katholischen Kirche unbekannt. In Streitfällen fungiert dieselbe Behörde als Gesetzgeberin, Anklägerin und Richterin.
    Folgen: Ein serviler Episkopat und unhaltbare Rechtszustände. Wer mit den höheren kirchlichen Instanzen in einen Rechtsstreit gerät, hat kaum eine Chance, Recht zu bekommen.
     
  2. Ein großer Marienverehrer, der hehre Frauenideale predigt, aber Frauen abwertet und ihnen die Ordination verweigert: Attraktiv für viele traditionell katholische Frauen, stößt dieser Papst moderne Frauen ab, die er von höheren Weihen «unfehlbar» für alle Ewigkeit ausschließen will und im Falle der Empfängnisverhütung zur «Kultur des Todes» rechnet.
    Folgen: Ein Zwiespalt zwischen äußerem Konformismus und innerer Gewissensautonomie, welcher etwa in der Schwangerschaftskonfliktberatung auch die römisch gesinnten Bischöfe von den Frauen entfremdet und so zu einem wachsenden Exodus der bisher noch Kirchentreuen führt.
     
  3. Ein Prediger gegen Massenarmut und Elend in der Welt, der jedoch mit seiner Einstellung zu Geburtenregelung und Bevölkerungsexplosion an diesem Elend mitschuldig ist: Der Papst, der auf seinen vielen Reisen und auch gegenüber der Uno-Bevölkerungskonferenz in Kairo gegen Pille und Kondome Stellung nimmt, dürfte mehr als jeder Staatsmann mitverantwortlich sein für ein unkontrolliertes Bevölkerungswachstum in manchen Ländern und die Ausbreitung von AIDS in Afrika.
    Folgen: Selbst in traditionell katholischen Ländern wie Irland, Spanien und Polen lehnt man zunehmend die päpstliche Sexualmoral ab und wehrt sich gegen römisch-katholischen Rigorismus in Sachen Abtreibung.
     
  4. Ein Propagandist des zölibatären männlichen Priesterbildes, der die Mitverantwortung trägt für den katastrophalen Priestermangel, den Zusammenbruch der Seelsorge in vielen Ländern und die nicht mehr vertuschbaren Pädophilie-Skandale im Klerus: Dass Priestern noch immer die Ehe verboten wird, ist nur ein Beispiel dafür, wie auch dieser Papst sich über die Lehre der Bibel und die große katholische Tradition des ersten Jahrtausends, die kein Zölibatsgesetz für Amtsträger kennen, hinwegsetzt zu Gunsten des Kirchenrechts aus dem 11. Jahrhundert.
    Folgen: Die Kader haben sich ausgedünnt, der Nachwuchs bleibt aus, in Bälde wird fast die Hälfte der Pfarreien ohne ordinierte Seelsorger und regelmäßige Eucharistiefeiern sein, was auch der Priester-Import aus Polen, Indien und Afrika und die fatale Zusammenlegung von Pfarreien zu «Seelsorgeeinheiten» nicht mehr verschleiern können.
     
  5. Der Betreiber einer inflationären Zahl von lukrativen Heiligsprechungen, der zugleich mit diktatorischer Macht seine Inquisition gegen missliebige Theologen, Priester, Ordensleute und Bischöfe vorgehen lässt: Verfolgt werden vor allem Gläubige, die sich durch kritisches Denken und energischen Reformwillen auszeichnen. Wie Pius XII. die bedeutendsten Theologen seiner Zeit (Chenu, Congar, de Lubac, Rahner, Teilhard de Chardin) verfolgte, so Johannes Paul II. (und sein Großinquisitor Ratzinger) Schillebeeckx, Balasuriya, Boff, Bulányi, Curran sowie Bischof Gaillot (Evreux) und Erzbischof Huntington (Seattle).
    Folge: Eine Überwachungskirche, in der sich Denunziantentum, Angst und Unfreiheit breit machen. Die Bischöfe empfinden sich als römische Statthalter statt als Diener des Kirchenvolkes, und die Theologen schreiben Konformes oder schweigen.
     
  6. Ein Lobredner der Ökumene, der aber die Beziehungen zu den orthodoxen wie den reformatorischen Kirchen belastet und die Anerkennung ihrer Ämter und Abendmahlsgemeinschaft von Evangelischen und Katholiken verhindert: Der Papst könnte, wie mehrfach von ökumenischen Studienkommissionen empfohlen und von vielen Pfarrern vor Ort praktiziert, die Ämter und Abendmahlsfeiern der nicht katholischen Kirchen anerkennen und eucharistische Gastfreundschaft erlauben. Auch könnte er den übersteigerten mittelalterlichen Machtanspruch gegenüber Ostkirchen und reformatorischen Kirchen zurückschrauben. Er aber will das römische Machtsystem erhalten.
    Folgen: Die ökumenische Verständigung wurde nach dem Vatikanum II blockiert. Das Papsttum erweist sich wie schon im 11. und im 16. Jahrhundert als das größte Hindernis für eine Einheit der christlichen Kirchen in Freiheit und Vielfalt.
     
  7. Ein Teilnehmer am Zweiten Vatikanischen Konzil, der die dort beschlossene Kollegialität des Papstes mit den Bischöfen missachtet und den triumphalistischen Absolutismus des Papsttums bei jeder Gelegenheit neu zelebriert: Statt der konziliaren Programmworte «Aggiornamento, Dialog, Kollegialität, ökumenische Öffnung» jetzt wieder in Wort und Tat «Restauration Lehramt Gehorsam Re-Romanisierung».
    Folgen: Die Massen bei Papstmanifestationen sollten nicht darüber hinwegtäuschen: Millionen haben unter diesem Pontifikat «Kirchenflucht» begangen oder sich in die innere Emigration zurückgezogen. Die Animosität der breiten Öffentlichkeit und der Medien gegenüber der hierarchischen Selbstherrlichkeit hat bedrohlich zugenommen.
     
  8. Ein Vertreter des Gesprächs mit den Weltreligionen, der diese zugleich als defizitäre Formen von Glauben abqualifiziert: Der Papst versammelt gerne Würdenträger anderer Religionen um sich. Aber von einem theologischen Eingehen auf deren Anliegen ist wenig zu spüren. Vielmehr versteht er sich auch im Zeichen des Dialogs noch als «Missionar» alten Stiles.
    Folgen: Das Misstrauen gegenüber dem römischen Imperialismus ist nach wie vor weit verbreitet. Und dies nicht nur unter den christlichen Kirchen, sondern auch im Judentum und im Islam und erst recht in Indien und China.
     
  9. Ein wortmächtiger Anwalt der privaten und öffentlichen Moral und engagierter Kämpfer für den Frieden, der sich zugleich durch weltfremden Rigorismus als moralische Autorität unglaubwürdig macht: Die berechtigten moralischen Bemühungen des Papstes wurden weithin um ihren Erfolg gebracht durch rigoristische Positionen in Fragen des Glaubens und der Moral.
    Folgen: Für manche traditionalistische Katholiken wie Säkularisten ein Superstar, hat dieser Papst sein Amt durch Autoritarismus dem Autoritätsverfall preisgegeben. Obwohl auf medial wirksam inszenierten Reisen ein charismatischer Kommunikator (bei gleichzeitiger Gesprächsunfähigkeit und Regelungswut nach innen), fehlt ihm die Glaubwürdigkeit eines Johannes XXIII.
     
  10. Der Papst rang sich im Jahre 2000 zu einem öffentlichen Sündenbekenntnis durch, bat indes nur für die Verfehlungen der «Söhne und Töchter der Kirche» um Vergebung, nicht aber für die der «heiligen Väter» und die der «Kirche selbst».
    Folgen: Das halbherzige Bekenntnis hat keine Folgen: keine Umkehr, nur Worte, keine Taten. Statt nach dem Kompass des Evangeliums, der angesichts der gegenwärtigen Fehlentwicklungen in Richtung Freiheit, Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit weist, richtet man sich in Rom noch immer nach dem mittelalterlichen Recht, das statt einer Frohbotschaft eine anachronistische Drohbotschaft mit Dekreten, Katechismen und Sanktionen bietet.

Die Rolle des polnischen Papstes beim Zusammenbruch des Sowjetimperiums lässt sich nicht übersehen. Doch ging dieses nicht am Papst zu Grunde, sondern an den wirtschaftlich-sozialen Widersprüchen des Sowjetsystems selbst. Die tiefe persönliche Tragik dieses Papstes: Sein polnisch-katholisches (mittelalterlich-gegenreformatorisch-antimodernistisches) Modell von Kirche ließ sich nicht auf den «Rest» der katholischen Welt übertragen. Vielmehr wurde es in Polen selber von der modernen Entwicklung überrollt. Für die katholische Kirche erweist sich dieses Pontifikat trotz seiner positiven Aspekte letztendlich als ein Desaster. Ein hinfälliger Papst, der seine Macht nicht abgibt, wiewohl er könnte, ist für viele das Symbol einer Kirche, die hinter glänzender Fassade verknöchert und altersschwach geworden ist. Wollte der nächste Papst die Politik dieses Pontifikats weiterführen, würde er den ungeheuren Problemstau noch verstärken und die Strukturkrise der katholischen Kirche geradezu ausweglos machen. Nein, ein neuer Papst muss sich zu einem Kurswechsel entscheiden und der Kirche Mut zu Neuaufbrüchen einflössen im Geist Johannes XXIII. und in Konsequenz der Reformimpulse des Zweiten Vatikanischen Konzils. (HANS KÜNG)

Aus: SonntagsZeitung, 12.10.2003


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