Referat auf der Mitgliederversammlung der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) am 7. März 2003 in Bendorf
Liebe Freundinnen und Freunde in der HuK,
ich danke Euch, dass ich heute hier bei Euch sein darf und über das Projekt einer Kirche von unten sprechen darf - immerhin kommt Euch als Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche seit nun 26 Jahren in diesem Projekt eine ganz wesentliche Rolle zu. Ich bemühe mich, möglichst alle 36 Mitgliedsgruppen, die die IKvu bilden, hin und wieder zu besuchen, mit Eric vom Vorstand plaudere ich regelmäßig und schließlich habe ich mit meinem Chef Holger App einen direkten HuK-Transmitter für Information und ideologische Manipulation der IKvu - wodurch deutlich wird: die HuK ist nicht nur eine der ältesten Gruppen im Projekt, sondern auch eine der einflussreichsten.
In vier Schritten möchte ich mich im Folgenden um eine Reformulierung unseres gemeinsamen Projektes bemühen: Traditionslinien aufzeigen, Referenzpunkte benennen, Aufgaben formulieren.
In diesen Wochen und Monaten leben wir in
einer angespannten Situation, die Welt hält den Atem an. Täglich erwarten
wir neue Meldungen, wir überprüfen den Stand der Dinge und unsere eigene
Position. Wann wird die Machtzentrale losschlagen? Die Argumente sind
ausgetauscht, die Geschütze sind aufgefahren, die Fronten sind abgesteckt.
Dass sich der Papst einschalten würde, war zu erwarten - schließlich steht
auch das Ansehen Roms auf dem Spiel, die diplomatischen Drähte laufen heiß
und alle Menschen guten Willens stellen sich die brennende Frage:
Ökumenisches Abendmahl - ja oder nein?
In dieser Schizophrenie gehe ich als Bundesgeschäftsführer der IKvu derzeit durch die Welt: Während sich der Krieg gegen Irak unaufhaltsam näher schiebt, tobt hinter und vor den Kulissen des Berliner Theaters "Ökumenischer Kirchentag" der mediale und kirchenpolitische Streit um das Abendmahl. Das kann doch wohl nicht wahr sein! - Ich denke, es wäre in einem gewissen Sinn unmoralisch, heute abend über unsere IKvu zu sprechen und den Krieg außen vor zu lassen. Ich würde mich unglaubwürdig machen und mir zu Recht den Vorwurf einhandeln, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, während die Elefantenherde schon bedrohlich nahe ist. Also Realitätsabgleich, die Bewertungen ins rechte Lot rücken - denn die Tatsache, dass es in unserer Gegend keine Elefantenherden gibt, ist kein Beweis für ihre Nichtexistenz - in der globalisierten Welt schon gar nicht. Trotzdem muss ich als skeptischer Zeitgenosse, der ich bin, fragen: vielleicht ist die Herde aber doch eine Fata Morgana aus "Tausend und einer Nacht", Auflage 21. Jahrhundert?
Mein Vortrag heute abend sollte eigentlich überschrieben sein mit "Vita oecumenica", in Anlehnung an Hannah Arendts Buch "Vita activa oder Vom tätigen Leben" - Eric fand es auf deutsch schöner, doch ich möchte aus einem ganz bestimmten Grund darauf zurückkommen: In Hanna Arendts Buch geht es nämlich an zentraler Stelle um die Frage der Macht: "Macht aber besitzt eigentlich niemand, sie entsteht zwischen Menschen, wenn sie zusammen handeln, und sie verschwindet, sobald sie sich wieder zerstreuen" (Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1981, 194). Das ist hier gar nicht negativ gemeint, sondern durchaus positiv zu verstehen: Die zahlreichen neueren Bewegungen, die seit den 70er Jahren entstanden sind, haben gezeigt, wie sich mit relativ wenig oft erstaunlich viel erreichen lässt: Öko, Anti-AKW, Kinderladen, CSD, Food-Koop, Frauenräte, Tauschring, Seattle sind einige Stichworte. Aus der Rückschau sehen wir aber auch, wieviel Kraft kleine Schritte oft auch gekostet haben und wie schnell sie wieder rückgängig gemacht waren - weil der politische Wind sich gedreht hatte, weil auf die Dauer zuwenige drangeblieben sind. Und wir kennen die Menschen, die sich verausgabt haben und nicht mehr weiter konnten.
Auch eine kirchliche Protestbewegung rottete sich Ende der 70er Jahre zusammen. Ihre Wurzeln liegen im links orientierten Katholizismus und Protestantismus der 20er Jahre, etwa beim Bund der religiösen Sozialisten und der Rhein-Mainischen Volkszeitung in Frankfurt am Main, die dem linken Flügel der Zentrumspartei nahestand. Nach der Befreiung waren die Frankfurter Hefte, herausgegeben von Walter Dirks und Eugen Kogon, für einige Jahre das wichtigste Publikations- und auch Organisationszentrum des Linkskatholizismus in der jungen Adenauer-Republik: dem Anspruch nach kirchen- und gesellschaftskritisch, überwog in den politischen Seiten die Frage, welche politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen aus der Katastrophe des Faschismus für den Aufbau der Demokratie zu ziehen seien. Der relativ glatte Wiedereinstieg vom alten nationalsozialistischen in den neuen demokratischen Staat in den klerikalistisch- und CDU-schwarzen 50er Jahren desillusionierte die Herausgeber, die für ein sozialistisches Modell eingetreten waren, auf christlich-humanistischer Basis versteht sich.
Die Öffnung der römischen Kirche mit dem II. Vatikanischen Konzil schien wenigstens die kirchenkritische Linie der Linkskatholiken voranzubringen. Doch nach der Würzburger Synode zu Anfang der 70er Jahre wurde ziemlich bald klar, dass weitergehende Reformen abgeblockt wurden, und das Widerspruchspotential verwandelte sich in Aktion: Beim Berliner Katholikentag 1980 fand erstmals ein Katholikentag von unten statt, im darauf folgenden Herbst wurde eine Initiative Kirche von unten aus der Taufe gehoben, von Gruppen wie ChristInnen für den Sozialismus, der Basisgemeinde Frankfurt - und der HuK. "Die einzige rein materielle, unerlässliche Vorbedingung der Machterzeugung", heißt es bei Hanna Arendt weiter, "ist das menschliche Zusammen selbst. Nur in einem Miteinander, das nahe genug ist, um die Möglichkeit des Handelns ständig offen zu halten, kann Macht entstehen (...)" (Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1981, 195). Die Möglichkeit des Handelns ständig offen halten - damit ist die Fähigkeit gemeint, immer wieder von neuem anzufangen, was eine wahre Kunst ist, die Kunst des Anfangens, die immer wieder von Neuem eingeübt werden muss. Für Adorno ist damit die Anstrengung verbunden, "weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen".
Als Kirche von unten wissen wir, dass dieser Aufforderung eine utopische Qualität innewohnt: Es ist schier unmöglich, immer wachsam zu sein, um sich nicht dumm machen zu lassen, nicht korrumpieren zu lassen von den Überredungskünsten der Gegenmächte - und wir wissen zugleich, dass es keine Alternative dazu gibt, es immer wieder zu versuchen.
In den folgenden 18 Jahren artikulierten die Gruppen der IKvu regelmäßig bei Katholikentagen die Perspektive und die Forderungen der Ausgegrenzten, seit den 90ern zunehmend auch auf den Evangelischen Kirchentagen. "Ausgrenzung" ist für die IKvu ein zentrales handlungsanleitendes Motiv, quasi der Initiationsgedanke der Initiative, ganz gleich ob es um unliebsame Personen wie Hans Küng, um schmutzige Themen wie Abtreibung, Priesterkinder, Kapitalismuskritik und Abrüstung oder um verquere Gruppen wie die Vereinigung katholischer Priester und ihre Frauen (VkPF), die ChristInnen für den Sozialismus (CfS) und die HuK ging. Soll Kirche einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung erbringen, der ihrer befreienden Botschaft von Jesus Christus entspricht, muss sie sich selbst und ihr Selbstverständnis verändern: Kirche lebt in den Gruppen und Gemeinden, die diesen emanzipatorischen Gehalt fruchtbar machen; sie lebt angesichts unseres Großkirchensystems in den Gruppen, die aufgrund ihrer Perspektive "von unten" solidarisch mit den Ausgegrenzten sein können: In den ausgebeuteten Ländern des Südens, in den Befreiungsbewegungen, in unserer eigenen Gesellschaft.
Die Inspiration, die in den 70er und 80er Jahren von der Befreiungstheologie Lateinamerikas auf die Gruppen der IKvu ausging, kann gar nicht überschätzt werden, sie schob sich vor die eigene Tradition des Linksprotestantismus und -katholizismus, oder richtiger: In der Befreiungstheologie kehrte das Konzept eines gesellschaftskritischen linken Christentums zu uns zurück - vom eurozentristischen Ballast befreit und mit den Erfahrungen der vormaligen Peripherie Afrika, Asien und Lateinamerika angereichert, die längst zum Aufmarschgebiet der internationalen wirtschaftlichen und militärischen Ausbeutung geworden war, von der wir alle trotz unserer kritischen Haltung doch ausgiebig profitierten. Aus den Vorstädten und Slums, aus den Peripherien des westlichen Weltkonzepts wurde das Zentrum der Befreiung. Diese Rede von der Befreiung war damals auch - nicht nur, aber auch eine zutiefst christliche, denn sie setzte dem kolonisatorischen Konzept des Christentums die Gegenmacht der befreienden Jesusbotschaft entgegen.
Viele Gruppen der Kirche von unten wurden in den 80er Jahren zu Agenten dieser Auseinandersetzung innerhalb Europas. Doch schon 1984, beim Münchner Katholikentag von unten, legte der brasilianische Kardinal Aloísio Lorscheider in der "Nacht der Solidarität" der Finger in die Wunde der IKvu: "Ihr in Deutschland setzt große Hoffnung in uns, und umgekehrt setzten wir in Lateinamerika große Hoffnung in euch. Was wir von euch erwarten? Stellt euch die Frage: Habt ihr in Deutschland keine Unterdrückten? Ihr müsst anfangen, denen bei der Befreiung beizustehen, die bei euch in Deutschland unterdrückt sind. Wenn ihr die Befreiung bei euch erfahrt, dann könnt ihr uns damit die größte Solidarität erweisen."
Etwa um die selbe Zeit, 1986, kehrte P. Gregor Böckermann WV aus Algerien in die Bundesrepublik zurück:
| Ich gehöre den
Afrikamissionaren "Weiße Väter" an, die im 19. Jahrhundert gegründet
wurden, eigentlich um die Muslime zu bekehren. Von 1964 bis 1968 habe
ich in Leuven (Belgien) Theologie studiert (...) In den letzten beiden
Jahren kriegten wir ein bisschen von der Öffnung der katholischen
Kirche nach dem 2. Vatikanum mit. Jetzt sprach man vom "Respekt,
mit dem man den großen Weltreligionen begegnen wolle". Dialog war
"in". Deshalb habe ich mich freiwillig nach Algerien gemeldet. Dort
war Dialog gefordert, denn die Kirche hatte hundert Jahre vergeblich
versucht, Muslime zu bekehren. Algerische Freunde haben mir dann mit Beharrlichkeit beigebracht - leider habe ich 18 Jahre gebraucht, um das zu verstehen - dass Dialog nur zwischen einigermaßen gleichberechtigten Partnern existiert. Es gebe keinen echten Dialog zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lehrern und Schülern, meinten sie und sagten: "Und so gibt es keinen echten Dialog zwischen euch Christen und uns Muslimen, zwischen euch Europäern und uns Arabern, so lange wir zwar politisch unabhängig sind, wirtschaftlich und kulturell aber immer noch von euch abhängen." Und sie sagten etwas, das mir bis heute als Auftrag gilt: "Wenn du das ehrlich meinst mit dem Dialog, wenn du uns wirklich bei der Entwicklung des Landes helfen willst, dann ist es besser, du gehst zurück nach Deutschland." Und in den 70er Jahren, Anfang der 80er Jahre war Algerien sozialistisch ausgerichtet, deshalb sagten sie: "Geh zurück in dein kapitalistisches Deutschland und verändere dort ungerechte Strukturen. Dann hilfst du uns mehr, als wenn du hier vor Ort als Entwicklungshelfer arbeitest." Seit 1986 versuche ich, diesem Auftrag algerischer Freunde nachzukommen. Die anfängliche Hoffnung nach einer schnellen Veränderung, nach einer "Revolution", hat sich leider nicht erfüllt. Gleich zu Anfang habe ich die Initiative "Ordensleute für den Frieden" (IOF) kennengelernt, einen freien Zusammenschluss von Ordensfrauen und -männern sowie ihrem Freundeskreis. Jahrelang hat die IOF vor der Cruise-Missiles-Basis in Hasselbach (Hunsrück) protestiert. Als diese abgezogen wurden und viele Friedensgruppen dichtmachten, sind die Ordensleute vor die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt/Main gezogen, einen anderen "Ort des Unheils". vollständiger Text: Der Weg eines Afrika-Missionars zum Protest vor der Deutschen Bank |
Die Ordensleute für den Frieden gehören heute - zusammen mit der Christlichen Initiative Romero (CIR), den Zeitschriften Schlangenbrut und Publik-Forum und mit der HuK zu den aktivsten Mitgliedsgruppen der Kirche von unten.
Das ist keineswegs selbstverständlich, denn 1989 war erstmal alles vorbei: Der Zusammenbruch des eisernen Vorhangs läutete das "Ende der Geschichte" (Fukuyama) ein. Es brauchte nicht einmal mehr die Camouflage westlicher Werterhetorik: Unter den glorreichen Siegeszeichen des Kapitalismus feierte die Ausbeutung der alten und neuen Wirtschaftsräume feierlich Urständ. Es kam der Rückzug in eine neue Innerlichkeit, die linken Gruppen leckten ihre Wunden und blickten ungläubig auf das, was sich da vor ihren Augen abspielte, unfähig, Alternativen zu entwickeln. In der IKvu wurden die kirchenkritischen Themen gepowert - gegen das zuletzt verbliebene totalitäre System gerichtet - und die sogenannte KirchenVolksBewegung wurde initiiert. Kurzfristig ein geschickter Schachzug, der heute jedoch heute das gesellschaftskritische Potential der Kirche von unten lähmt, weil dieser Ansatz sich in Systemimmanenzen verheddert und so vor allem den römischen Fundamentalismus stärkt. Hier versammelt sich das bürgerlich-liberale Katholikentum, dem Schwule, Lesben und Transen noch immer ein Gräuel sind, Sozialisten ein Ärgernis - und der Papst doch eigentlich ein ganz guter Mann wäre, wenn er doch nur andere Berater hätte. Die Anstöße kamen von außen: Attac bündelt nun das - gemäßigte - Spektrum des bürgerlichen gesellschaftskritischen Potentials.
Wenn wir das Projekt einer Kirche von unten immer wieder neu formulieren, bleibt es kreativ und lebendig. Das ist banal, und wofür ich heute abend werben möchte, ist etwas noch banaleres, nämlich für eine Reformulierung des Projekts der Kirche von unten als eines politischen Projekts. Aber da regt sich schon vereinzelter Widerspruch: Der bürgerliche Mief prägt auch unser christliches Milieu von unten, die emanzipatorische Überzeugung von einst - gegen die Ausgrenzung von Personen, Gruppen und Themen zu kämpfen, überhaupt "kämpfen" - hat Grünspan angesetzt und wird nicht mehr an Jüngere weitergegeben; schließlich wurde ja auch einiges erreicht. Zwar versucht das ZdK immer wieder mal die Ausgrenzungsnummer, doch diese Angriffe können mittlerweile abgewehrt werden. "Politik" ist für viele Menschen in unserer Republik, seien sie ChristInnen oder nicht, ein schmutziges Geschäft für korrupte Dumpfbacken mit Bereicherungsimpetus, und die Verbindung von Religion und Politik ist für viele Christinnen und Christen schon Skandal, wenn sie sehen, wie die sogenannten christlichen Unionsparteien daraus Profit geschlagen haben. Wir frönen eher dem weiten Politikbegriff des Dosenrecycling und der Maulkorbgesetzgebung; geistige Maulkörbe regen uns nicht mehr so auf.
Ein sozialistisch-christlicher Ansatz wird bei den braven deutschen Christinnen und Christen - im Vergleich etwa mit den Genossinnen und Genossen in Italien - nur noch belächelt. Ernsthaft: Spuckt unsere Projektwerkstatt nichts mehr aus, wofür - von mir aus auch: wogegen - es sich zu kämpfen lohnte?
Walter Dirks, einer der Väter des politischen Linkskatholizismus in der BRD, sprach von einer Politik aus christlicher Verantwortung und wandte sich damit strikt dagegen, eine der beiden Seiten - Religion oder Politik - gegen die andere auszuspielen: Eine Politik aus christlicher Verantwortung streitet gegen Diskriminierung, Ausgrenzung, Intoleranz und die sich daraus ergebenden politischen Handlungsoptionen und Interessenlagen der diversen Lobbygruppen unserer Gesellschaft: Sie widersetzt sich aktiv der unchristlichen weil unmenschlichen Asylpolitik unseres Staates, sie protestiert gegen Verdrängung von Obdachlosen in den Großstädten und klärt auf über die Einschränkung persönlicher Freiheiten und Überwachungsstrategien unter dem Vorwand eines "Kampfes gegen den Terror"; eine Politik aus christlicher Verantwortung sabotiert wirkungsvoll Kriegsvorbereitungen - gewaltfreie Aktionen und ziviler Ungehorsam, Widerstand gegen die Wehrpflicht und Aufruf zur Fahnenflucht, friedliche Demos und Aufklärung; sie legt den Finger in die Wunde der ausufernden Armut; sie klagt Menschenrechtsverletzungen in unserer Demokratie an und solidarisiert sich mit Opfern der neoliberalen Wirtschaftsstrategien in Brasilien - das ist die Ökumene, die wir meinen:
Es ist eine politische Ökumene ohne konfessionelles "comme ci comme ça", sie ist radikal und parteiisch - und langfristig hoffnungslos unpopulär. Auf dem Vormarsch ist dagegen eine Eindeutigkeit anderer Couleur und anderen Kalibers: das ist die Gegenseite, sie ist finanziell und strukturell gut ausgestattet und Jugendliche fliegen auf den Trend. Fundamentalistisch und Rechts ist in, ob innerkirchlich oder außerhalb ist nicht mehr von Belang, der Drive zur Mitte am Ende der 90er hat das Resistenzpotential unserer Gesellschaft gegen Rechts vollends aufgebraucht, der Kohl-Faktor der Lethargiezeit der 80er Jahre schlägt nun voll durch und Ziehsohn Koch triumphiert mit breitem Grinsen. Im römisch-katholischen RestMilieu bläst das Forum deutscher Katholiken zum Kampf gegen alles, was nicht 150%ig papsttreu und ergeben ist; eine Gegengründung zum ZdK, versammelt sich diese Sturmtruppe "Initiative Kirche von rechts" alljährlich am Grab Dybas und lehrt Lehmann und die anderen Liberalen das Fürchten. - Ist es das, womit wir uns zufrieden geben wollen?
Die vielleicht wichtigste Frage lautet dennoch: warum eine IKvu? Schließlich werden alle unsere säkularen Themen von anderen Organisationen viel professioneller - und vielleicht sogar effektiver - bearbeitet: Pro Asyl und Missio und Greenpeace und so weiter. Auch die HuK hatte sich dieser Frage zu stellen und sie hat sie, denke ich, beantwortet. Dagegen, dass Profiorganisationen auch professioneller an unseren Themen dran sind, ist wenig zu sagen, und es wäre auch vollkommen kontraproduktiv, daraus gar eine Konkurrenzsituation abzuleiten; schließlich geht es etwa in der Asylpolitik um das Leben von Flüchtlingen und nicht um eine Interessenpolitik von Pro Asyl und Asyl in der Kirche.
Der einzige Einwand - und der ist meiner Meinung nach stichhaltig genug - lautet: Wenn die christliche Botschaft eine Befreiungsbotschaft ist, kann ihre politische Umsetzung offensichtlich nicht dem Aushandlungsspiel zwischen den Großkirchen und den Unionsparteien überlassen werden. Eine dezidiert christlich-emanzipatorische Stimme kann derzeit nur von der Initiative der Gruppen in der Kirche von unten wahrgenommen werden. Tun diese Gruppen das nicht, bleibt das gesellschaftliche Vakuum bestehen, dass die Kirchen und die Union haben entstehen lassen und das weder Bündnis 90 / Die Grünen, die SPD noch andere Organisationen füllen. Wenn die christliche Botschaft allerdings keine Befreiungsbotschaft ist, ist jeder Versuch einer politischen Operationalisierung Spiegelfechterei, dann können wir gleich zu Kaffee und Kuchen übergehen und brauchen uns nicht länger in die Tasche lügen.
Während die Welt auf einen Krieg zugeht, quälen den Papst nicht nur Friedensstrategien: Im Land der Reformation gibt's mal wieder Stunk, denn die beschränkten Deutschen können nicht einfach nur machen, was sowieso überall gemacht wird, sondern müssen's extra an die große Glocke hängen: Sie laden sich gegenseitig zum Abendmahl ein. Krieg und Abendmahl - ist das die Verbindung von Religion und Politik?
Eines wissen wir beide - Ihr und ich - ganz sicher: Dieser Krieg ist kein ökumenischer Krieg. Aber es ist ein globalisierter Krieg. Was ist der Unterschied? Im Gegensatz zu "Globalisierung" verbinden wir mit dem Begriff "Ökumene" nach Jahrzehnten mit sehr unterschiedlichen ökumenischen Kampagnen - im Moment befinden wir uns in der "Dekade zur Gewalt" - einen emanzipatorischen Spin, einen Impuls ... Ökumene ist für uns per definitionem etwas Positives - "come together".
Martin Luther King, dessen Todestag am 4. April zum 35. Mal wiederkehrt, sagte 1961 in einer Rede an der Lincoln University in Pennsylvania: "Durch unsere technischen Fähigkeiten haben wir diese Welt zu einem Dorf gemacht; jetzt müssen wir daraus kraft unserer Moral und unserer geistigen Entwicklung eine Geschwisterschaft machen. Wir müssen im direkten Wortsinn lernen, als Geschwister zusammenzuleben, oder wir werden alle zusammen als Narren untergehen. Wir müssen erkennen, dass kein Individuum allein überleben kann. Wir müssen zusammenleben, wir müssen uns umeinander kümmern" (William F. Pepper, Die Hinrichtung des Martin Luther King. Wie die amerikanische Staatsgewalt ihren Gegner zum Schweigen brachte, München 2003, 216f).
King hatte erkannt, dass das globale Dorf, das global village, uns verpflichtet. Als diese Erkenntnis ihn dazu führte, über den Kampf gegen Rassismus hinauszugehen und die Strukturen der kapitalistischen Gesellschaftsformation selbst unter Anklage zu stellen, wurde er erst wirklich gefährlich. Seine Hinrichtung, in einem perfekten Zusammenspiel von staatlichen Instanzen und Mafia, war eine direkte Reaktion auf seinen Protest gegen den Vietnamkrieg und gegen die kolonisatorische Politik der US-Regierung, die zur Einschränkung der Bürgerrechte und zu Armut im eigenen Land führte.
Der ökumenische Kirchentag bietet uns nun das bizarre Schauspiel der repressiven Konversion des Begriffs. Ich will das nicht unnötig vertiefen, wir wollen ja weiterkommen und nicht altmodische Grabenkämpfe fortführen, deshalb nur die eine einfache Preisfrage: Was ist ein ökumenischer Gottesdienst? Hättet Ihr's gewusst? Nach Hamburg und Mainz glaubten wir's jedenfalls zu wissen, doch wir wurden eines Besseren belehrt: Mit einem ökumenischen Gottesdienst kann keinesfalls eine Mahlfeier - Abendmahl, Eucharistie - gemeint sein, denn Rom hat da sehr klare Vorstellungen, die an das Amtsverständnis der römischen Kirche geknüpft sind. Also kann es sich nur um einen Wortgottesdienst halten, den da halten kann wer will, sogar Frauen. Ich will den gesamten Komplex der Abendmahlfrage beim Kirchentag jetzt nicht behandeln, nur so viel: die evangelische Seite hat sich da - im Vertrauen auf eine unterstellte Handlungsfähigkeit des ZdK im katholischen Restmilieu - in eine Situation manövriert, in die Abhängigkeit der ökumenischen Handlungsoptionen vom römischen Veto, in der sie an Glaubwürdigkeit - an kirchenpolitischer und an theologischer Glaubwürdigkeit - nur verlieren kann. Die Konsequenzen aus dieser Sackgasse Berlin - "vor dem Kirchentag ist immer schon nach dem Kirchentag" - werden nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert, die konfessionelle Weggabelung liegt bereits wieder eine Tagesreise hinter uns.
Der politische Skandal liegt darin: Die Unfähigkeit der kirchlichen Systemimperative Amt und Administration - und Geld - zu ökumenischer Kreativität und Mut und emanzipativer Selbstüberwindung auf beiden Seiten wird extrapoliert zur Unmöglichkeit von Ökumene schlechthin, zu einem grauenhaft schlechten Verständnis von Ökumene. Eine Heldin, ein Held ist, wer sich selbst überwindet, und das setzt ein gerüttelt Maß an Fähigkeit zur Selbsterkenntnis voraus - festgefügten Kirchenstrukturen, wie wir sie in der Bundesrepublik Deutschland haben, diese reflexive Fähigkeit zu unterstellen in Zeiten von Bistumspleiten und Sehnsucht nach mehr Direktion ist schlicht naiv. Der Kirchentag in Berlin ist konzipiert als "Ökumene von oben" - die würde in voller Konsequenz nur als bischöflicher Massenauftrieb vor dem Reichstag funktionieren - oder sie funktioniert nicht. Vielleicht ist es ja ganz gut, dass uns dieses Bild erspart bleibt.
Wir können uns nicht daran vorbeimogeln: Die Frage nach dem ökumenischen Leben in unserer Zeit ist die Frage nach einer Politik aus christlicher Verantwortung. Anders gesagt: Sich über die Frage des Abendmahls zu streiten, ist im Angesicht des Krieges in höchstem Grade obszön. Das ist nicht der Missbrauch der aktuellen Kriegssituation für ökumenische Interessen, sondern der Versuch eines Realitätsabgleichs, ein Geraderücken der Maßstäbe, in denen wir denken und wohl auch leben. Theologisch gesprochen: Aus der Gemeinschaft im Abendmahl im Gedächtnis an Jesus Christus erwächst die Kraft und der Mut - Christinnen- und Christenmut - für ein politisches Engagement.
Um als Initiative Kirche von unten diese Herausforderung annehmen zu können, die sich auch aus der Geschichte unserer Bewegung ergibt, sind wir inhaltlich ganz gut positioniert, vielleicht an der ein oder anderen Stelle theoretisch noch etwas schwach auf der Brust. Auch finanziell ist der Abwärtstrend dank dem tatkräftigen Zupacken der großen Gruppen Arbeitsgemeinschaft der Priester- und Solidaritätsgruppen (AGP), der Leserinitiative Publik und - last but absolutely not least - der HuK gebremst; wir sind allerdings noch nicht aus dem Tief heraus! Jetzt ist es an der Zeit, das die Gruppen der IKvu eine flexiblere und dadurch handlungsfähigere Struktur zu verpassen: ein Leitungsteam, das das inhaltliche Spektrum der IKvu widerspiegelt und die politische, rechtliche und finanzielle Verantwortung hat, dazu ein Dreiergespann - neben dem Bundesgeschäftsführer resp. der Bundesgeschäftsführerin zwei Sprecher oder Sprecherinnen - das das Gesicht der IKvu nach außen darstellt und die politische Arbeit wahrnimmt. Es ist für mich schlicht unvorstellbar, dass die HuK hier keine hervorragende Position einnehmen sollte, ihrer Bedeutung in der Kirche von unten gemäß.
Agiert sie diese Rolle auch in Zukunft? Das ist eine Frage der Selbstachtung: Man betreibt nicht jahrzehntelang ein Projekt und zieht sich zurück, wenn man - oberflächlich betrachtet - nicht mehr in der direkten Schusslinie steht. Die Ausführungsbestimmungen der katholischen Bischöfe zum Lebenspartnerschaftsgesetz für kirchliche Angestellte sprechen hier außerdem eine deutliche Sprache. Dass wir in einer Zeit repressiver Moral leben, ist zudem sicher nicht strittig - am Abbau von Grundrechten wird munter gedrechselt, siehe der Horrorkatalog der Union zum "Zuwanderungsgesetz" und der aktuelle Versuch, allen Ernstes eine Folterdebatte loszutreten.
Ich gehe also zuversichtlich davon aus, dass die HuK die Kirche von unten weiterhin vorantreibt. Danke für Eure Aufmerksamkeit.
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Bernd H. Göhrig ist Bundesgeschäftsführer der "Initiative Kirche von unten" (IKvu); E-Mail: goehrig@ikvu.de. Die Ökumenische Arbeitsgruppe "Homosexuelle und Kirche" (HuK) ist Mitgliedsgruppe der IKvu. Weitere Informationen im Internet unter http://www.huk.org |