Am 5. Februar 2004 zelebrierte Altmeister
Fliege um 16.00 Uhr seine Talkshow über Johannes Paul II. Der Inhalt ist
rasch erzählt: Pastor Fliege unterhält sich angeregt mit dem Papst-Fan
Englisch. Der sprüht förmlich vor Begeisterung für Karol Wojtyla und
beglaubigt seinen Enthusiasmus durch den Hinweis, dass er als BILD-Journalist von Haus aus eigentlich
papstkritisch gewesen sei: ein
rührendes Beispiel für die wundersamen Bekehrungen, die sich beim Kontakt
mit dem Papst einstellen. Die übrigen Teilnehmer sind Komparsen, die vom
Moderator der Reihe nach Gelegenheit bekommen, dem Jünger Englisch die
Bälle zuzuspielen für weitere Geschichten aus seinem Leben mit Johannes
Paul II.
Zwischendurch das eine oder andere sprechende Bild von den Mienen der Anwesenden: Man sieht das bemühte pastorale Lächeln von Bischof Jaschke, dessen Äußerungen über die Ahndung von Abendmahls-Vergehen, den Pflichtzölibat oder den Ausschluss der Frauen von den Ämtern samt und sonders auf das Kanzlerwort hinauslaufen: "So machen wir das. Basta." – Gelegentlich auch das Gesicht eines Prof. Hasenhüttl, der sichtlich nach Fassung ringt, weil der naiven Lobhudelei des BILD-Mannes endlich noch ein Quäntchen kirchlicher Realität beigemischt werden müsste. Aber das gehört halt zu den Sachen, die der Selbstdarsteller Fliege einfach nicht drauf hat.
Merksatz:
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Alles in allem nichts Aufregendes also, sondern eine normale, vielleicht sogar idealtypische Fliege-Veranstaltung. Aber ich habe ein grundsätzliches Problem. Mich widert jede Art von Andacht zu diesem Heiligen Vater fürchterlich an. Das ist so, seit ich weiß, dass es eine seiner allerersten Amtshandlungen war, das Dispensverfahren für heiratswillige Priester noch einmal ordentlich zu verschärfen.
Die offizielle Entbindung von der Zölibatsverpflichtung hat schon von jeher die klitzekleine Nebenwirkung, dass der so Beschenkte nie mehr seinen Beruf ausüben darf. Doch das hat dem neuen Papst nicht mehr genügt; es war ihm immer noch viel zu großzügig. Schließlich eröffnet diese "Dispens" ja die Möglichkeit, kirchlich zu heiraten und danach unter Umständen sogar in kirchlichen Einrichtungen in einem anderen Berufsfeld wieder eine Anstellung zu finden. Für einen Papst seines Zuschnitts eine echte Notlage, wenn er hilflos mit ansehen muss, wie die Notlage der am Kirchengesetz Gescheiterten einfach nicht abschreckend genug ist!
Der Ausweg aus der päpstlichen Notlage war erstaunlich schnell gefunden: Die Dispens darf fürderhin nicht mehr erteilt werden, solange der Bittsteller nicht mindestens vierzig Jahre alt geworden ist oder sich der demütigenden Prozedur unterzogen hat, glaubhaft zu machen, er sei zum Zeitpunkt der Priesterweihe geistig oder psychisch nicht zurechnungsfähig gewesen. Diese raffinierte Idee umgehend in die Tat umzusetzen, betrachtete Karol Wojtyla als eine der vordringlichsten und ersten Aufgaben seines Pontifikats. Auf die ideologische Begründung dieser "Reform" möchte ich lieber gar nicht erst eingehen.
Warum ich das so ausführlich erzähle, obwohl sich doch außer den Betroffenen und einer Handvoll unvoreingenommener Journalisten niemand dafür zu interessieren scheint? Weil es der Grund ist, dass es mir schwer fällt, in diesem Mann noch einen Christen zu erkennen, ich gebe es freimütig zu. Und darum dreht sich mir bei jeder blauäugigen Hymne über ihn der Magen um.
Natürlich hat der Mann seine Verdienste und er besitzt auch "Charisma", wie so gern betont wird. Aber mit diesem Charisma hat es eine eigentümliche Bewandtnis. Vor Jahren wollte ich als Geschichtslehrer meine Kenntnisse über Napoleon erweitern und stieß dabei auf die Heyne-"Biographie" aus der Feder von Friedrich Sieburg. Zunächst war ich irritiert, dann beinahe entsetzt: Sieburg schildert den seiner Meinung nach genialsten Menschen des 19. Jahrhunderts, einen "Charismatiker", auch wenn er den Begriff nicht verwendet. An einer nüchternen Darstellung von Fakten ist er überhaupt nicht interessiert, dafür wimmelt es nur so von bewegenden Einzelanekdoten. Und kein einziges Wort der Aufmerksamkeit für die Hunderttausende, denen das Wirken dieses "Charismatikers" Elend und Tod gebracht hat.
Jeder darf sich begeistern, wofür er will, und kann sich seine Vorbilder suchen, wo er Lust hat. Es gibt zweifellos auch nicht den geringsten Ansatzpunkt für einen Vergleich zwischen den Personen Napoleon I. und Johannes Paul II. Aber ich sehe durchaus ein paar Ähnlichkeiten zwischen Sieburgs Loblied auf Napoleon und den "Würdigungen", die derzeit dem Papst zuteil werden. Sogar für Englischs Faszination durch den leidenden Papst gibt es bei Sieburg eine Parallele. Er beschließt seine Darstellung mit den ergreifenden Sätzen: "So gleitet die Erscheinung aus der Zeit, und der Sand, der durch die Uhr der Geschichte läuft, rieselt weiter und vermehrt die Summe des Unveränderlichen. Am Rande der Zeit, dort wo kein 'Bellerophon' und keine 'Northumberland' mehr ihre Spur ziehen können, tut sich dem Eroberer ein neues Land auf, das er nie erblickt hat und in das er nie eingedrungen ist. Es ist ein Land, das man nicht besuchen und nicht erobern kann, es kommt zu uns, das Land des Leidens." Mit dem kleinen Unterschied, dass es auf St. Helena nur englisches Wachpersonal und noch keine Fernsehkameras gab.
Ich muss zugeben: Sieburgs Buch habe ich gelesen, in Englischs Papst-Buch habe ich nicht einmal hineingeschaut. Doch nach allem, was in der Fliege-Sendung darüber zu hören war, vermute ich, dass beide Werke ein ähnliches Niveau aufweisen – ein Fliege-Niveau.
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