Initiative Kirche von unten (IKvu)
Oscar-Romero-Haus
Heerstraße 205
53111 Bonn

Fon: 0228 / 692165
Fax: 0228 / 631226
E-Mail: presse[at]ikvu.de


+++ pressemitteilung +++

"Defizite und Zweifel"
IKvu zu den Leitlinien der DBK zu sexueller Gewalt in der Kirche

BONN, 28.09.2002. Mit den Leitlinien zu sexueller Gewalt in der Kirche macht die Deutsche Bischofskonferenz erste Schritte in die richtige Richtung. Sie reagiert damit auf den Druck der öffentlichen Meinung und aus Einsicht in die eigene Fehleinschätzung noch bis vor wenigen Wochen. Allerdings sind schwerwiegende Zweifel angebracht, ob die Komplexität des Problems und die Perspektive der Opfer tatsächlich erfasst wurde.

Die zentralen Defizite der Leitlinien:

1. Die Frage der Entschädigung von Opfern sexueller Gewalt ist noch immer nicht geklärt. Die Möglichkeit "finanzieller Unterstützung therapeutischer Maßnahmen im Einzelfall" (L8) in Aussicht zu stellen wirkt wie ein Almosen und verkennt völlig die Situation der Betroffenen.

2. Die Leitlinien verstehen Prävention ausschließlich als relevant für die Priesterausbildung und damit täterorientiert, sie blenden also die Hälfte des Problems aus. Das ist im Grunde ein Schlag ins Gesicht derer, die wie Jugendverbände seit Jahren präventiv zu sexueller Gewalt arbeiten. Auch für Pfarrgemeinden, MinistrantInnenarbeit und kirchliche Schulen ist Prävention ein dringendes Thema, und zwar nicht als notwendiges Übel, sondern ideell und finanziell gefördert: Mädchen und Jungen stark zu machen, "Nein!" zu sagen.

3. Das Konzept eines "diözesanen Beauftragten" genügt nicht dem strengen Kriterium des Opferschutzes. Um Einflussnahme und Parteilichkeit gleich welcher Art auszuschließen, wäre das Konzept der "unabhängigen Ombudsstelle" als Anwältin des Opfers zu bevorzugen. Der Hinweis auf die angeblich zu geringe Auslastung einer solchen Stelle in den Diözesen ist vorgeschoben und überzeugt nicht: zwei bis drei unabhängige Bundesstellen, finanziert durch Kirchensteuermittel und dienst- bzw. fachaufsichtspflichtig angesiedelt im Bundesfamilienministerium wären durchaus sinnvoll und denkbar.

4. Die Verantwortung der Diözesanbischöfe für in der Vergangenheit "intern geregelte" Fälle und getroffene Vereinbarungen wird nicht angesprochen. Dies betrifft insbesondere den Straftatbestand der Strafvereitelung durch kirchliche Stellen.

5. Eine öffentliche und anonyme Bilanz aller Verdachtsfälle, aller nach Rom gemeldeten Fälle und aller strafrechtlich verfolgten Fälle sowie die Überprüfung aller früheren Verdachtsfälle steht ebenfalls aus.

Grundsätzlich fällt die täterorientierte Ausrichtung der Leitlinien auf. Die Regelungen für Opfer fallen seltsam unpräzise und unverbindlich aus, zukünftige Opfer geraten lediglich indirekt über die Regelungen für potentielle Täter in den Blick. Das überrascht nicht, entspricht es doch dem originären Interesse der Deutschen Bischofskonferenz, die Angehörigen der eigenen Bezugsgruppe administrativ und juristisch in den Blick zu nehmen.

"Allerdings bestätigt dies unsere Einschätzung, dass es ein Fehler war, das Thema allein dem Gremium der Bischofskonferenz zu überlassen, denn über die Ursachen sexueller Gewalt in der Kirche schweigen die Bischöfe", so IKvu-Bundesgeschäftsführer Bernd Hans Göhrig. "Der von ihnen angestrebten 'Herausforderung zu einer Reinigung aus dem Geist des Evangeliums' werden sie mit diesem administrativen und juristischen Regelwerk jedenfalls nicht gerecht!"

Bernd Hans Göhrig
Bundesgeschäftsführer