ANRATH, 9.8.2003. Im Gespräch mit RP-Redakteur Günter Verstappen nahm Thomas Wystrach (IKvu) zur Erklärung des Vatikan zu homosexuellen Lebensgemeinschaften Stellung.
Wie bewerten Sie diese Erklärung?
Inhaltlich gibt es im neuen Text der Glaubenskongregation nichts Neues. Die "Erwägungen" greifen zur Begründung ihrer Thesen immer wieder auf einschlägige Veröffentlichungen des Papstes, des Katechismus oder vatikanischer Behörden der letzten 30 Jahre zurück, man zitiert sich quasi laufend selbst, ein Hinweis, auf wie tönernen Füßen die Argumentation steht! Die Rezeption wissenschaftlicher Erkenntnisse, wie sie etwa das neue "Lexikon für Theologie und Kirche" (bzw. das "Lexikon der christlichen Ethik" [LThK kompakt]) bietet, wird von der Kirchenleitung verweigert. Politisch gesehen fällt der eindringliche Appell an katholische Politiker auf, die über Gesetze zur rechtlichen Gleichstellung homosexueller Partnerschaften abstimmen sollen: "der katholische Parlamentarier hat die sittliche Pflicht, klar und öffentlich seinen Widerspruch zu äußern und gegen den Gesetzentwurf zu votieren. Die eigene Stimme einem für das Gemeinwohl der Gesellschaft so schädlichen Gesetzestext zu geben, ist eine schwerwiegend unsittliche Handlung". Dieser Eingriff in die Gewissensfreiheit ist anmaßend, die Formulierung, solche Gesetze kämen einer "Legalisierung des Bösen" gleich, ist infam!
Warum hat nach Ihrer Meinung der Vatikan diesen Text veröffentlicht?
Die humanwissenschaftlichen Erkenntnisse zu Ursachen der Homosexualität sowie die Forschungsergebnisse der Bibelwissenschaften haben in den letzten 40 Jahren auch die Moraltheologie zu einem Umdenken bewogen: Homosexualität wird von den meisten katholischen TheologInnen nicht mehr als krankhafte "Anomalie" oder "Verstoß gegen das natürliche Sittengesetz" bewertet. Auch die überwiegende Zahl der Gläubigen ist inzwischen tolerant gegenüber alternativen Lebensentwürfen geworden, die nicht mehr dem bürgerlichen Ideal der Ehe entsprechen, zumal Ehescheidung, Alleinerziehende und kinderlose Ehen inzwischen zum Alltag gehören. Die Glaubenskongregation versucht dagegen (vermutlich ähnlich erfolglos wie beim Thema "Empfängnisverhütung"), die alten Positionen einzuschärfen und auf aktuelle Entwicklungen in Europa und USA zu reagieren, die die rechtliche Diskriminierung von Homosexuellen beenden sollen, in Deutschland z.B. das "Lebenspartnerschaftsgesetz". Sexualität ist für die katholische Kirche weiterhin offiziell nur erlaubt "zur Weitergabe des Lebens".
Wie reagiert die "Initiative Kirche von unten" darauf?
IKvu-Mitgliedsgruppen wie die "Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche" (HuK), das "Netzwerk katholischer Lesben" (NkaL) oder die "Evangelische StudentInnengemeinde in Deutschland" (ESG) haben die "Erwägungen" scharf kritisiert. Anstatt Menschen bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit (wozu auch die sexuelle Identität gehört) zu helfen, versagt die katholische Kirche hier. Das Zitat aus dem Katechismus, "Männern und Frauen mit homosexuellen Tendenzen mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen", ist scheinheilig und völlig unglaubwürdig. Die Kirche macht sich mitschuldig, wenn Vorurteile gegen Homosexuelle zur Diskriminierung und Verfolgung führen! Der Vorwurf, homosexuelle Partnerschaften würden die Ehe gefährden oder "grundlegende Werte verdunkeln, die zum gemeinsamen Erbe der Menschheit gehören", ist absurd und konstruiert. Die Bereitschaft homosexueller Paare, dauerhaft Verantwortung füreinander zu übernehmen, sollte gewürdigt werden!
Welche Erwartungen haben Sie an Bischof und Pfarrgemeinden im Bistum Aachen?
Im Bischöflichen Generalvikariat hat vor ein paar Monaten ein Priester in leitender Position sein Amt aufgegeben, weil er seine homosexuelle Beziehung nicht weiter verschweigen wollte. Diese Heimlichtuerei zerstört viele fähige kirchliche Mitarbeiter und macht die Kirche - ähnlich wie bei der Frage des Zölibats - unglaubwürdig. Ein Umdenken der Kirche, ein Aufgreifen der humanwissenschaftlichen und theologischen Erkenntnisse ist dringend erforderlich. Pfarrgemeinden müssen beispielhaft werden als Lernorte für Toleranz: der Platz von Christen ist auf der Seite der Unterdrückten, Ausgegrenzten und Diskriminierten!
Aus: Rheinische Post (Lokalteil Kreis Viersen), 9.8.2003