Einführung in das Atelier 3 - "Strukturwandel der Kirche"
Dr. Ferdinand Kerstiens, Marl
Die Strukturen
der Kirche müssen sich nach ihrem grundlegenden Auftrag richten. Dazu heißt
es programmatisch in der Einleitung der Konzilskonstitution „Kirche in der
Welt von heute“:
„Freude und
Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und
Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger
Christi. Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihrem Herzen
Widerhall findet.“ (GS Nr.1)
Ich erinnere
mich noch deutlich an die Überraschung und die Freude, als wir vor 40
Jahren diese Worte hörten und lasen. Wir sahen darin einen fundamentalen
Wandel der Kirche, einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Das erste
Interesse der Kirche ist nicht mehr die eigene Selbstdarstellung in ihrer
hierarchischen Gestalt oder die Vermittlung einer fertigen Botschaft,
sondern ihre Solidarität mit den Menschen, mit ihrer Freude und Hoffnung,
ihrer Trauer und Angst, vor allem der Bedrängten und Ausgegrenzten, der
Armen und Armgemachten.
Auf einmal
waren die Menschen nicht mehr bloß Adressaten einer fertigen Botschaft, die
im Gehorsam anzunehmen war, sondern Partnerinnen und Partner in der
gemeinsame Suche nach der Wahrheit des Lebens, von denen die Kirche erst
einmal zu lernen hat, wo denn der Schuh drückt, um darauf im Sinne Jesu
antworten zu können.
Auf einmal
waren die Menschen nicht mehr bloß Objekte einer fertigen
moraltheologischen Beurteilung (Verurteilung), sondern ihre Situation kam in
den Blick, ihre Sorgen und Ängste, die im Hintergrund ihres Handelns
standen.
Das erfordert
natürlich ein sorgsames und wachsames Hinhören auf die Menschen: Wo sind
ihre Freuden, wohin geht ihre tiefste Hoffnung, wovor haben die Menschen
Angst, wo und aus welchen Gründen droht die Trauer oder die Resignation sie
zu überwältigen, dass sie nicht mehr weiter können?
Wir sahen
damals in diesem Stellungswechsel eine fundamentale Bekehrung unserer
Kirche, einer Bekehrung zu den Menschen, die nicht Objekte kirchlichen
Handelns sind, sondern Subjekte ihres Glaubens werden, -- für die
Mitglieder der Kirche hieß das: Teil der königlichen Priesterschaft und
des auserwählten Volkes, für alle Menschen: Entdeckung ihrer einmaligen Würde
und ihrer Rechte, die ihnen keiner nehmen darf. Wir sahen darin eine neue
Inkarnation, eine Menschwerdung der Kirche, die dringend anstand. Wir sahen
darin die Nachfolge Jesu, der alle Herrlichkeit und Macht von sich tat, sich
arm machte, Mensch unter Menschen, ihnen ganz nahe in Freude und Hoffnung,
in Trauer und Angst, in Leben und Tod. Wir sehen das ja in vielen Berichten
der Evangelien. Das meint genau dies, was wir in heutiger Sprache unter
Solidarität verstehen, Solidarität mit allen Menschen, unabhängig ob sie
zur Kirche gehören oder nicht.
Jesus
So war und so
ist Jesus: Den Ausgegrenzten (vgl. Mk 3,1-6 und viele andere Stellen) stellt
er in die Mitte, nicht um ihn bloß zu stellen, sondern um deutlich zu
machen, wer für ihn, für seinen Gott in der Mitte zu stehen hat. So ruft
er den Mann mit der verdorrten Hand in die Mitte. Bisher musste er am Rande
sitzen, höchstens geduldet, aber ausgeschlossen. Der Mensch in der Mitte,
der leidende, ängstliche, der ausgegrenzte, der höchstens mitleidig
betrachtete Mensch. Jesus stellt diesen Menschen in die Mitte, damit keiner
sagen kann, er habe ihn nicht gesehen. Die Wächter des rechten Glaubens und
die Synagogenwärter verstummen ob dieser Botschaft. Voll Zorn blickt Jesus
umher. Selten ist von diesem Zorn Jesu so deutlich die Sprache. So
grundlegend ist sein Widerspruch zu seinen Gegnern. Ihnen geht es um die
Aufrechterhaltung der alten Ordnung. Ihm geht um diesen Menschen, und
deswegen geht es um seinen Gott, um den Gott auf der Seite der Menschen, um
den Gott Israels, der Moses sagt: Ich habe die Klage meines Volkes gehört
und sein Elend gesehen (vgl. Ex 3). Diesem Gott kann man nicht dienen, wenn
man den Menschen, seine Freude und Hoffnung, seine Trauer und Angst aus den
Augen verliert. Auch der Gegenpartei wird dieser grundsätzliche Konflikt
deutlich: Sie gingen hinaus, um mit den Anhängern des Herodes zu überlegen,
wie man Jesus beseitigen kann.
Die
nachkonziliare Entwicklung
Doch die
nachkonziliare Entwicklung der Kirche hat der Menschwerdung Jesu, dieser
Bekehrung zu den Menschen nicht Stand gehalten. Es setzten sich wieder
vielfach die Synagogenwärter und Gesetzeslehrer durch, getrieben von der
Angst, durch die Öffnung für die Menschen könnte die Eindeutigkeit der
Lehre und die hierarchische Einheit der Kirche in Gefahr geraten. Die
Unterdrückung der Befreiungstheologie, die gerade aus diesem Anfangssatz
der Konzilserklärung und aus dem Ernstnehmen der Not der Menschen ihre
Kraft bekam, das starre Festhalten an einer alten Sexualmoral, die selbst
angesichts von AIDS nicht ihre eigene Unmenschlichkeit wahrnimmt, die Verdächtigung
aller kontextuellen Theologie in den verschiedenen Kontinenten, vor allem
auch der Theologie von Frauen, die bleibende und immer wieder erneuerte
Verurteilung von Homosexuellen, deren Freude und Hoffnung, Trauer und Angst
man eben gerade nicht wahrnimmt, die Verweigerung des Priesteramtes für
Frauen, das Festhalten am Zölibat und viele andere Entscheidungen
versuchen, den Anfangssatz der Erklärung über die Kirche in der Welt von
heute zum umgehen oder besser: ihn rückgängig zu machen. So zumindest
haben es viele Gläubige empfunden, ich auch.
Wie hat also
die Kirche auszusehen, wenn sie den Auftrag Jesu weiterführen und dem
Eingangssatz der Konzilskonstitution gerecht werden will? Dazu hat Karl
Rahner zwischen Konzil und Deutscher Synode in seinem Büchlein
„Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“ Vorschläge gemacht,
die auch heute noch aktuell und wegweisend sind.
