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+++ pressemitteilung +++

Kirchenreformgruppen gegen Ausgrenzung, Menschenhandel und Ausbeutung in Europa
10. Jahreskonferenz des Europäischen Netzwerks "Kirche im Aufbruch" in Schmiedeberg

HANNOVER / BONN, 9.1.2000. "Grenzerfahrungen in Kirche und Gesellschaft" war das Thema der 10. Jahreskonferenz des Europäischen Netzwerks "Kirche im Aufbruch", an der Delegierte von 20 kirchlichen Reformbewegungen aus zwölf west- und osteuropäischen Ländern vom 6. bis 9. Januar 2000 im sächsischen Schmiedeberg an der deutsch-tschechischen Grenze teilnahmen. Das Engagement für Menschenrechte stand im Zentrum dieses Treffens, zu dem auch die 11. Europäische Konferenz für Menschenrechte in der Kirche gehört.

Die Delegierten befassten sich insbesondere mit dem Skandal des Menschenhandels und der damit verbundenen Ausbeutung und Erniedrigung von Frauen aus Ost- und Mittelosteuropa, ein Problem, das im Grenzraum zwischen dem Wohlstandseuropa und den wirtschaftlich ärmeren Staaten Polen und Tschechien in brutaler Weise Gestalt angenommen hat.

Appell an Kirchen und Regierungen
Die Reformkatholiken appellieren deshalb an die Kirchen, ihr Netzwerk der Seelsorge- und Hilfsangebote zu nutzen, um die gesellschaftliche Wiedereingliederung von Prostituierten und Outlaws zu fördern, anstatt sich an ihrer Diskriminierung zu beteiligen. Die Kirchen müssen, so fordern die kirchlichen Reformbewegungen, in Zukunft zu konsequenten und sensiblen Anwältinnen der in Not befindlichen Frauen werden, die oftmals illegal und unter unmenschlichen Bedingungen in Westeuropa leben.

Zugleich fordert das Netzwerk, dass die Not der osteuropäischen Frauen und die Fragen des kriminellen Menschenhandels zum Gegenstand der EU-Beitrittsverhandlungen gemacht werden. Es gelte, die Rechte und die soziale Sicherheit der betroffenen Frauen entscheidend zu stärken. Dabei sind insbesondere die EU, die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten sowie die Landesregierungen entlang der Wohlstandsgrenze zwischen EU-Mitgliedsstaaten und wirtschaftlich schwachen Nachbarstaaten gefordert.

Neue "Kultur der Wahrnehmung" statt "Sünde des Patriarchalismus"
Drei Tage lang haben die Reformkatholikinnen und -katholiken aus Ost- und Westeuropa hingehört. Expertinnen und Streetworkerinnen aus den gegen den Menschenhandel kämpfenden Frauenhilfsorganisationen in Polen, Tschechien und Ostdeutschland berichteten eindrucksvoll über ihre Projekte.

Die Reformkatholiken nehmen sich auch selber in die Pflicht. Sie wollen künftig ihre Aufmerksamkeit und Solidarität auf die zumeist verdrängte Realität der in die Illegalität gedrängten Ausländerinnen in der Europäischen Union richten. Nötig sei ein radikaler Wandel der Mentalität und eine neue "Kultur der Wahrnehmung" innerhalb und außerhalb der Kirchen. Es gilt, die unterdrückten Notschreie der brutal ausgebeuteten und entrechteten Frauen zu hören und ihnen Stimme zu verleihen. Dafür muss die Kirche Abschied nehmen von der "Sünde des Patriachalismus". An die in Polen überaus mächtige katholische Amtskirche appellieren die Reformgruppen aus 12 Ländern Europas, den zur Wiedereingliederung bereiten Frauen konkrete Hilfsmöglichkeiten anzubieten.

Rechtssicherheit und soziale Absicherung der Prostitution
Die Vizepräsidentin des sächsischen Landtags, Andrea Dombois (CDU), stand den Delegierten des Europäischen Netzwerks Kirche im Aufbruch einen Abend lang Rede und Antwort. Besonders setzte sie sich für die Stärkung der Menschenrechte und für die rechtliche Sicherheit der Frauen in dieser Notsituation ein. Frau Dombois sprach sich auch für die Anerkennung der Prostitution als legalem Beruf aus, um den Betroffenen ein Mindestmaß an Rechtssicherheit und sozialer Absicherung zu ermöglichen. Die hierauf abzielende Gesetzesinitiative der Bundesjustizministerin Hertha Däubler-Gmelin (SPD) wurde von Frau Dombois während der Befragung durch die KirchenvertreterInnen grundsätzlich unterstützt.

Aktuelle Situation der Kirchen in Osteuropa
Über die immer noch außerordentlich patriarchale Situation in der polnischen Kirche informierte Roman Kotlinski, ehemaliger Priester und Autor mehrerer kirchenkritischer Bestseller. In Vertretung der Bischöfin der tschechoslowakiisch-hussitischen Kirche war die Pfarrerin Alena Naimanova der Einladung gefolgt, ein Novum in der Geschichte des Europäischen Netzwerks. Aus Ungarn nahmen Vertreterinnen der Bokor-Bewegung wie schon in den Jahren zuvor an der Konferenz teil. Auf der Studienfahrt in die tschechische Stadt Most stellte die Emmaus-Bewegung eines ihrer dortigen sozialen Projekte vor.

Mahnwache am tschechisch-deutschen Grenzübergang
Unter dem Leitwort "Das kapitalistische Wirtschaftssystem geht über Leichen" protestierten die Delegierten des Europäischen Netzwerks an der tschechisch-deutschen Grenze in Zinnwald für die Menschenrechte und drückten ihr Nein zur "Festung Europa" aus. "Die Mauern aus Stein sind in Europa gefallen, aber die Mauern des Geldes werden in menschenverachtender Weise zementiert", erklärte P. Gregor Böckermann von der Initiative Ordensleute für den Frieden. Es sei ein Irrweg, Polizei und staatliche Sicherheitskräfte mit Wärmebildkameras und anderen modernen Überwachungsinstrumenten hochzurüsten, denn die organisierte Kriminalität, die in den Grenzräumen zwischen den reichen und armen Ländern Europas agiert, sei im Rüstungswettlauf gegen die staatlichen Kräfte stets überlegen.

Beschlüsse der Jahreskonferenz
In einem Offenen Brief an Papst Johannes Paul II. werden seine jüngsten Forderungen zur Wahrung der Menschenrechte unterstützt, gleichzeitig aber auch die Menschenrechtsverletzungen innerhalb der römisch-katholischen Kirche angeprangert. An die Konferenz Europäischer Kirchen wird die dringende Bitte gerichtet, bei der Formulierung der "Charta Eucumenica" die Partizipation innerhalb der Kirchen einzubeziehen.

An Erzbischof Msg. Ignacio Velasco von Caracas, Venezuela, der in einer Predigt die Regenkatastrophe als Strafe für Sünden der betroffenen Menschen bezeichnet hatte, wird das Europäische Netzwerk ein Protestschreiben richten.

Anknüpfend an das viel beachtete Forum europäischer Katholikinnen und Katholiken, das im Herbst 1999 anläßlich der Europäischen Bischofssynode gemeinsam vom Europäischen Netzwerk und der Internationalen Bewegung Wir sind Kirche in Santa Severa bei Rom veranstaltet wurde, ist eine kritische Begleitung der diesjährigen Weltsynode der Bischöfe vorgesehen.

Interna des Europäischen Netzwerks
Als Nachfolgerin von Simon Bryden-Brook (Großbritannien) wurde Gisela Hoeve von der niederländischen Achte-Mai-Bewegung zur neuen Generalsekretärin des Europäischen Netzwerks Kirche im Aufbruch gewählt. Die nächste Jahreskonferenz Anfang Januar 2001 in Versailles (Frankreich) wird sich mit Alternativen zum Modell der so genannnten Globalisierung beschäftigen.

Zu dem 1991 gegründeten Europäischen Netzwerk Kirche im Aufbruch gehören derzeit 22 Gruppierungen in elf europäischen Ländern; mehrere kirchenreformerische Gruppierungen aus den USA sind assoziert. Mitgliedsgruppen in Deutschland sind die Initiative Kirche von unten, die Initiative Christenrechte in der Kirche sowie die KirchenVolksBewegung "Wir sind Kirche".

Neue Anschrift nach der Neuwahl der Generalsekretärin: 
Sekretariat des Europäischen Netzwerks Kirche im Aufbruch
c/o Gisela Hoeve, Rozeboom 23, NL-1541 RH Koog aan de Zaan
Tel: +31-75-6124071, Fax: +31-75-6124727
email: Hoeve.Gjm@net.HCC.nl

"Wir sind Kirche" - Sprecher: Christian Weisner, Tel.: 0511 / 800010
IKvu-Pressesprecher: Thomas Wystrach, Mobil-Tel.: 0174 / 5146358


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