Pater Gregor Böckermann WV:

Der Weg eines Afrikamissionars zum Protest vor der Deutschen Bank


Nie hätte ich gedacht, dass ich so einen Weg zurücklegen würde, als ich genau vor 3o Jahren auf dem Kirchplatz von Wesuwe im Emsland von Bischof Sangu (Tanzania) zum Priester geweiht wurde. Ich gehöre den Afrikamissionaren "Weiße Väter" an, die im 19. Jahrhundert gegründet wurden, eigentlich um die Muslime zu bekehren. Von 1964 bis 1968 habe ich in Leuven (Belgien) Theologie studiert, in den ersten beiden Jahren noch mit lateinischen Lehrbüchern, fast wie im Mittelalter. In den letzten beiden Jahren kriegten wir ein bisschen von der Öffnung der katholischen Kirche nach dem 2. Vatikanum mit. Jetzt sprach man vom "Respekt, mit dem man den großen Weltreligionen begegnen wolle". Dialog war "in". Deshalb habe ich mich freiwillig nach Algerien gemeldet. Dort war Dialog gefordert, denn die Kirche hatte hundert Jahre vergeblich versucht, Muslime zu bekehren.

P. Gregor Böckermann WVAlgerische Freunde haben mir dann mit Beharrlichkeit beigebracht - leider habe ich 18 Jahre gebraucht, um das zu verstehen - dass Dialog nur zwischen einigermaßen gleichberechtigten Partnern existiert. Es gebe keinen echten Dialog zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lehrern und Schülern, meinten sie und sagten: "Und so gibt es keinen echten Dialog zwischen euch Christen und uns Muslimen, zwischen euch Europäern und uns Arabern, so lange wir zwar politisch unabhängig sind, wirtschaftlich und kulturell aber immer noch von euch abhängen."

Und sie sagten etwas, das mir bis heute als Auftrag gilt: "Wenn du das ehrlich meinst mit dem Dialog, wenn du uns wirklich bei der Entwicklung des Landes helfen willst, dann ist es besser, du gehst zurück nach Deutschland." Und in den 70er Jahren, Anfang der 8oer Jahre war Algerien sozialistisch ausgerichtet, deshalb sagten sie: "Geh zurück in dein kapitalistisches Deutschland und verändere dort ungerechte Strukturen. Dann hilfst du uns mehr, als wenn du hier vor Ort als Entwicklungshelfer arbeitest." Seit 1986 versuche ich, diesem Auftrag algerischer Freunde nachzukommen. Die anfängliche Hoffnung nach einer schnellen Veränderung, nach einer "Revolution", hat sich leider nicht erfüllt.

Gleich zu Anfang habe ich die Initiative "Ordensleute für den Frieden" (IOF) kennen gelernt, einen freien Zusammenschluss von Ordensfrauen und -männern sowie ihrem Freundeskreis. Jahrelang hat die IOF vor der Cruise-Missiles-Basis in Hasselbach (Hunsrück) protestiert. Als diese abgezogen wurden und viele Friedensgruppen dichtmachten, sind die Ordensleute von die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt/Main gezogen, einem anderen "Ort des Unheils". Weltweite Kontakte unserer Ordensgemeinschaften mit den Armen in der 3. Welt und hier bei uns haben uns veranlasst, auf die Tatsache aufmerksam zu machen: Ohne Gerechtigkeit für alle gibt es keinen Frieden.

Deutsche Bank (DEKT 2001)Die Deutsche Bank ist die größte und die mächtigste Geschäftsbank Deutschlands. Sie ist für uns Symbol unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung, mächtiger als unsere Politiker in Bonn (und jetzt Berlin). Inzwischen merken wir, dass unsere anfängliche Forderung: "Schuldenstreichung für die 3. Welt" viel zu kurz gegriffen war. Bei unseren monatlichen Mahnwachen mussten wir nämlich erleben, dass in unserem Rücken Hunderte von Drogenabhängigen aus der Taunusanlage (der Anlage vor der Deutschen Bank) verdrängt wurden. Dann kamen die Obdachlosen unter den Mainbrücken dran. Jetzt wird eine "Gefahrenabwehrverordnung" für die Einkaufsmeile "Zeil" diskutiert.

Wir mussten feststellen: Weltweit geht die Schere zwischen den reichen und armen Nationen immer weiter auf. Die Folgen: Hunger, Kriege, Flüchtlingsströme, Umweltzerstörung. Aber das gleiche spielt sich auch in Deutschland ab. In unserer eigenen Gesellschaft werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer und zahlreicher. Auf Schritt und Tritt ist das in Frankfurt und überall in Deutschland sichtbar: Übertriebener Luxus auf der einen, steigende Arbeitslosigkeit und Sozialabbau auf der anderen Seite.

Wir meinen, die Ursachen dieser Entwicklung liegen in einem gnadenlosen Kapitalismus, der durch die Verselbständigung und Globalisierung der Finanzströme der letzten Jahre noch übermächtiger geworden ist. Die Bedürfnisse der Armen und der kommenden Generationen haben keinen Platz in diesen Unrechtsstrukturen. Unser Wirtschaftssystem geht über Leichen, weltweit und bei uns. Hier wird der Mensch geopfert für ein System, in dem das Geld den höchsten Wert darstellt. Unsere Forderung nach Schuldenstreichung für die 3. Welt ist daher einer viel umfassenderen Erkenntnis gewichen: Wir brauchen eine neue Geldordnung mit Infragestellung des Zinsnehmens. Denn vom jetzigen Geldsystem profitieren 10% der Bevölkerung auf Kosten von 8o%, auch in unserem Lande.

Die Macht des Geldes durchkreuzenDiese 10% werden ihre Privilegien aber nicht freiwillig aufgeben. Deshalb ist die IOF ganz allmählich und mit viel Zögern und Zaudern dazu übergegangen, neben den regelmäßigen Mahnwachen auch Aktionen zivilen Ungehorsams durchzuführen: Ankettaktionen, Straßenblockaden, Besetzung des Foyers der Deutschen Bank. Wir sind davon überzeugt, dass die "Option für die Armen" als notwendige Kehrseite der Medaille den "Aufstand gegen die Herren" hat. Das hört sich leichter an, als es ist.

Wie viele Ängste, Rücksichtnahmen, Vorurteile gilt es da abzubauen? Zivilcourage ist gefordert, aber oft steht man ganz alleine mit seiner Meinung und Einsicht, auch im Kloster. Unbedingt notwendig ist dann, Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu suchen. Das müssen nicht gleich hundert sein. Drei oder vier genügen schon, um das Unmögliche zu wagen: für die Umwelt, gegen die Atomkraft, gegen die Macht des Geldes.

Die erste Frage in der kleinen Gruppe sollte dann nicht sein: "Wie können wir uns (noch) kundiger machen über die Unrechtsstrukturen?" Es geht auch nicht darum, sich selbst unangreifbar zu machen, nicht mehr die Umwelt zu belasten, nicht die 3. Welt auszubeuten oder vom kapitalistischen Wirtschaftssystem zu profitieren. Jahrhundertelang hat es funktioniert, dass Mächtige in Staat und Kirche uns ein schlechtes Gewissen einreden konnten: Werde erst einmal ein Heiliger, bevor du anfängst, andere zu kritisieren und gerechte Strukturen einzufordern. Das Neue für mich bei der Initiative der Ordensleute für den Frieden ist: Ohne Einmischung in die Politik, ohne Kritik am Kapitalismus können wir gar nicht Heilige werden, können wir gar nicht Christen sein.

Denn 7 x 24 Stunden in der Woche, rund um die Uhr, verspricht man uns: Hast du was, dann bist du was. Sonntags zwischen 10 und 11 Uhr versuchen wir, dagegen anzupredigen und das Gegenteil zu behaupten: Gott liebt alle Menschen so wie sie sind und nicht für das, was sie leisten, produzieren und konsumieren. Damit stehen wir aber auf verlorenem Posten und wir sind als Kirche unglaubwürdig, wenn wir neben der persönlichen Anstrengung nicht auch strukturelle Veränderungen in Politik und Wirtschaft einfordern.

Es geht in den kleinen Gruppen also nicht nur darum, sich immer kundiger zu machen, sondern sich langsam und beharrlich in den Widerstand einzuüben. Helmut, ein guter Freund, bringt diese Erkenntnis auf den Punkt: "Im Kopf wissen wir alle, dass es so nicht weitergehen kann. Die Frage ist nur, wie kriegen wir's in die Füße?" Widerstand scheint ein großes Wort. Trotzdem sind wir davon überzeugt, dass er geleistet werden muss in einem Unrechtssystem,

Wir haben unsere Eltern und Großeltern gefragt: Wo habt ihr Widerstand geleistet gegen Hitler und die Nationalsozialisten? Die Menschen in der ehemaligen DDR fragen wir heute: Warum habt ihr euch nicht geweigert, an der Mauer zu schießen? Auch uns wird man einmal fragen: Warum habt ihr keinen Widerstand geleistet? Ihr wusstet doch:

Müssen wir nicht verzweifeln angesichts dieser erdrückenden Tatsachen und resigniert mit den Achseln zucken? Bin ich nicht ohnmächtig gegenüber den starken Kräften und starken Strukturen der Gesellschaft? Ist es nicht Größenwahn zu glauben, dass ich als einzelner etwas ausrichten kann?
Die Antwort: "Ich kann nichts ändern und weil ich so ohnmächtig bin, bin ich einzelner auch unschuldig" folgt dem Prinzip "Alles oder nichts". Wenn ich nicht alles verändern kann, brauche ich gar nichts zu versuchen. Gleichgültigkeit, Passivität und Resignation breiten sich aus. Sie sehen aus wie Bescheidenheit, wenn sie als Alternative zum Größenwahn dargestellt werden.

Oft wird die Frage auch moralisch beantwortet: "Jeder ist verpflichtet, sein Scherflein dazu beizutragen, dass sich die Gesellschaft verändert." Aber das Prinzip Moral allein kann nicht genügen, die ungeheure Anstrengung zu tragen, die wir gegenwärtig unternehmen müssen, damit die Menschheit eine Überlebenschance hat. Es geht nicht um "Alles oder nichts", es geht nicht um moralische Appelle. Es geht um eine radikale Bewusstseinsänderung.

Heute erkennen immer mehr Menschen "was zu unserem Frieden ist". Ein neues Denken macht sich breit: Subjekt und Objekt können nicht voneinander getrennt werden. Aggressives Verhalten anderen gegenüber hinterlässt auch katastrophale Folgen bei mir. Es kann nicht dem einen wirklich gut gehen und gleichzeitig dem anderen schlecht. Mein Vater drückte das in seiner bäuerlichen Weisheit so aus: "Wenn es meinem Nachbarn gut geht, dann geht es mir auch gut."

Solche neuen Lebenswünsche sind gegenwärtig in verschiedenen Formen sichtbar. Immer mehr Menschen suchen nach einer Verbesserung ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen, um zugleich mehr Befriedigung und mehr Sicherheit als bisher zu haben. Die übermäßigen Ausgaben für Rüstung und Konsum werden immer deutlicher als Ersatzbefriedigung erkannt. Die Folge solcher Erkenntnisse ist das Anwachsen der Bedürfnisse nach menschlicher Nähe, nach kleinen, überschaubaren Einheiten, nach Demokratie, die wirklich diesen Namen verdient.

Wahres Lebendigsein ist von uns gefordert, Mut, Kreativität und Offenheit. Wenn wir erkannt haben "was uns zum Frieden ist", dann stellen wir uns gar nicht die Frage: "Kann ich als einzelner die Gesellschaft verändern?" Dann bleibt uns nur die eine Antwort: "Ich kann nicht alles, aber ich kann so viel wie ich kann, und dieses, was ich kann, wird von mir selbst und von allen anderen dringend gebraucht."


P. Gregor Böckermann WV ist Mitglied der "Initiative Ordensleute für den Frieden" (IOF), einer Mitgliedsgruppe der IKvu. Die IOF wurde für ihre Friedensarbeit sowie das "gewaltfreie, mutige Eintreten für soziale Gerechtigkeit" mit dem "Aachener Friedenspreis" des Jahres 2003 ausgezeichnet (vgl. dazu auch die Pressemitteilung der IKvu: "Ziviler Widerstand aus christlicher Überzeugung" vom 9.5.2003 und das "Interview des Monats" mit Gregor Böckermann: "Avantgarde ist Parteinahme für die Schwachen und Unterdrückten").


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