zuletzt aktualisiert: 16.05.2010
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Pressemitteilung der IKvu



Ökumenisches Netzwerk
Initiative Kirche von unten - IKvu

Pressemitteilung

Kirchentag der enttäuschten Hoffnung: „Wischi-Waschi-Ökumene“ ohne Relevanz.
Profilierte Gegenveranstaltungen außerhalb des Programms.

16.05.2010. Frankfurt am Main

Der heute zu Ende gehende 2. Ökumenische Kirchentag entlässt engagierte Christinnen und Christen unbefriedigt: Während der 1. ÖKT in Berlin 2003 einen hoffnungsvollen Aufbruch signalisierte, wurde in München die ökumenische Bewegung - trotz theologischer Fortschritte in den letzten Jahren - kirchenpolitisch sinnlos ausgebremst. 

Die einmalige Chance ist damit vertan, gerade im Land der Reformation ein positives Signal für mehr Zusammenarbeit in „versöhnter Verschiedenheit“ zu setzen:

Dieser Kirchentag sollte ein Startschuss für eine neue Qualität des „gemeinsamen Kirche-seins“ sein - und er sollte den Anspruch dieser ökumenisch gewendeten Kirchengemeinschaft formulieren, soziale Gerechtigkeit mit Macht einzuklagen. Stattdessen verstärkte er den anti-ökumenischen Trend rechtskatholischer Kreise und stützte eklatant die neoliberale Zurichtung der Kirchen.

Die Einladung der evangelischen Seite zum Abendmahl für ALLE Christinnen und Christen noch kurz vor dem ÖKT kam viel zu spät – zu lange schon hatten sich die Gremien des ÖKT intensiv darum bemüht, das Niveau der ökumenischen Praxis auf den von Rom erlaubten Stand einzupegeln. Doch diese Taktik ging nicht auf: Tausende nahmen an Gottesdiensten der jeweils anderen Konfession teil, wie sie es gewohnt sind.

Einen negativen Akzent setzte das restriktive Management des Kirchentages besonders für die IKvu: 90 Minuten-Veranstaltungen in viel zu kleinen Räumen führten zu überfüllten Veranstaltungen - dadurch wurden zentrale Themen organisatorisch bewusst an den Rand gedrängt. Auch die Streichung des „Zentrums Afrika“, das von 2003 bis 2009 ein äußerst erfolgreicher Bestandteil des Kirchentags war, ist ein skandalöser programmatischer Fehlgriff.

In Kooperation mit der Zeitschrift PUBLIK FORUM führte die IKvu daher sehr gut besuchte Veranstaltungen AUSSERHALB des Programms in der TU München durch, in denen Kritik am ÖKT nicht fehlte:

Der evangelische Sozialethiker Prof. Ulrich DUCHROW beklagte in einer Veranstaltung zur politischen Theologie von Dorothee Sölle die Mittelmäßigkeit des ÖKT: „Dass ein Podium zu Dorothee Sölle nur noch außerhalb des Programms möglich ist, zeigt die peinliche Anpassung des Kirchentages an den politischen Mainstream nur zu deutlich!“  

Norbert DENEF, der als Jugendlicher vom Pfarrer seiner Gemeinde vergewaltigt worden war, prangerte die Ausgrenzung Betroffener durch den ÖKT an. Dies ist definitiv ein Schandfleck des Kirchentages. Die IKvu hatte den Gremien noch Anfang Februar eine gemeinsame Veranstaltung mit Betroffenen wie Norbert Denef angeboten und war abgeblitzt.  

Der Jesuit Prof. Friedhelm HENGSBACH, Prof. Gotthold HASENHÜTTL und Prof. Fulbert STEFFENSKY votierten angesichts einer „Ökumene light“ für mehr Power von unten – ökumenische Impulse seien vom „Ratzingerpapst“ (Hengsbach) nur in Richtung einer „Beitrittsökumene“ zu erwarten, die die protestantischen Kirchen nicht für voll nehme. Zugleich würden rechte Sekten wie die Piusbruderschaft mit Nachsicht hofiert.

Der Kirchentag war geprägt durch die römische Linie des Taktierens und der Verzögerung, tendenziell langweilige Liturgien wechselten sich mit Alibi-Ritualen ab, während die ökumenische Sehnsucht der TeilnehmerInnen kalt vertröstet wurde. Das war für viele Menschen im Vorfeld absehbar - die eklatant niedrige Teilnahmezahl im Vergleich zum 1. ÖKT trägt dieser Tatsache Rechnung.

Die offensichtliche Ausgrenzung von unliebsamen ökumenischen Persönlichkeiten wie Dorothee Sölle, Klaus-Peter Jörns, Gotthold Hasenhüttl und Joachim Track, von unliebsamen Themen wie der politischen Theologie und sexualisierter Gewalt, von kritischen Gruppen wie dem oekt-Netzwerk und anderen stellt die Frage in den Raum, ob ein alternativer „Kirchentag von unten“ wieder auf der Tagesordnung steht.

Die Instrumentalisierung der Ökumene und das Abdrängen gesellschaftpolitisch brisanter Themen in einer Art relevanzfreier „Wischi-Waschi-Ökumene“ durch die Gremien des Münchner ÖKT lässt einen 3. Ökumenischen Kirchentag nicht mehr sinnvoll erscheinen: Wenn ein ÖKT 2017 lediglich als Staffage der bunten Bilder für das Reformationsjubiläum dienen würde, sollte man aus Anstand auf ihn verzichten.

Soll er jedoch Kirchengemeinschaft in „versöhnter Verschiedenheit“ feststellen und auf dieser Basis gesellschaftspolitische Relevanz anstreben, ist damit der Zeitplan vorgegeben und die Verantwortlichen oben UND unten, in Kirchengemeinden UND Kirchenleitungen müssen ab sofort mit diesem Projekt beginnen. Die Initiative für ein neues Sozialwort der Kirchen wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg nach 2017.

Bernd Hans Göhrig
Bundesgeschäftsführer 

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Kontakt:
Bernd Hans Göhrig
Mobil: 0179 – 52 44 075
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Initiative Kirche von unten (IKvu) ist ein ökumenisches Netzwerk von 38 Basisgemeinden, kirchen- und gesellschaftskritischen Gruppen in der Tradition des politischen Linkskatholizismus und -protestantismus und der Befreiungstheologie.
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