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Die IKvu unterwegs durch 25 Jahre
| Ulrich
Wenner, der Pressesprecher des ersten Kvu 1980 in Berlin, zog zwei
Jahre später in seinem Artikel "Wohn steuert die
Opposition?" in Publik-Forum eine kritische
Zwischenbilanz: »Der
Berliner "Katholikentag von unten" (Kvu) war noch ganz von
der "Ergänzungsthese" geprägt: der Kvu sollte auf
inhaltliche Defizite des offiziellen Programms aufmerksam machen und
dieses im Interesse von mehr Pluralität ergänzen. Dies läßt sich
auf das Verhältnis von IKvu und Kirche nicht einfach übertragen.
Ergänzen kann man nur etwas, das im Grundsätzlichen in Ordnung
ist, dem aber noch einige kräftige Tupfer guttun. Das gilt
gegenwärtig für die katholische Kirche nicht; sie zeigt keine
Bereitschaft, auf Impulse von der kritischen Basis einzugehen,
läßt ihre hierarchische Struktur nicht einmal in Randbereichen
(Studentengemeinden) in Frage stellen und ist politisch weiterhin
auf die CDU fixiert. Hier ist nichts zu ergänzen, hier muß die
IKvu deutlich Gegenposition beziehen.«
25
Jahre danach catholic
reverse Dieser
Schritt war längst überfällig und er hatte sich im Grunde bereits
im gesellschaftspolitischen Engagement der 80er Jahren angekündigt
- erfuhr jedoch ein abruptes Ende durch die Ereignisse von 1989: Der
Diskurs vom Ende der
Geschichte (Francis Fukuyama) über den Sieg des Westens und die
eingetretene Alternativlosigkeit führte in den 90er Jahren auch
innerkirchlich zu Entdifferenzierung und zu einer nachhaltigen
Forcierung des röm.-katholischen Identitätsdiskurses, erkennbar
etwa in der Disziplinierungspolitik Johannes Paul II. und in einer
damit einhergehenden Verrechtlichung der Theologie. Die
IKvu reagierte darauf mit der Gründung der KirchenVolksBewegung
"Wir sind Kirche" - sie konnte sich diesem Schritt
wohl kaum entziehen, übernahm dadurch jedoch die Konzentration auf
innerkatholische Themen, anstatt souverän mit dem eigenen Potential
an alternativen politischen Ressourcen eine sinnvolle Perspektive
aufzubauen. Die
Quittung für diese Anpassungsleistung folgte beim Mainzer
Katholikentag 1998: Während die gemäßigte Kirchenkritik der
inzwischen selbständig agierenden KirchenVolksBewegung
im Konzert der Katholikentagsgruppen mitspielte, fanden sich die
IKvu-Gruppen abseits in einem leeren Zelt wieder - mit Themen, die
zwar nicht falsch oder unwichtig geworden waren, doch nicht in den
Diskurs paßten. Reorganisation tat Not - oder Auflösung. Die
IKvu entschied sich für ein Experiment: 2. Die Herausforderungen des für 2003 geplanten Ökumenischen Kirchentages wurde energisch angenommen und zunächst im eigenen Haus konsequent umgesetzt: Einerseits in einer fundierten theologischen Vorbereitung von eucharistischer Gastfreundschaft als die konfessionelle Trennung überwindende Abendmahlspraxis, und strukturell in der Öffnung des Netzwerks in die protestantischen Kirchen hinein. Ökumene
der Orte Es
gehört zu den kleinen Wundern der IKvu-Geschichte, daß auch hier
kein vollkommener Neuanfang nötig war, denn von Anfang an
begleiteten evangelische Gemeinden das Projekt eines Katholikentages
von unten (Kvu) wohlwollend und unterstützend: Heilig
Kreuz-Passion (Berlin 1980 und 2003), Zion und Gethsemane (Berlin
2003), Martin-Luther (Ulm 2004), Kreuzkirche (Hannover 2005) - um
nur einige zu nennen. In
dieser Geschichte der Orte
wurde eine ökumenische Erfahrung möglich gemacht, die die IKvu
durch die Jahre hin impliziter tief prägte und die als Ökumene
im Alltag eine theologische Qualität besitzt: Den Ort, der ein
Zuhause genannt werden könnte, gibt es für die IKvu nicht.
Katholische Gemeinden sind ihr verwehrt - obwohl viele ihrer
Mitglieder und Gruppen in katholischen Gemeinden zuhause sind. So
liegt die Erinnerung an die Wanderung der Mütter und Väter
Israels, an Sarah und Rebekka und Rahel, an Abraham, Isaak und Jakob
sehr nahe. Das ist ein theologisches Motiv, das der IKvu von Beginn
an existentiell eingeschrieben ist. Anders als das verfaßte
Christentum in der BRD lebt die IKvu, leben die Gruppen der IKvu im
"noch nicht". Während
katholische Gemeinden zuletzt in eine hierarchische Kirche
eingebunden sind, die ihnen eine Selbstbestimmung vorenthält, prägt
der Begriff der evangelischen
Freiheit die Verfassung der protestantischen Gemeinden - sie können
da entscheiden, wo ihre katholischen Schwestergemeinden sich zu
gehorsamem Schweigen verpflichtet haben, sie können zum Beispiel
Gastfreundschaft gewähren, praktisch und theologisch, in Räumen
und im Abendmahl. Dabei
war diese Gastfreundschaft nie ein Automatismus: Die Vorstände der
evangelischen Gemeinden wußten zu gut, was es unter Umständen
bedeuten konnte, diesen Gast zu beherbergen. Die Entscheidung der
Berliner Gethsemane-Gemeinde, während des Ökumenischen Kirchentages
zusammen mit der IKvu und anderen ökumenische Gottesdienste zu
feiern, führte zu Auseinandersetzungen mit Landesbischof Huber
einerseits und mit dem ZdK andererseits. Auch die Ulmer Martin-Luther-Gemeinde,
bei der die IKvu während des Katholikentages 2004 zu Gast war,
kennt eine solche Konfliktgeschichte. Gemeinde
sein In
den 25 Jahren ist zugleich das Bewußtsein gewachsen, Gemeinde zu
sein: Angestoßen von der Basisgemeinden-Bewegung der 60er und 70er
Jahre spielte das Motiv einer Erneuerung der Kirche(n) durch
basiskirchliche Strukturen eine Schlüsselrolle in der Gründungsphase
der IKvu von 1978 bis tief in die 80er Jahre hinein. Basisgemeinden
in Frankfurt/M., Bonn, Hannover und anderswo, oft
Studierendengemeinden entwachsen, prägten die frühe Gestalt der
Bewegung. Der Konflikt um die IKvu-Mitgliedschaft der AGG, in deren
Räumen die junge Initiative zuerst zu Gast war, reflektiert diesen
speziellen Diskurs um die Erneuerung der katholischen Kirche. Über
die Jahre hinweg wurden die Gruppen der IKvu dann schließlich
selbst zu Gemeinden in einem sehr einfachen Sinn: Sie teilen
wesentliche Bezüge ihres Lebens miteinander und darüberhinaus ein
spezifisches Anliegen, für das sie kämpfen und das sie vor allem
anderen eint und miteinander versöhnt, auch wenn es darüber immer
wieder zum Streiten über Wege, Strategien und Ruhepunkte kommt -
das ist nicht negativ, sondern liegt in der Natur der Sache begründet.
Darüber
hinaus ist zugleich ein allgemeines
Bewußtsein der Zugehörigkeit über die Mitgliedsgruppen hinaus
gewachsen: Zahlreiche Gruppen und Gemeinden und Menschen verstehen
sich als Teil dieser Kirche-von-unten-Bewegung und freuen sich, wenn
sie in diesem Sinn angesprochen werden. Neue
Polarisierungen Geblieben
ist in den 25 Jahren indes das Agieren der Sollbruchstelle zu den
Oberkirchen, indem Themen aufgegriffen werden, die viele Menschen
bewegen und die in den Kirchen aus ideologischen Gründen allenfalls
auf der heimlichen Tagesordnung zu finden sind. Dabei setzt die IKvu
nicht auf die Logik der Massen - sie könnte dies aus personellen,
strukturellen und nicht zuletzt aus finanziellen Gründen gar nicht
leisten: Die Engagierten in den alternativen christlichen
Initiativen und Netzwerken sind in die Jahre gekommen und besonders
in den 90er Jahren weniger geworden. Dies
trifft freilich auch für Kirchengemeinden zu - zugleich erhalten
aber christlich-fundamentalistische resp. traditionalistische
Richtungen verstärkt Zulauf von unten und Unterstützung von oben,
aus der Leitungsebene der Kirchen. Traditionsreiche Gruppen wie der Bensberger
Kreis, der mit seinen Memoranden die politische Diskussion in
der BRD prägte, ziehen die Konsequenz und lösen sich auf, andere
ringen noch mit diesem letzten Schritt - während sich die
Netzwerker vom rechten Rand der Kirchen - auch konfessionsübergreifend!
- verbünden und nicht nur kirchenpolitisch agieren. Demokratie
verteidigen Geblieben
ist auch der dezidiert gesellschaftspolitische Ansatz: Schließlich
reicht die Vorgeschichte der IKvu zurück in die Entstehungszeit
eines kritischen und christlichen Politikansatzes in Deutschland,
und das meint durchaus in West und Ost: Der gesellschafts- und
staatskritische Impuls der 20er Jahre, der in den christlichen
Ablegern der Jugendbewegung - etwa in Quickborn, Heliand und Bund
Neudeutschland -, in der Liturgischen Bewegung, in der
"linkskatholischen" Presse und
"linksprotestantischen" Kreisen persönlichkeitsbildend
und aufklärerisch wirkte und profilierte Persönlichkeiten
hervorbrachte, findet sich auch nach 1945 in Gruppen und Kreisen in
der DDR wieder - vielleicht schärfer und profilierter noch als im
Weststaat, aus verständlichen Gründen: Die doppelte Frontstellung
gegen Staat und Kirche war für kritische christliche Geister im
Osten existentiell. Nach 1989 wird der Staat in der
Auseinandersetzung mit Widerstandserinnerungen, in aktiver
Christinnenpflicht beim Flüchtingsschutz und im Kampf für das
Recht auf Asyl bald wieder selbst zum Thema. Auch
in den Solidaritätgruppen mit Lateinamerika und Afrika, denen
Kaffeeverkaufen nie genug war, ist die Erkenntnis bis heute lebendig
geblieben, daß gerade die Fortentwicklung
der Demokratie zu den Aufgaben der IKvu gehören muß - sind sie
doch bis heute immer wieder in den Hinterhöfen der westlichen
Dominanzkultur Lateinamerikas und Afrikas mit
Menschenrechtsverachtung konfrontiert. Darin tradiert sich die
Erfahrung, daß man Demokratie nie "hat", sondern daß sie
immer bedroht ist, gerade im demokratischen Rechtsstaat, und daher
immer von neuem gegen Verachtung und gegen ihre Verächter
verteidigt werden muß. In Form von Rasterfahndung, Einschränkung
des Datenschutzes, Kontrolle und Verdrängung im öffentlichen Raum
wurde dies zuletzt nach dem 11.
September brennend aktuell. |
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"Unserer Unzulänglichkeit
bewußt, wollen wir solidarisch sein mit den Zurückgesetzten und
Vergessenen unserer Zeit." |
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Bernd H.
Göhrig |