Initiative Kirche von unten (IKvu)
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Kirche lebt von unten

An
Bischof DDr. Karl Lehmann
- Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz -
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OFFENER BRIEF

Oscar-Romero-Haus, den 5. Oktober 2000

Sehr geehrter Herr Bischof Lehmann,

mit großer Freude habe ich die Nachricht vernommen, dass es der Deutschen Bischofskonferenz so rasch gelungen ist, sogenannte "Entschädigungszahlungen" für die in der Zeit des Nationalsozialismus in kirchlichen Einrichtungen beschäftigten Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter in die Wege zu leiten: Bereits Ende Oktober / Anfang November sollen die ersten Zahlungen erfolgen.

Dies entspricht der Intention unserer Presseerklärung vom 21. Juli diesen Jahres, in der wir aufgrund des hohen Alters der betroffenen Personen die erste Priorität einer schnellen Zahlung angemahnt hatten. Aus diesem Grund hatten wir für einen eigenen Weg der Kirchen plädiert, da aufgrund des Charakters der "Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft" - mit dem vorrangigen Ziel der "Rechtssicherheit" für deutsche Unternehmen - damals bereits absehbar war, dass es in diesem Jahr nicht mehr zu "Entschädigungszahlungen" kommen würde. Die bekannten und beschämenden Verzögerungen bestätigen uns leider.

Allerdings handelt es sich bei den erfolgenden Zahlungen nicht um Entschädigung - aber um ein wichtiges Zeichen der Eingeständnis von Schuld. Auch wenn die betroffenen Menschen in kirchlichen Einrichtungen in einzelnen Fällen besser als anderswo behandelt wurden, bleibt die Tatsache der brutalen Verschleppung und der Teilhabe der Kirchen am System der organisierten Ausbeutung von Menschen bestehen.

Es bleibt ebenso die beschämende Tatsache, dass es - trotz des seit langem in der Öffentlichkeit geführten Diskurses zum Thema "Zwangsarbeit" - des Anstoßes der Medien bedurfte, bis die römisch-katholische Kirche sich nach 50 Jahren endlich zu ihrer Beteiligung am System der Zwangsarbeit bekannte, und bis die sich daraus ergebende Verantwortung für noch lebende ehemalige Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter erkannt wurde. Lediglich geschätzte 1o % der betroffenen Menschen sind heute noch am Leben. Viele Einzelfälle waren schon immer bekannt, wie die dokumentierten Fälle belegen.

Auch hier gilt der einfache Satz: Wer wissen wollte, konnte wissen. Diese Schuld betrifft uns alle.

Die für viele Menschen unglaubliche und daher überraschende Tatsache der Beteiligung der Kirchen am System der Zwangsarbeit muss den Horizont für weitere Fragen öffnen, die bisher ebenfalls unglaublich klangen oder zu leise gestellt wurden, etwa: Hat die Kirche auch von Enteignungen und sog. "Arisierungen" profitiert? Schließlich wurden entsprechend der nationalsozialistischen Rassegesetzgebung auch Getaufte aus jüdischen Familien enteignet, deportiert und ermordet. Hat die Kirche von diesen Enteignungen profitiert? Gezielt oder ohne böse Absicht? Wenn ja - wurden dafür nach 1945 Restitutionsleistungen erbracht? Eine weitere Frage betrifft das Thema "Kirche und Wehrmacht", die Rolle der Militärpastoral und die darin erbrachte Unterstützung der Eroberungs- und Vernichtungsfeldzüge.

Mit den erfreulich schnellen Zahlungen an ihre ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter setzt die römisch-katholische Kirche ein gutes Zeichen. Dabei wäre es zudem längst an der Zeit, dass sich die Kirche mit Mut zur Wahrheit grundsätzlich ihrer Schuld am Unrechtssystem des Nationalsozialismus mit allen Konsequenzen stellt und zu ihrem Versagen als christliche Kirche steht. Stellt sich diese Herausforderung angesichts der jetzt aktuellen Thematik der Zwangsarbeit nicht mit aller Vehemenz neu?

Ich würde mich freuen, wenn Sie und die Deutsche Bischofskonferenz diese Chance nicht achtlos vorübergehen lassen würden.

Mit freundlichen Grüßen und guten Wünschen für Ihre Arbeit,
Ihr Bernd H. Göhrig
(Geschäftsführer der IKvu)


==> IKvu-SPECIAL zum Thema "Zwangsarbeiter in der Kirche"


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