zuletzt aktualisiert: 06.04.2007
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Einführung in das Atelier 3 - "Strukturwandel der Kirche"




 
Dr. Ferdinand Kerstiens, Marl

Die Strukturen der Kirche müssen sich nach ihrem grundlegenden Auftrag richten. Dazu heißt es programmatisch in der Einleitung der Konzilskonstitution „Kirche in der Welt von heute“:

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihrem Herzen Widerhall findet.“ (GS Nr.1)

Ich erinnere mich noch deutlich an die Überraschung und die Freude, als wir vor 40 Jahren diese Worte hörten und lasen. Wir sahen darin einen fundamentalen Wandel der Kirche, einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Das erste Interesse der Kirche ist nicht mehr die eigene Selbstdarstellung in ihrer hierarchischen Gestalt oder die Vermittlung einer fertigen Botschaft, sondern ihre Solidarität mit den Menschen, mit ihrer Freude und Hoffnung, ihrer Trauer und Angst, vor allem der Bedrängten und Ausgegrenzten, der Armen und Armgemachten.

Auf einmal waren die Menschen nicht mehr bloß Adressaten einer fertigen Botschaft, die im Gehorsam anzunehmen war, sondern Partnerinnen und Partner in der gemeinsame Suche nach der Wahrheit des Lebens, von denen die Kirche erst einmal zu lernen hat, wo denn der Schuh drückt, um darauf im Sinne Jesu antworten zu können.

Auf einmal waren die Menschen nicht mehr bloß Objekte einer fertigen moraltheologischen Beurteilung (Verurteilung), sondern ihre Situation kam in den Blick, ihre Sorgen und Ängste, die im Hintergrund ihres Handelns standen.

Das erfordert natürlich ein sorgsames und wachsames Hinhören auf die Menschen: Wo sind ihre Freuden, wohin geht ihre tiefste Hoffnung, wovor haben die Menschen Angst, wo und aus welchen Gründen droht die Trauer oder die Resignation sie zu überwältigen, dass sie nicht mehr weiter können?

Wir sahen damals in diesem Stellungswechsel eine fundamentale Bekehrung unserer Kirche, einer Bekehrung zu den Menschen, die nicht Objekte kirchlichen Handelns sind, sondern Subjekte ihres Glaubens werden, -- für die Mitglieder der Kirche hieß das: Teil der königlichen Priesterschaft und des auserwählten Volkes, für alle Menschen: Entdeckung ihrer einmaligen Würde und ihrer Rechte, die ihnen keiner nehmen darf. Wir sahen darin eine neue Inkarnation, eine Menschwerdung der Kirche, die dringend anstand. Wir sahen darin die Nachfolge Jesu, der alle Herrlichkeit und Macht von sich tat, sich arm machte, Mensch unter Menschen, ihnen ganz nahe in Freude und Hoffnung, in Trauer und Angst, in Leben und Tod. Wir sehen das ja in vielen Berichten der Evangelien. Das meint genau dies, was wir in heutiger Sprache unter Solidarität verstehen, Solidarität mit allen Menschen, unabhängig ob sie zur Kirche gehören oder nicht.

Jesus

So war und so ist Jesus: Den Ausgegrenzten (vgl. Mk 3,1-6 und viele andere Stellen) stellt er in die Mitte, nicht um ihn bloß zu stellen, sondern um deutlich zu machen, wer für ihn, für seinen Gott in der Mitte zu stehen hat. So ruft er den Mann mit der verdorrten Hand in die Mitte. Bisher musste er am Rande sitzen, höchstens geduldet, aber ausgeschlossen. Der Mensch in der Mitte, der leidende, ängstliche, der ausgegrenzte, der höchstens mitleidig betrachtete Mensch. Jesus stellt diesen Menschen in die Mitte, damit keiner sagen kann, er habe ihn nicht gesehen. Die Wächter des rechten Glaubens und die Synagogenwärter verstummen ob dieser Botschaft. Voll Zorn blickt Jesus umher. Selten ist von diesem Zorn Jesu so deutlich die Sprache. So grundlegend ist sein Widerspruch zu seinen Gegnern. Ihnen geht es um die Aufrechterhaltung der alten Ordnung. Ihm geht um diesen Menschen, und deswegen geht es um seinen Gott, um den Gott auf der Seite der Menschen, um den Gott Israels, der Moses sagt: Ich habe die Klage meines Volkes gehört und sein Elend gesehen (vgl. Ex 3). Diesem Gott kann man nicht dienen, wenn man den Menschen, seine Freude und Hoffnung, seine Trauer und Angst aus den Augen verliert. Auch der Gegenpartei wird dieser grundsätzliche Konflikt deutlich: Sie gingen hinaus, um mit den Anhängern des Herodes zu überlegen, wie man Jesus beseitigen kann.

Die nachkonziliare Entwicklung

Doch die nachkonziliare Entwicklung der Kirche hat der Menschwerdung Jesu, dieser Bekehrung zu den Menschen nicht Stand gehalten. Es setzten sich wieder vielfach die Synagogenwärter und Gesetzeslehrer durch, getrieben von der Angst, durch die Öffnung für die Menschen könnte die Eindeutigkeit der Lehre und die hierarchische Einheit der Kirche in Gefahr geraten. Die Unterdrückung der Befreiungstheologie, die gerade aus diesem Anfangssatz der Konzilserklärung und aus dem Ernstnehmen der Not der Menschen ihre Kraft bekam, das starre Festhalten an einer alten Sexualmoral, die selbst angesichts von AIDS nicht ihre eigene Unmenschlichkeit wahrnimmt, die Verdächtigung aller kontextuellen Theologie in den verschiedenen Kontinenten, vor allem auch der Theologie von Frauen, die bleibende und immer wieder erneuerte Verurteilung von Homosexuellen, deren Freude und Hoffnung, Trauer und Angst man eben gerade nicht wahrnimmt, die Verweigerung des Priesteramtes für Frauen, das Festhalten am Zölibat und viele andere Entscheidungen versuchen, den Anfangssatz der Erklärung über die Kirche in der Welt von heute zum umgehen oder besser: ihn rückgängig zu machen. So zumindest haben es viele Gläubige empfunden, ich auch.

Wie hat also die Kirche auszusehen, wenn sie den Auftrag Jesu weiterführen und dem Eingangssatz der Konzilskonstitution gerecht werden will? Dazu hat Karl Rahner zwischen Konzil und Deutscher Synode in seinem Büchlein „Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“ Vorschläge gemacht, die auch heute noch aktuell und wegweisend sind.