pinpinRückblick: Herbsttagung 2001

"Konsens des Schweigens"
Die zweite Schuld der römisch-katholischen Kirche nach 1945


Kirchenhistoriker: Kirche soll auch Kriegsgefangene entschädigen

Mannheim, 21.10.2001 (KNA). Der Augsburger Kirchenhistoriker Herbert Immenkötter hat die katholische Kirche aufgerufen, die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter auch auf Kriegsgefangene auszudehnen, die bisher von den Zahlungen ausgeschlossen seien. Zwischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen würden die Akten jedoch kaum unterscheiden, sagte Immenkötter bei einer Tagung der "Initiative Kirche von unten" (IKvu), die am Sonntag in Mannheim zu Ende ging. In der Regel hätten sich auch die kirchlichen Arbeitgeber für den Rechtsstatus ihrer Hilfskräfte nicht interessiert. Im Zweifelsfall sollte die Kirche deshalb zu Gunsten der Antragsteller entscheiden.

"Schwer verständlich" nannte Immenkötter auch die Ablehnung der Anträge derjenigen ehemaligen Zwangsarbeiter, die sich als Jugendliche zu Kriegsbeginn von Anwerbebüros dazu hatten gewinnen lassen, deutsche Staatsbürger zu werden. Viele dieser Menschen, die nach dem Krieg von den Amerikanern zurück in den Osten abgeschoben worden seien, seien noch am Leben. Sowohl nach den Richtlinien der deutschen Stiftungsinitiative zur Entschädigung von Zwangsarbeitern als auch nach denen des Entschädigungsfonds der katholischen Kirche seien diese "Ärmsten der Armen" von Zahlungen ausgeschlossen. Die Verantwortlichen der katholischen Kirche forderte Immenkötter auf, diese Gruppe bewusst in die Entschädigungen mit einzubeziehen, um "ein Zeichen der Einsicht zu setzen, das hoffentlich auch auf den Bund ausstrahlen möge".

Mit Blick auf den mit fünf Millionen Mark ausgestatteten Versöhnungsfonds der deutschen Bischöfe rief Immenkötter dazu auf, vor allem in den osteuropäischen Ländern "schnellstmöglich" Versöhnungsinitiativen auf den Weg zu bringen. Auch würde ein deutlicheres Eingeständnis des eigenen Versagens in der Zeit des Nationalsozialismus der katholischen Kirche gut anstehen, sagte der Historiker. Damit könne sie ihre Glaubwürdigkeit im Bewusstsein der skeptischen Nachkriegsgeneration erhöhen.

Der Essener Religionspädagoge Heinrich Missalla sprach von Defiziten in der bisherigen Forschung über Kirche und Nationalsozialismus. In vielen Arbeiten über die katholische Kirche im so genannten Dritten Reich werde der Krieg - wenn überhaupt - nur beiläufig erwähnt. Erst recht werde die Tatsache übergangen, dass die deutschen Bischöfe fast ausnahmslos und kontinuierlich zur angeblichen "Pflichterfüllung", zur Einsatz- und Opferbereitschaft im Krieg aufgerufen hätten. Auch die Deutsche Bischofskonferenz habe sich 1995 in ihrer Erklärung "Zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 50 Jahren" nicht zu dem Eingeständnis durchringen können, "dass sich ihre Vorgänger 1939 auf eine fatale und heute kaum erklärbare Weise geirrt und in der Konsequenz dieses Irrtums die Gläubigen kraft ihrer Autorität zur Teilnahme am Hitler-Krieg verpflichtet haben", so Missalla.

Bis heute gebe es keine Untersuchung darüber, welche Verletzungen die unzähligen Frauen und Männer davongetragen hätten, die auch im Vertrauen auf ihre geistlichen Führer ihre vermeintliche "Pflicht für das Vaterland" erfüllt, gekämpft und gelitten hätten. Man müsse die Frage stellen, ob der seit längerer Zeit zu verzeichnende Vertrauensverlust des kirchlichen Amtes nicht auch als eine der Spätfolgen "gravierender Fehlentscheidungen" kirchlicher Amtsträger in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu erklären sei, sagte Missalla. - Thema der IKvu-Tagung war der "Konsens des Schweigens - die zweite Schuld der römisch-katholischen Kirche nach 1945".

Quelle: Katholische Nachrichten-Agentur (KNA), 21.10.2001


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