Referat von Prof. Dr. Heinrich Grosse auf dem Jubiläumskongress der IKvu 2006
Christlicher
Widerstand gegen Rassismus, Armut und Krieg am Beispiel Martin Luther Kings
Prof.
Dr. Heinrich Grosse
Wenn es um
"politischen Widerstand" oder auch "christlichen
Widerstand" geht, denken viele Menschen in Deutschland automatisch an
Widerstand gegen totalitäre Regime, gegen Diktaturen. Das liegt in diesem
Jahr des Gedenkens an den mutigen Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer
besonders nahe. Der Gedanke an Aktionen des Widerstands auch in einer
Demokratie ist vielen fremd. Gerade deshalb ist die Erinnerung an Martin
Luther King und seinen christlichen begründeten Widerstand wichtig. Denn
die Tatsache, dass er in einer – wenn auch in vieler Hinsicht
unvollendeten – Demokratie lebte, hinderte ihn nicht an gewaltfreiem
Widerstand gegen Unrechtsstrukturen.
Martin Luther
King, Jr. ist inzwischen so etwas wie ein "ökumenischer Heiliger"
geworden. Er zählt zu jenen zehn Menschen, die als "christliche Märtyrer
des 20. Jahrhunderts" mit einer Statue an der Londoner
Westminster-Abtei geehrt wurden. Bei aller öffentlichen Anerkennung Kings
ist allerdings nicht zu übersehen, dass die Erinnerung an ihn gelegentlich
in der Gefahr steht, Klischees zu fördern. So führt das Klischee vom
"gewaltfreien Märtyrer" oft dazu, Kings politische Perspektiven
zu verkürzen und seine bleibende Herausforderung an uns zu verharmlosen. An
welchen Martin Luther King erinnern wir uns? Blicken wir auf sein Werk
bewundernd, aber eben doch wie auf Vergangenes zurück? Oder inspiriert er
uns zu mutiger Zeitgenossenschaft inmitten der bedrängenden Probleme
unserer Gegenwart?
Ins Licht der
US-amerikanischen Öffentlichkeit trat King im Dezember 1955, als er zum
Sprecher der gewaltfreien Bürgerrechtsbewegung gegen die
Rassendiskriminierung in den städtischen Bussen von Montgomery, Alabama,
gewählt wurde. Die Mehrzahl der BürgerrechtlerInnen stammte aus schwarzen
Kirchengemeinden. King erinnerte sie: "Tief verwurzelt in unserem
religiösen Erbe ist die Überzeugung, dass jeder Mensch Erbe eines Vermächtnisses
von Würde und Wert ist. Unsere jüdisch-christliche Tradition bezeichnet
diese dem Menschen innewohnende Würde mit dem biblischen Begriff des
'Ebenbildes Gottes'." Entsprechend sah King in Rassismus "Götzendienst"
("idolatry"), der auf "Verachtung des Lebens" ("contempt
of life") beruhe.
Die Christen
und Christinnen in der Freiheitsbewegung versuchten ihr Ziel - die Aufhebung
der Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen - mit gewaltfreien Mitteln
zu erreichen: durch Demonstrationen, Sit-ins, Gebetswachen, Geschäftsboykotts
und die Überfüllung der Gefängnisse. In ihren Kirchen übten sie
gewaltfreien Widerstand ein, oft mit Hilfe eines Soziodramas.
King verstand
gewaltfreien Widerstand ("nonviolent resistance"; "nonviolent
direct action") gegen Rassismus als "Christentum in Aktion".
Gewaltfreier Widerstand, so King, will "den Gegner nicht vernichten
oder demütigen. Das Ziel ist ... Aussöhnung.". Er berief sich auf die
Bergpredigt und betonte den inneren Zusammenhang von christlicher
Feindesliebe und Gewaltfreiheit: "Die wahre Bedeutung .. von Mitgefühl
und Gewaltfreiheit liegt darin, dass sie uns helfen, den Standpunkt des
Feindes zu sehen, seine Fragen zu hören."
In einer Rede
vor seinem Mitarbeiterstab (im November 1967) bekannte King:
"Ich weigere mich zu hassen. .. Natürlich könntet Ihr sagen:
'Das ist nicht praktisch. Im Leben kann keiner dem anderen etwas schenken,
man muss zurückschlagen, jeder kämpft gegen jeden.' ..Ich kann darauf nur
antworten, dass die Menschheit dem sog. praktischen Weg nun schon lange Zeit
gefolgt ist, und das hat nur tiefer in Verwirrung und Chaos geführt. ..Wir
müssen damit anfangen, die Menschheit aus der langen und trostlosen Nacht
der Gewalt herauszubringen. Könnte es nicht sein, dass der neue Mensch, den
die Welt braucht, der gewaltfreie Mensch ist?"
Die Anwendung
gewaltfreier Methoden verstand King als Befreiung von dem Zwang, die
herrschenden Werte der Gesellschaft, in der er lebte, zu imitieren. Es ging
ihm um die Durchbrechung des Gewaltzirkels. Er hoffte, mit gewaltfreien
Aktionen den Gegner in einen politischen Lernprozess einzubeziehen. Immer
wieder betonte er: Gewaltfreiheit soll die Befreiung der Unterdrückten wie
der Unterdrücker bewirken.
King war
keineswegs ein naiver Träumer. Er war nicht blind im Blick auf die
institutionalisierte Gewalt, die Gewalt der bestehenden Verhältnisse. So
wies er darauf hin, dass auch die Existenz von Ghettos oder Arbeitslosigkeit
eine Form von Gewalt gegenüber den Betroffenen darstelle. Scharf
kritisierte er Politiker, die, während sie den Vietnam-Krieg unterstützten,
schwarze Ghetto-Bewohner zu Gewaltfreiheit mahnten. Wer Gewaltfreiheit
beschwört, um bestehende Gewaltverhältnisse gegenüber kritischen
Minderheiten zu verteidigen, kann sich nicht auf Martin Luther King berufen!
Im Rückblick
auf die Widerstandsaktionen von Montgomery schrieb King: "Es war mehr
die Bergpredigt als eine Lehre vom passiven Widerstand, die anfangs die
Neger von Montgomery dazu inspirierte, in würdiger Form für ihre soziale
Gleichberechtigung zu kämpfen." In seinem Widerstand gegen Rassismus
war King auch inspiriert von Henry David Thoreaus "Essay on Civil
Disobedience" (1849). Wie Thoreau verstand King seinen Widerstand gegen
die Rassendiskriminierung als "Nicht-Zusammenarbeit mit einem bösen
System" ("non-cooperation with an evil system"). Er war überzeugt:
"Wer das Böse ohne Widerspruch hinnimmt, arbeitet in Wirklichkeit mit
ihm zusammen." "Ein ungerechtes System passiv hinzunehmen, heißt,
mit ihm zusammenzuarbeiten. Dadurch werden die Unterdrückten genauso
schlecht wie die Unterdrücker. Nicht-Zusammenarbeit mit dem Bösen ist eine
ebenso große moralische Pflicht wie Zusammenarbeit mit dem Guten."
In einer
Ansprache während des Busboykotts erinnerte King an Römer 12,2
("Stellt euch nicht dieser Welt gleich!"): "Der Befehl, uns
nicht dieser Welt anzupassen, stammt nicht nur von Paulus, sondern auch von
Jesus Christus, dem entschiedensten Nonkonformisten der Welt".
"Die meisten Menschen, und ganz besonders die Christen" - so King
– "sind Thermometer. Sie zeigen die Temperatur der Mehrheitsmeinung
an. Aber sie sind keine Thermostaten. Sie regeln und ändern die Temperatur
der Gesellschaft nicht." Umso nachdrücklicher forderte King Christen
und Christinnen auf, "schöpferische Nonkonformisten" zu sein,
auch im Widerstand gegen Rassendiskriminierung. "Die Hoffnung auf eine
sichere, lebenswerte Welt ruht auf disziplinierten Nonkonformisten, die für
Gerechtigkeit, Frieden und Brüderlichkeit eintreten." "Die
Rettung der Welt .. wird kommen durch die schöpferische Unangepasstheit
einer nicht-konformen Minderheit." "Die Gesellschaft braucht Störenfriede,
um ihre Spannungen ans Licht zu bringen und ihre Bürger zu zwingen, sich
der Hässlichkeit ihrer Vorurteile und der Tragödie ihres Rassismus bewusst
zu werden." King forderte die Christen und Christinen in den
Kirchengemeinden auf, so nicht-angepasst zu sein wie der Prophet Amos, wie
Abraham Lincoln, wie Jesus von Nazareth. King bekannte: "Ich hatte nie
die Absicht, mich an die Übel der Rassentrennung und Diskriminierung
anzupassen. Ich hatte nie die Absicht, mich an religiöse Frömmelei
anzupassen. Ich hatte nie die Absicht, mich an wirtschaftliche Verhältnisse
anzupassen, in denen vielen das Notwendigste vorenthalten wird, um wenigen
Luxus zu ermöglichen. Ich hatte nie die Absicht, mich an den Irrsinn des
Militarismus und die selbst-zerstörerische Wirkung physischer Gewalt
anzupassen." Dem entsprach Kings Kirchenverständnis: "Es ist
immer Aufgabe der Kirche gewesen, Horizonte zu erweitern, dem Status quo den
Kampf anzusagen und, wenn nötig, mit alten Bräuchen zu brechen." Sein
christlich motivierter Widerstand war zugleich eine Auseinandersetzung mit
der kirchlichen Wirklichkeit, die er vielfach vorfand: "So oft ist die
Kirche eine Verteidigerin des Status quo. Weit davon entfernt, durch die
Gegenwart der Kirche gestört zu werden, werden die Inhaber der Macht in
einem typischen Gemeinwesen beruhigt durch die stillschweigende - und oft
sogar verbale – Absegnung der Zustände, wie sie sind." "Jede
Religion, die behauptet, sie kümmere sich um die Seelen der Menschen, und
sich aber nicht um die Slums kümmert, in denen Menschen zugrunde gehen, um
die wirtschaftlichen Verhältnisse, die ihnen den Hals zuschnüren, und um
die sozialen Verhältnisse, die sie lähmen – eine solche Religion .. ist
von der Art, wie Marxisten sie gern sehen würden: Opium des Volkes."
In unserem
Land gibt es, wenn ich es richtig sehe, eine verbreitete
Politikverdrossenheit, die viele
in dem Gefühl bestärkt: "Man kann ja sowieso nichts
machen!" Da ist es gut, sich an King und seine christlichen (und
nichtchristlichen) MitstreiterInnen zu erinnern. Sie stehen für die
Erfahrung: Wo Menschen sich zusammenfinden, um in gewaltfreien direkten
Aktionen Widerstand gegen Unrechtszustände zu leisten, und so Konflikte öffentlich
machen, da können sie - auch als Minderheit - verändernd wirken. Natürlich
bewahrt sie das nicht vor Erfahrungen des Scheiterns. Sich an King zu
orientieren - könnte das nicht für uns heute heißen: Wir lassen uns nicht
verhärten oder lähmen, wir versuchen weiter, mit unseren begrenzten Kräften
an unserem jeweiligen Ort aktiv beizutragen zur Überwindung von
Unrechtszuständen?
1967 erklärte
King in einer Weihnachtspredigt: "Wir haben die Bedeutung der
Gewaltfreiheit in unserem Kampf um Rassengerechtigkeit in den USA erprobt,
nun aber ist für die Menschen die Zeit gekommen, Gewaltfreiheit in allen
Bereichen menschlicher Konflikte zu erproben, und das bedeutet
Gewaltfreiheit auf internationaler Ebene." Ich finde, diese Überzeugung
Kings ist für uns in Deutschland von besonderer Aktualität. Setzt unsere
Politik nicht immer stärker auf "Konfliktlösung" mit militärischer
Gewalt? Wurden nicht sog. humanitäre Interventionen zynisch dazu benutzt,
uns an immer mehr (m.E. verfassungswidrige) "out-of-area"-Einsätze
der Bundeswehr zu gewöhnen. Mit seinem Plädoyer für Gewaltfreiheit auch
auf internationaler Ebene hat King einen Weg vorgezeichnet, der der Tendenz
zur Remilitarisierung der Außenpolitik diametral entgegengesetzt ist: den
Weg der Rückkehr von militärischen zu (rechtzeitig angewandten!)
politischen Mitteln der Konfliktlösung.
Wenn wir nach
der Aktualität des von King und seinen MitstreiterInnen geübten
christlichen Widerstands fragen, müssen wir auch die Äußerungen und
Aktionen des "späten" King der Jahre 1966-1968 im Blick haben.
Andernfalls wird aus King leicht ein harmloser "Apostel der
Gewaltlosigkeit“, ein von vielen Interessen vereinnahmter
"Heiliger".
Als King nach
schweren Ghettounruhen im Jahr 1965 eine Bilanz des ersten Jahrzehnts der Bürgerrechtsbewegung
zog, musste er feststellen: An der hohen Arbeitslosigkeit und der miserablen
Wohn- und Schulsituation vieler Afro-AmerikanerInnen in den Großstädten
hatte die Aufhebung der Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen wenig
oder gar nichts ändern können. Die bewährten gewaltfreien Methoden
blieben hier weitgehend wirkungslos.
King
verlagerte nun das Schwergewicht seiner Kritik vom Rassismusproblem auf das
Problem der Armut. Er forderte eine "Revolution der Werte":
"Wir müssen schnell damit anfangen, von einer sach-orientierten
Gesellschaft zu einer person-orientierten Gesellschaft zu kommen. Wenn
Maschinen und Computer, Profitbestrebungen und Eigentumsrechte für
wichtiger gehalten werden als Menschen, wird das gigantische Trio von
Rassismus, Materialismus und Militarismus nicht mehr besiegt werden können.
.. Eine echte Revolution der Werte wird den schreienden Gegensatz von Armut
und Reichtum mit großer Unruhe betrachten. .. ."
Wenige Monate
vor seinem Tod entwickelte King einen Plan zur politischen Mobilisierung
aller Unterprivilegierten in den USA. Eine "Kampagne der Armen"
("Poor People`s Campaign") sollte die BürgerInnen der USA mit der
Armut im eigenen Land konfrontieren. Die für das Frühjahr 1968 geplanten
Aktionen massenhaften zivilen Ungehorsams ("massive civil disobedience")
sollten Arme aus allen ethnischen Gruppen vereinen. Ihr Ziel war:
"Macht für die Armen" ("poor people`s power"). Im Frühjahr
1968 kämpfte King noch an anderer Stelle gegen Armut und wirtschaftliche
Ausbeutung: Er unterstützte streikende, unterbezahlte Arbeiter der Müllabfuhr
in Memphis, Tennessee. Es war sein Glaube an die Gotteskindschaft aller
Menschen, der ihn an die Spitze der Demonstrationen führte: "Wir müssen
allen zeigen, dass dreizehnhundert Kinder Gottes leiden." Diese
Solidarisierung mit Ausgegrenzten kostete King das Leben. An der
"Kampagne der Armen" konnte er nicht mehr teilnehmen.
"Macht für
die Armen" und die damit verbundene Thematisierung des Armuts- bzw.
Reichtums-Problems sind auch für uns in Deutschland von großer Aktualität,
denn die Aufspaltung unserer Gesellschaft in Arme und Reiche schreitet
dramatisch fort.
Seit Ende des
Jahres 1966 sprach King ständig von dem Zusammenhang zwischen Rassismus,
Armut und Krieg: "Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Übel des
Rassismus, der wirtschaftlichen Ausbeutung und des Militarismus alle
zusammenhängen." Die Erkenntnis dieses Zusammenhanges führte King in
die erste Reihe der Vietnamkriegsgegner.
Zunächst
hatte er, obwohl er Mitglied des pazifistischen "Versöhnungsbundes"
war, gezögert, offen gegen den Vietnamkrieg Stellung zu beziehen. Führende
Bürgerrechtler fürchteten zu Recht, dass die politische und finanzielle
Unterstützung der Bürgerrechtsbewegung durch weiße Liberale gefährdet
sei, wenn King deutlich die Regierungspolitik kritisiere. Viele
Afro-AmerikanerInnen hatten zudem Angst vor dem Vorwurf, keine echten
Patrioten zu sein. King brach mit dieser Tradition in der Überzeugung:
"Es kann eine Zeit kommen, in der Schweigen Verrat bedeutet."
"Ich habe selbst jahrelang Gewaltfreiheit gepredigt: Wäre es nicht
inkonsequent, wenn ich nicht gegen den Vietnamkrieg Stellung nähme?"
Genau ein Jahr
vor seinem Tod erklärte King in einer eindrucksvollen Antikriegsrede in der
New Yorker Riverside-Kirche: "Ich muss meiner Glaubensüberzeugung treu
bleiben, mit allen Menschen zu den Kindern des lebendigen Gottes zu gehören.
Diese Berufung zur Kindschaft und zur Brüderlichkeit geht über die Zugehörigkeit
zu einer Rasse, Nation oder Glaubensgemeinschaft hinaus. Weil ich glaube,
dass dem Vater besonders die Leidenden, Hilflosen und Verachteten unter
seinen Kindern am Herzen liegen, komme ich .. hierher, um für sie zu
sprechen. Es ist unsere Aufgabe, für die Schwachen zu sprechen, für die,
die keine Stimme haben ("to speak for the voiceless"), für die
Opfer unserer Nation, für die, die sie Feinde nennt. Denn keine von
Menschen angefertigte Erklärung kann diese zu weniger machen als zu unseren
Brüdern" ("und Schwestern" - würden wir heute ergänzen
-H.G.).
Der nachdrückliche
Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Rassismus, Armut und Krieg ist auch für
uns als deutsche BürgerInnen von bleibender Aktualität: Wo wir diesen
Zusammenhang wahrnehmen, können wir manche gängigen Erklärungen und
Konfliktlösungsstrategien für innen- oder weltpolitische Probleme nicht
akzeptieren (z.B.: gegen Asylsuchende und Armutsflüchtlinge mehr
Grenzpolizei, Gesetze und Gefängnisse in der "Festung Europa" und
Lager in Afrika; in Konfliktzonen der sog. 3. Welt schnelle Eingreiftruppen
zur Sicherung westlicher Wirtschaftsinteressen).
Von King und
seinen MitstreiterInnen können wir auch lernen: Christlich motivierter
Widerstand gegen Rassismus, Armut und Krieg braucht ökumenische Bündnisse.
Im Rückblick
auf den Busboykott von Montgomery schrieb King: "Ein rühmenswerter
Aspekt der 'Montgomery Bewegung' war die Tatsache, dass Baptisten,
Methodisten, Lutheraner, Presbyterianer, Episkopale und andere mit dem
Willen zusammenkamen, denominationelle/ kirchliche Grenzen zu überschreiten.
... Sie .. sangen und beteten zusammen im gemeinsamen Kampf für Freiheit
und menschliche Würde." In der Vereinigung "Geistliche und Laien
in Sorge um Vietnam" ("Clergy and Laymen Concerned About
Vietnam"), in dessen Präsidium King eintrat, engagierten sich
PastorInnen, Priester, RabbinerInnen und Gemeindeglieder gegen den
Vietnamkrieg. Nicht das Interesse an einer verwaltungsmäßigen oder
doktrinalen Einheit der Konfessionen führte zur Bildung dieser "neuen
Ökumene", sondern die praktische Auslegung des biblischen
Friedenszeugnisses, die gemeinsame Vertretung der elementaren Interessen von
Benachteiligten und Unterdrückten - in diesem Fall von (überwiegend
nicht-christlichen) Menschen in Vietnam.
Die wohl
wichtigste Aufgabe der Kirche sah King darin, "Stimmer derer zu sein,
die keine Stimme haben" ("to be the voice of the voiceless").
Das bedeutet: Vorrangige (wenn auch nicht ausschließliche) Aufgabe
christlicher Kirchen ist die Parteinahme für Ausgegrenzte und Ohnmächtige,
nicht aber die Verfolgung eigener Organisationsinteressen. Dieses
Kirchenverständnis führte King auch zu dem schmerzlichen Urteil: "Für
die Kirchen, .. die in sozialen oder wirtschaftlichen Fragen stumm oder ängstlich
sind, sind wir nicht mehr als Fremde, wenn wir auch dieselben Choräle zur
Ehre Gottes singen."
Dass der in
der Tradition schwarzer Baptisten
in den Südstaaten verwurzelte King ökumenisch dachte und handelte,
war auch eine Konsequenz seines "Traums". King war bewegt von
einem "Traum". Dieser Traum betraf zunächst nur die
US-amerikanischen Schwarzen und ihre Gegner, wie es in der berühmten Rede
von 1963 (im Rahmen des "Marsches auf Washington") zum Ausdruck
kommt: "Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln
von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer
Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können."
Im Laufe
seines dreizehnjährigen öffentlichen Wirkens (1955-1968) hat sich Kings
Vision, sein Traum, ausgeweitet von dem national begrenzten Ziel der
Gleichberechtigung für die Schwarzen in den USA zur Vision einer weltweiten
"beloved community", eines "Welthauses", in dem alle
Menschen - von den Übeln des Rassismus, der Armut und des Militarismus
befreit - geschwisterlich zusammenleben. Nachdrücklich betonte King: „Ich
spreche als ein Bürger der Welt (citizen of the world)“. Entsprechend
forderte er: "Unsere Treueverpflichtungen (loyalties) müssen ökumenisch
(ecumenical) werden, sie dürfen nicht regional begrenzt (sectional)
bleiben. Jede Nation muss jetzt eine sich über alle Schranken
hinwegsetzende Verpflichtung gegenüber der Menschheit als ganzer
entwickeln." "Unsere Treueverpflichtungen müssen über unsere
Rasse, unsere Sippe, unsere Klasse und unsere Nation hinausgehen (transcend),
und das bedeutet: Wir müssen eine Weltperspektive entwickeln." Diese
von King geforderte "Weltperspektive" als "Verpflichtung
gegenüber der Menschheit als ganzer" ist das Gegenteil einer an
Profitinteressen orientierten ökonomischen Globalisierung.
Das "Haus
der Welt", der "Tisch der Brüderlichkeit", die "beloved
community", das "Gelobte Land", der "Auszug aus Ägypten"
- diese Bilder hatten mobilisierende Kraft, weil sie den Bann der schlechten
Gegenwart überwanden. Kings Traum war ein "Traum nach vorwärts"
(E. Bloch).
Was hat dieser
Traum mit uns, mit unserem Christ-Sein und unseren Bemühungen um
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zu tun? Ich bin überzeugt,
dass der lange Weg zu diesen Zielen angesichts vieler Ohnmachtserfahrungen
und Rückschläge nur durchzuhalten ist, wenn er von einer Vision, von einem
Traum im Sinne Kings inspiriert ist. Der "Kältestrom" der Analyse
muss begleitet sein von dem "Wärmestrom" hoffnungsstiftender
Bilder, in denen die Zukunft symbolisch vorweggenommen wird. So stellt sich
uns mit der Erinnerung an Martin Luther King die Frage: Welcher Traum bewegt
uns als ChristInnen, als BürgerInnen in Deutschland?
Überblickt
man die dreizehn Jahre des öffentlichen Wirkens von Martin Luther King,
Jr., so wird deutlich: In seinem christlich motivierten Widerstand ließ er
sich immer wieder zu neuen Positionen und Aktionen herausfordern. Er war ein
Mensch auf einem Weg. In Montgomery hatte er zunächst nur höfliche
Behandlung der Schwarzen, nicht einmal die Aufhebung der Rassentrennung
gefordert! Dreizehn Jahre später schickte er sich an, im Rahmen der
"Kampagne der Armen" Aktionen massenhaften zivilen Ungehorsams am
Regierungssitz zu organisieren. Während er 1964 als Friedensnobelpreisträger
große öffentliche Anerkennung erfuhr, riskierte er in seinen beiden
letzten Lebensjahren gesellschaftliche Ächtung wegen seiner prophetischen
Kritik an den Mächtigen.
Sein
christlicher Glaube machte ihn bereit, einen Preis für seinen Widerstand, für
seine "schöpferische Unangepasstheit" zu zahlen: "Wir irren
uns gewaltig, wenn wir meinen, Religion schütze uns vor den Schmerzen und
Agonien moralischer Existenz. .. Wer Christ sein will, muss sein Kreuz auf
sich nehmen, mit all dem, was es an Schmerzen und Spannungen bringt."
Leiden in der Nachfolge Jesu war bei King "nicht Bereitschaft, sich dem
Unrecht zu beugen, sondern die Bereitschaft, die Folgen des Widerstands
dagegen zu tragen." (H.-E. Bahr).
Bis 1968
registrierte der FBI 50 gegen King gerichtete Attentatspläne. Was gab King
die Kraft, seinen gewaltfreien Widerstand gegen Rassismus, Armut und Krieg
durchzuhalten - allen Anfechtungen, Inhaftierungen, Todesdrohungen,
Misserfolgen und Selbstzweifeln zum Trotz?
Es war sein christlicher Glaube, der sich stützte auf das religiöse
Erbe schwarzer ChristInnen in den Südstaaten der USA. Kings Glaube war
bestimmt von der Hoffnung auf den befreienden Gott, von der Erinnerung an
die prophetischen Visionen menschlichen Zusammenlebens in Gerechtigkeit (bei
Amos, Hosea, Jesaja, Jeremia) und an Jesu Eintreten für "die, die
keine Stimme haben". Immer wieder berief er sich auf die
Exodus-Tradition von der Befreiung aus der Sklaverei; auf das Amos-Wort:
"Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie
versiegender Bach." (Amos 5,24); auf das in Lukas 4,18 von Jesus
zitierte Jesaja-Wort (Jes. 61,1): "Der Geist des Herrn ruht auf mir,
denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen
eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde
und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit
setze."
Fast vier
Jahrzehnte nach Kings Tod ist seine Vision einer geschwisterlichen
Weltgemeinschaft und von Gewaltfreiheit auf internationaler Ebene keine
Realität. Aber wenn wir - durch die Erinnerung an ihn ermutigt – in
Worten und Taten "sprechen für die, die keine Stimme haben", ist
sein Traum unter uns lebendig.
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Anmerkung:
Die meisten King-Zitate sind entnommen: Martin Luther King, Ich habe einen Traum, hg. von Hans-Eckehard Bahr und Heinrich W. Grosse, Düsseldorf 2003
