Initiative Kirche von unten (IKvu)
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+++ pressemitteilung +++

"Zur notwendigen Liberalisierung des Abtreibungsrechts in Polen"
Brief an den polnischen Staatspräsidenten Kwasniewski.

BONN, Oscar-Romero-Haus, 20.02.2003. Die IKvu richtet zusammen mit über 150 VertreterInnen von Menschenrechts- und Frauenorganisationen aus 46 Ländern einen Brief an Staatspräsident Aleksander Kwasniewski. Die Unterzeichnenden sind VertreterInnen von buddhistischen, evangelischen, jüdischen, katholischen und muslimischen sowie nichtkonfessionellen Organisationen.

Es folgt der Brief im Wortlaut:

Aleksander Kwasniewski
Präsident der Republik Polen
ul. Wiejska 10
PL-00-902 Warszawa
VIA FAX: +48 22 695-11-09

Sehr geehrter Herr Präsident,

als leitende Mitglieder religiöser Organisationen sowie Menschenrechts- und Frauenrechtsorganisationen in aller Welt unterstützen wir, die Unterzeichneten, die polnischen Frauen, indem wir Ihnen unsere schwerwiegenden Bedenken gegen Ihre kürzlich vorgetragene Äußerung mitteilen, es gebe keine Notwendigkeit, die sehr restriktive Abtreibungsgesetzgebung Ihres Landes weiter zu liberalisieren. Wir erinnern uns an Ihre Unterstützung der Liberalisierung der polnischen Abtreibungsgesetze im Jahr 1997. Ihre Haltung fand damals unseren Beifall. Umso betroffener sind wir nun von der Befürchtung, dass Sie jetzt die Abtreibungsdebatte in Polen beenden und damit der Gesundheit und der Lebensqualität polnischer Frauen großen Schaden zufügen werden.

Als europäisches Land, als zukünftiges Mitglied der Europäischen Union und als Unterzeichner der Kairoer Aktionsplattform hat sich Polen verpflichtet, gesundheitlichen Schäden, die durch unsachgemäße Abtreibung entstehen, durch seine Gesundheitspolitik entgegenzuwirken. Es ist Ihnen sicher bekannt, dass die Schätzungen der jährlichen Abtreibungen in Ihrem Land zwischen 80.000 und 200.000 liegen, von denen im Jahr 2001 nur 124 legal ausgeführt wurden. Die aktuelle Gesetzgebung in Polen ist also völlig unzureichend zum Schutz von Frauen. Wenn sie eine Abtreibung benötigen, sieht sich die übergroße Mehrheit gezwungen, teure und zudem unsichere "Untergrundabtreibungen" in Anspruch zu nehmen oder sich am so genannten "Abtreibungstourismus" ins Ausland zu beteiligen. Besondere Sorgen machen uns arme Frauen, vor allem in ländlichen Gegenden, die sich die Kosten von Untergrundabtreibungen (etwa 2.000 Zloty) oder die Kosten einer Auslandsreise nicht leisten können. Sie vor allem tragen die Last einer völlig unzulänglichen Gesetzgebung. Wie uns der Bund für Frauen und Familienplanung berichtet, erleiden gerade diese Frauen die schlimmen gesundheitlichen Folgen unsachgemäßer Abtreibungen. Diese bringen den Frauen in Polen schwere Schäden, ja den Tod.

Überdies sind Krankenhäuser nur selten bereit, Abtreibungen auszuführen, selbst bei Frauen, die unter dem geltenden Recht eine Genehmigung erhalten haben. Die ablehnende Haltung des Krankenhauspersonals sowie fehlende juristische Möglichkeiten, ihr Recht in dieser Sache durchzusetzen, führen dazu, dass Frauen sich erst gar nicht um die Genehmigung einer legalen Abtreibung bemühen. Dies bedeutet eine besondere Last für die Opfer von Vergewaltigung oder Inzest, die nachweisen müssen, dass ihre Schwangerschaft auf ein solches Verbrechen zurückgeht. Es ist also klar, dass die restriktive gesetzliche Regelung Abtreibungen nicht verhindert. Sie schränkt lediglich den Zugang zu solchen Abtreibungen ein, die legal und sicher und zugleich für Frauen mit geringem Einkommen bezahlbar sind.

Abschließend möchten wir darauf hinweisen, dass unseres Wissens starker Druck zur Beibehaltung der restriktiven Abtreibungsgesetze von der katholischen Kirche ausgeht. Dabei hat die Glaubenskongregation der Kirche 1974 in ihrer Erklärung zur Abtreibung zugegeben, dass sie nicht wisse, zu welchem Zeitpunkt der Fötus zu einer menschlichen Person wird. Wir wissen aber, dass Frauen das Recht haben, nach ihrem Gewissen zu handeln. Zudem ist es für Katholiken, ganz gleich wie sie Abtreibung moralisch beurteilen, vertretbar, Gesetze zu unterstützen, die das Leben, die Gesundheit und das Gewissen von Frauen schützen. Aus diesem Grund und aus vielen anderen Gründen unterstützen katholische Politiker in zahlreichen Ländern Gesetze, die Abtreibung legal, sicher und bezahlbar machen.

Wir hoffen, dass Sie die Änderung von Polens Abtreibungsgesetzen mittragen werden, und wir sind der Meinung, die Neufassung sollte die Gewissensentscheidung respektieren und das Leben von Frauen schützen. Das ist von großer Bedeutung für polnische Frauen und darüber hinaus für besorgte Menschen in aller Welt.

Mit freundlichen Grüßen

Frances Kissling
Vorsitzende von Catholic for a Free Choice
Washington, D.C., USA

Bernd Hans Göhrig
IKvu-Bundesgeschäftsführer
Bonn, Deutschland

Die vollständige Liste der unterzeichnenden VertreterInnen ist einsehbar unter http://www.catholicsforchoice.org


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