zuletzt aktualisiert: 04.02.2010
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IKvu fordert eigene Regelung des Umgangs mit sexueller Gewalt im Bereich der DBK


Ökumenisches Netzwerk
Initiative Kirche von unten - IKvu

Pressemitteilung

IKvu fordert eigene Regelung des Umgangs mit sexueller Gewalt im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz. Klares Votum für Opferschutz gefordert.
Vorbildliches Handeln des Jesuitenordens.

04.02.2010. Frankfurt/Main

Widerwillig und erst auf öffentlichen Druck von kirchenkritischen Gruppen, Medien und Fachleuten reagierte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) 2002 mit einer Rahmenempfehlung: "Zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz" auf das Bekanntwerden immer neuer Fälle von sexueller Gewalt.

Diese "Leitlinien" sind in ihrem Kern nur die Umsetzung eines kirchenrechtlich bindenden Schreibens von 2001 (Motu proprio "Sacramentum sanctitatis tutela" von Johannes Paul II. und erläuternder Brief Kardinal Joseph Ratzingers als Vorsitzender der Glaubenskongregation), in dem u.a. das Verfahren bei sexuellen Gewaltdelikten geregelt ist: Interne Weiterleitung an Rom, Beschränkung der Akteure vor Gericht auf Priester, Betonung der Geheimhaltungspflicht etc.

Es kann also nicht überraschen, dass die sog. "Leitlinien" der Komplexität des Problems überhaupt nicht gerecht werden: Sie verfehlen eindeutig die Perspektive der Opfer, sind untauglich für eine wirksame Aufarbeitung und Prävention und ignorieren den systemischen Zusammenhang zwischen kirchlichem Leitbild und Gewaltausübung gegenüber Schwächeren und Abhängigen.

Die deutschen Bischöfe haben nur eine Chance, angemessen und christlich zu reagieren: Sie müssen sich aus den binnenrechtlichen Vorgaben lösen und auf der Basis einer fachkompetenten Beratung ein eigenes Regelwerk erarbeiten, dass die systemimmanenten Defizite der "Leitlinien" von 2002 korrigiert.

In der Kirche liegt eine hohe Kompetenz bei den Jugendverbänden: Sie arbeiten seit Jahrzehnten konzeptionell und praktisch auch zu sexualpädagogischen Themen, oft gegen den Willen ihrer Bistumsleitungen. Vor allem kleine Verbände wie "Gemeinschaft Christlichen Lebens" (GCL) und "Katholische Studierende Jugend" (KSJ) - die traditionell dem Jesuitenorden nahestehen - sind durch ihre geschlechtsspezifische Zweiverbandlichkeit prädestiniert für genderorientierte Pädagogik mit dem Ziel, Kinder und Jugendliche stark zu machen, "NEIN!" zu sagen.

Doch statt dieses Potential zu fördern, versucht die DBK unter dem Vorwand finanzieller Einsparungen Jugendverbände kleinzuhalten; dies trifft besonders die Kleineren und unterminiert derzeit erfolgreich den Status der Zweiverbandlichkeit im BDKJ.

Vorbildlich agiert derzeit der Jesuitenorden: Rektor Klaus Mertes SJ und Provinzial Stefan Dartmann SJ treiben die Aufklärung in den eigenen Fällen transparent und zugleich voller Verständnis für die Betroffenen voran, sie bemühen sich um präventive Maßnahmen und klammern auch die "Systemfrage" nicht aus. Dieses Beispiel fordert auch die Bischofskonferenz heraus, endlich eine neue bundesweite Regelung zu erarbeiten.

Die IKvu fordert:

1. Eine inhaltlich kompetente und verbindliche Regelung für den Bereich der Deutschen Bischofskonferenz jenseits römischer Vorgaben.

2. Die Einrichtung eines bundesweiten Gremiums zur Erarbeitung und Umsetzung neuer Richtlinien, besetzt mit VertreterInnen der MinistrantInnenarbeit, der Jugendverbände, der Diözesanräte, der Kirchenleitungen und mit unabhängigen Sachverständigen.

3. Inhaltlich die Abkehr von der täterorientierten Ausrichtung der "Leitlinien" und eine Hinwendung zu einer präzisen und verbindlichen opferorientierten Perspektive.

4. Die Einführung unabhängiger Ombudsstellen als Anwälte der Opfer anstelle der "diözesanen Beauftragten", um Einflussnahme und Parteilichkeit auszuschließen, und zwar in Kooperation mit kirchlich unabhängigen Beratungseinrichtungen.

5. Der qualifizierte Aufbau und die umfangreiche Förderung einer Präventionsarbeit auf allen kirchlichen Ebenen, insbesondere in der Priesterausbildung, der Gemeindearbeit und MinistrantInnenarbeit sowie die Aus- und Weiterbildung kirchlicher MitarbeiterInnen.

6. Dies schließt die Ausweitung der Förderung von qualifizierter insbesondere jugendverbandlicher Arbeit zum Thema sexuelle Gewalt mit ein: Mädchen und Jungen stark zu machen, "Nein!" zu sagen.

7. Die Entschädigung von Opfern sexueller Gewalt ist noch immer nicht geklärt. Die Möglichkeit "finanzieller Unterstützung therapeutischer Maßnahmen im Einzelfall" (Leitlinien 8) ist ein Almosen und verkennt völlig die Situation der Betroffenen.

8. Die Kirche muss sich - auch in ihrem eigenen Interesse - nachdrücklich für die Aufhebung der Verjährungsfrist einsetzen.

9. Die Verantwortung der Diözesanbischöfe - auch für in der Vergangenheit "intern geregelte" Fälle - muss untersucht werden. Dies betrifft insbesondere den Straftatbestand der Strafvereitelung.

Letztlich ist sexuelle Gewalt in dieser Kirche ein strukturelles Problem:

Das autoritäre und streng hierarchische Kirchenbild fördert soziale, psychische und selbstverständlich auch sexuelle Formen von Gewalt. Daher sind alle Katholikinnen und Katholiken in der Verantwortung - ein demokratisches Leitbild von Kirche wäre mit Partizipation, Transparenz und Machtkontrolle die wirksamste Leitlinie.

Bernd Hans Göhrig
Bundesgeschäftsführer

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Kontakt:
Bernd Hans Göhrig
0179 - 52 44 075
goehrig@ikvu.de

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