Peter Bürger:
Rom will offiziell keine schwulen
Priesteramtskandidaten
- und übt sich beim Thema "Homosexualität" in Unmäßigkeit
Über ein
Pulverfass aus dem Vatikan, das pastorale Lernprozesse verhindert
Kardinal Meisner ist dafür bekannt, dass er
markige Aussprüche lieber mag als die rationale Tradition der katholischen
Theologie. Zum Thema "Homosexualität" fiel ihm z.B. die kluge Sentenz ein:
"Der Schöpfer hätte den Menschen anders konstruieren müssen, wenn auch
solche Formen der Sexualität gedacht worden wären." (Kölner Stadtanzeiger,
10.2.1999) Unter den Theologiestudenten und Priestern seiner bisherigen
Diözesen war und ist der Anteil "gleichgeschlechtlich veranlagter" Männer
kaum geringer als in anderen Bistümern der großen Weltkirche. Gleichwohl
proklamiert er mutig, nur "gesunde" heterosexuelle Kandidaten zu weihen. So
hat es schließlich auch die Kongregation für Gottesdienst und
Sakramentendisziplin am 16.5.2002 mit Dringlichkeit angeraten. Der Papst, so
mutmaßte Vatikan-Journalist John Allen, könnte diese Weisung erneut
aufgreifen und auf höchster Ebene autorisieren. Mit einer neuen Weisung des
Vatikans vom November 2005 stehen nun alle homosexuellen
Priesteramtskandidaten in der römisch-katholischen Kirche unter
Generalverdacht.
Bezogen auf die Homosexualität von
einfachen Gläubigen und den rechtlichen Schutz für dauerhafte
gleichgeschlechtliche Partnerschaften etabliert Rom seit zwei Jahrzehnten
exorzistische Beschwörungsformeln. Dabei gelten öffentlich anerkannte Paare
gegenüber heimlichen und anonymen Sexszenen offenbar als das schlimmere
Teufelswerk. Wörtlich ist die Rede von einer Schädlichkeit "für die gesunde
Entwicklung der menschlichen Gesellschaft", einer Gefahr für das "Gewebe der
öffentlichen Moral", einem Austritt aus der "gesamten moralischen Geschichte
der Menschheit" und einer "Auflösung des Menschenbildes". Schließlich wird
gar das "Böse" angeführt, dem wir im Taufbekenntnis widersagt haben. Die
mutmaßlichen "psychologischen Ursachen" der Homosexualität sind auch nach
römischer Ansicht ungeklärt. Dennoch weiß der Katechismus, dass es sich um
eine "objektiv ungeordnete Neigung" handelt. Während in den 1990er Jahren
noch ein Kardinal Basil Hume sich sehr wohlwollend zur
gleichgeschlechtlichen Liebesbegabung äußern konnte, stehen heute selbst
moderate Ansätze einer von Respekt geleiteten Pastoral unter Beschuss.
Unlängst hat der toskanische Bischof Simone Scatizzi Männerpartnerschaften
gar in die Nähe von Mafia und Terrorismus gerückt. Er befürchtet einen
"Schlag gegen die Männlichkeit" und eine "Verweiblichung der Gesellschaft".
Wirklich dringend ist der römischen Kirche
anzuraten, die Fixierung auf das Thema Sexualität/Homosexualität aufzugeben
und sich zumindest in Mäßigung zu üben:
- Die überproportionale Gewichtung der
Sexualität wirkt individuell als großes Hemmnis für den religiösen
Reifeweg. Aus seiner Erfahrung im Beichtstuhl an einem Wallfahrtsort
berichtet mir ein Seelsorger: "Die meisten Menschen mit ausgeprägten
sexuellen Skrupeln sind unfähig, ihre Lieblosigkeit in Lebensbereichen
wie Familie oder Beruf überhaupt wahrzunehmen." Ausgesprochene
Sexualprediger sind in der Regel ebenfalls unfähig, über ihren
persönlichen Glauben und das christliche Bekenntnis Bedeutsames
mitzuteilen.
- Für die Kirche ist es fatal,
öffentlich vor allem als Kulturkämpferin gegen die sogenannte "Homoehe",
vorehelichen Verkehr etc. wahrgenommen zu werden. Von den wirklich
drängenden Fragen zum Schutz des (Über-)Lebens, die gesellschaftlich und
zivilisatorisch zu stellen wären, zeigen sich die lautesten
Moralschützer auffällig unberührt. Ein Vergleich mit dem
US-amerikanischen Fundamentalismus drängt sich geradezu auf.
- Die Sündenbockstrategie gegenüber
homosexuellen Mitmenschen widerspricht dem christlichen Ethos und
verdeckt eigene Hilflosigkeit. Als bequemes Alibi verhindert das
Homo-Feindbild, dass die Kirche bei der realen Krise verbindlicher
Partnerschaftsformen in der Warenwert-Gesellschaft die Ursachen
wahrnimmt und eine helfende Kompetenz entwickelt. Da pastorale
Lernprozesse ausbleiben, konsultiert man bei Ehekrisen selbst im
ländlichen Raum so gut wie nie den katholischen Seelsorger am Ort.
- Auf die "Moral" bzw. Berufsfreude
vieler bewährter und guter Seelsorger kann sich das neue Signal aus Rom,
das speziell homosexuelle Priester als "ungeeignet" und irgendwie defekt
diffamiert, nur fatal auswirken. Der Umstand, dass "nur" die
potentiellen Auszubildenden und nicht die im Amt befindlichen Priester
angesprochen werden, ändert daran kaum etwas. Als Buchautor habe ich
Zuschriften von schwulen Klerikern erhalten, die ihre zölibatäre
Lebensweise ernst nehmen und römische Dokumente über "homosexuelle
Personen" als für sie äußerst deprimierend beschreiben. Welchen Dank und
welche Art Hirtensorge erhalten diese Geistlichen, die oft über
Jahrzehnte der Kirche ihren Dienst geschenkt haben, nun aus dem Vatikan?
- Schließlich werden konstruktive
Ansätze in der gegenwärtigen Priesterausbildung, die eine offene
Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität fördern, durch
Heimlichkeit und Denunziantentum ad absurdum geführt. Die jetzt
ausdrücklich von Priesteramtsanwärtern verlangte Absage an die Räume der
"Gay Kultur" ist eine Ermutigung zu weiteren Geheimzirkeln. In diesen
finden sich bislang vor allem schwule Theologen aus der
traditionalistischen rechten Ecke zusammen. Ich selbst habe in
Veröffentlichungen Missstände im Bereich schwuler Klerikerszenen
beklagt. Doch alle Übel, die hier zu nennen wären, wurzeln nicht in der
Homosexualität. Sie gehen ausnahmslos zurück auf Schizophrenien und
Repressionen, die den unerlösten kirchlichen Umgang mit der
Homosexualität betreffen. Die neue Weisung aus Rom wird nichts lösen,
aber sie wird alle bedauernswerten Verhältnisse noch viel schlimmer
machen.
- Die gleichgeschlechtlichen
Sex-Skandale von Würdenträgern gehen regelmäßig einher mit scharfen
Diskriminierungsattacken der Kirchenleitung gegen alle Homosexuellen. In
der Öffentlichkeit bestärkt dieses Vorgehen den Generalverdacht, die
reine Männerkirche wolle durch aggressive Äußerungen nach außen hin von
Vorgängen im Inneren ablenken. Im Ergebnis meinen immer mehr Menschen,
zölibatäre Priester seien ohnehin schwul. Mit diesem Vor-Urteil sehen
sich dann auch heterosexuelle Amtsinhaber konfrontiert.
- Unter kirchlich loyalen Homosexuellen
sind "Probleme" im Feld gleichgeschlechtlicher Neigungen bekannt, die
sich im Einzelfall auch auf hohe Kirchenränge beziehen. Die Frage stellt
sich, welche Geduldsproben zunächst die innerkirchliche Loyalität an
dieser Stelle noch aushält. Sicher ist, dass jede neue antihomosexuelle
Kirchenkampagne die Medien noch stärker für interne Vorgänge
sensibilisieren wird. Peinlichkeiten, die ein angeheizter
Enthüllungsjournalismus auf die Tagesordnung setzen könnte, sollte man
auch in Rom bedenken. Schon jetzt spekulieren bei öffentlichen
Medienauftritten viele Zuschauer, welche Kleriker denn besonders
"feminin" auftreten oder mit eitlen Bekleidungsgewohnheiten das Klischee
des homophil-klerikalen "Ästheten" bedienen.
Viele kirchliche Komplikationen beim Thema
Homosexualität wurzeln in dem Versuch, die eigene "Männlichkeit"
rechtfertigend unter Beweis zu stellen. Die katholische Kirche braucht für
eine neue, entkrampfte Sichtweise dringend Priester, die offen und angstfrei
homosexuell sein können, und sie braucht heterosexuelle Priester, die selbst
nicht ständig dem Verdacht ausgesetzt sind, schwul zu sein. Die Zulassung
bewährter verheirateter Männer zur Weihe wäre ein erster Schritt zur
Abhilfe. Noch heilsamer würde es sich auswirken, wenn der unselige Zölibat
ganz freigestellt wird und wenn Frauen ihre Erfahrungen innerhalb der
Kirchenleitung auf jeder Ebene einbringen könnten. In einer von Frauen
gleichberechtigt mitgestalteten Kirche des Evangeliums wäre die gegenwärtige
Debatte überhaupt nicht vorstellbar. Denn: Die Angst vor der Homosexualität
ist in erster Linie ein Problem reiner Männergesellschaften, sei es in
Politik, Militär oder institutioneller Religion.
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