Von Ferdinand Kerstiens
Von
oben - von unten
Die IKvu und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken
Hier
geht es nicht um eine genaue Analyse des Verhältnisses von Initiative
Kirche von unten (IKvu) und Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).
Das mag später einmal Gegenstand einer kirchengeschichtlichen Dissertation
sein. Hier geht es um Dokumente, Erinnerungen und Wertungen eines
Beteiligten an dieser Auseinandersetzung. Ich war von Oktober 1982 bis
Januar 1987 Mitglied im Koordinierungs-Kreis der IKvu und habe die
Katholikentage von unten in München 1984 und in Aachen 1986 mit
vorbereitet. Vorher und nachher war ich mehrfach als Vertreter des
Freckenhorster Kreises auf den Delegiertenkonferenzen der IKvu.
Die
Vorgeschichte
1968
- der Katholikentag in Essen gab das Startsignal. Es war die Zeit der großen
Umbrüche in Gesellschaft und Kirche. Gruppen des „Kritischen
Katholizismus" bereiteten sich auf eine kritische Begleitung des
Katholikentages vor. Das Holländische Pastoralkonzil und der ebenfalls in
Holland entwickelte Erwachsenenkatechismus (1966) hatten nach dem Konzil den
Boden bereitet. Da platzte im August die Veröffentlichung der Enzyklika
„Humane Vitae" (die sogenannte "Pillen-Enzyklika", die
KatholikInnen jede "künstliche" Empfängnisverhütung untersagt)
mitten in die Vorbereitungen für den Katholikentag. Sie bestimmte sein
Gesicht, denn viele Veranstaltungen wurden von den Teilnehmerinnen
umfunktioniert in einen Protest gegen die päpstliche Erklärung.
Vielen Menschen wurde endgültig deutlich, dass die Entscheidungen in der
Kirche fern von ihren Lebenserfahrungen gefällt wurden. Die Forderung
nach einer deutschen Synode wurde lautstark von vielen Gruppen vorgetragen.
Dem konnten sich die Bischöfe nicht entziehen und beschlossen die Synode
der westdeutschen Bistümer, die dann von 1971 bis 1975 stattfand. Zum
ersten Mal wurde ein Katholikentag von den TeilnehmerInnen, also von unten
her, bestimmt.
1971
- das Ökumenische Pfingsttreffen in Augsburg, organisiert vom ZdK und vom
Deutschen Evangelischen Kirchentag. Erstmals nahmen viele Teilnehmerinnen gegen
die offizielle Planung und Weisung an Abendmahl bzw. Eucharistiefeier der je
anderen Konfession teil. Deswegen fand das Ökumenische Pfingsttreffen keine
Fortsetzung - bis zur Ankündigung eines Ökumenischen Kirchentages im
Jahre 2003. Wiederum ist dabei die Frage nach der gegenseitigen Teilnahme an
Abendmahl und Eucharistie zentral.
1978
- der Katholikentag in Freiburg setzte nach Abschluss der Synode neue Signale.
Auf dem Platz vor dem Freiburger Münster hielt eine Gruppe ihr Transparent
hoch: der Arbeitskreis Kirche und Zölibat. Ständig wurden die engagierten
Mitglieder dieses Kreises umlagert, der für die Aufhebung des Zölibats für
Priester und für die Priesterweihe von Frauen eintrat und über 5000
Katholikentags-Teilnehmerlnnen für eine Unterschrift unter diese
Forderungen gewann. Gleichzeitig tagte jeden Abend nach den Veranstaltungen
in einem Restaurant zu Füßen des Münsters eine offene Gruppe, die sich
vor allem aus Mitgliedern des Bensberger Kreises und der Arbeitsgemeinschaft
von Priester- und Solidaritätsgruppen (AGP) zusammensetzte. Sie waren als
einzelne Personen zur Mitwirkung bei Podiumsdiskussionen, Bibelarbeiten und
Gottesdiensten eingeladen. Ich erinnere mich noch gut an Karl Rahner, an
Hans Werners und Willi Kreiterling, um nur die bereits Verstorbenen zu
nennen. Wir sprachen miteinander über unsere Erfahrungen und stellten
immer wieder fest, dass wir unsere Anliegen dank der Auswahl der anderen
TeilnehmerInnen und der Katholikentagsstrategie nicht ausreichend einbringen
konnten. Wir wurden uns einig, dass dies so nicht weitergehen dürfte und
wir neue Initiativen ergreifen müssten. Daraus entstanden dann die ersten
Kontakte zwischen AGP, dem Bensberger Kreis und anderen Interessierten, die
zum Katholikentag von unten 1980 in Berlin führten.
Der
erste Katholikentag von unten
Im
Laufe des Jahres 1979 fanden dann viele Gespräche statt. Es beteiligten
sich neben den eben genannten Gruppen die Leserinitiative Publik, der
Kontaktkreis Synode, die Arbeitsgemeinschaft der Studenten- und
Hochschulgemeinden (AGG), der Bund der deutschen katholischen Jugend (BdKJ)
und die neugegründete Berliner Arbeitsgruppe „Katholikentag von
unten". Schnell wurde dies zum bekannten Logo: „Katholikentag von
unten", „Kvu".
Wie
aus den Vorbereitungen zum offiziellen Katholikentag deutlich wurde,
sollten Themenkreise wie Basisgemeinde und Demokratisierung der Kirche, Politische
Theologie, Befreiungstheologie, und auch gesellschaftliche Themen wie das
Problem der atomaren Rüstung, der Überwindung von Ausbeutung, der
Randgruppen ausgeschlossen bleiben. Das machte es nötig, Veranstaltungen
in eigener Regie durchzuführen. Ausdrücklich sprach man nicht von einem
Gegenkatholikentag, sondern verstand die eigenen Veranstaltungen als
„Ergänzung" zum offiziellen Programm. Einen zusätzlichen Schub
bekamen die Vorbereitungen durch den Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis für
Professor Hans Küng im Dezember 1979 - ein zweiter Schlag gegen die
Theologie, nach der Verweigerung der Berufung von Professor Johann Baptist
Metz nach München durch Kardinal Ratzinger. Es war klar, dass es eine
Veranstaltung mit diesen beiden Professoren geben müsse.
Im
März gab es schon 20 Gruppen, die gemeinsam den Kvu planten. Das Wachsen
der Zahl der Unterstützergruppen macht deutlich, wie groß das Potential in
der Kirche war, das unzufrieden mit der kirchlichen Entwicklung und mit
der Programmplanung „von oben" bei den Katholikentagen war und die
verdrängten Fragen und Konflikte in eigenen, unzensierten Veranstaltungen
zur öffentlichen Sprache bringen wollte. Das Zentralkomitee stellte für
die Abrüstungsveranstaltung die Eissporthalle mit 6000 Plätzen zu Verfügung,
jedoch keinen Raum für die Veranstaltung mit Metz und Küng, die dann in
die Freie Universität verlegt werden mußte. Außerdem stellten zwei
evangelische Gemeinden ihre Räume und die Heilig-Kreuz-Gemeinde in
Kreuzberg ihre Kirche zur Verfügung - eine ökumenische Gastfreundschaft,
ohne die der Kvu nicht hätte stattfinden können.
Das
Echo auf den Kvu war überwältigend: 5000 TeilnehmerInnen in der
Eissporthalle mit der Verabschiedung einer „Erklärung katholischer
Christen gegen die Atomrüstung", 3000 bei dem dreistündigen liturgischen
Fest „Der Gott der kleinen Leute", 6000-8000 TeilnehmerInnen bei
dem Streitgespräch über die Zukunft der Kirche mit Metz und Küng sowie
dem Arbeiterpriester Fritz Stahl und Pfarrer Carl-Peter Klusmann von der AGP.
Trotz der Übertragung in das Foyer und verschiedene andere Hörsäle
fanden ca. 2000 keinen Platz mehr. Außerdem gab es 15 Veranstaltungen mit
bis zu 500 TeilnehmerInnen, zwei politische Cafés und einen Markt der Möglichkeiten
in den beiden evangelischen Kirchengemeinden, die ständig überlaufen
waren. Damit hatte keiner gerechnet. Manchmal war die Organisation überfordert.
Es standen ja nur ehrenamtliche MitarbeiterInnen und freiwillige Spenden zur
Verfügung.
Dieser
Zulauf machte deutlich, wie dringend nötig ein alternatives Forum in der
Kirche war. Am 6./7. September
1980 trafen sich die beteiligten Gruppen zur Reflexion und zu neuen Plänen.
Klar war, dass alle weiter arbeiten wollten. Das Kürzel „Kvu" hatte
einen festen Platz im deutschen Katholizismus und in der Öffentlichkeit
gefunden, so dass alle es weiter benützen wollten. Doch sollten
Katholikentage von unten nicht der einzige Zweck des neuen Bündnisses sein.
Da kam das Kürzel IKvu ins Gespräch: die „Initiative Kirche von
unten" wurde geboren!
„Exkommunikation"
durch das ZdK
Natürlich
stand bald neben Großgruppentreffen auch die Vorbereitung des Katholikentages
1982 in Düsseldorf auf dem Programm. Friedrich Kronenberg, der Generalsekretär
des ZdK, hatte alle Gruppen und Verbände eingeladen, Vorschläge für eine
Gestaltung des Katholikentages zu machen. In einer Presseerklärung der IKvu
hieß es dazu am 16. 2. 1981 „Die Initiative Kirche von unten greift diese
Einladung auf und wird an den Trägerverein in Düsseldorf mit einem
Vorschlag für die Teilnahme der Initiative Kirche von unten herantreten.
... Damit will die Initiative ihrerseits dazu beitragen, das gelegentlich in
Berlin beklagte Nebeneinander zu überwinden."
Am
5. 10. 1981 antwortete Herr Kronenberg auf einen detaillierten
Programmvorschau der IKvu. Nach einer allgemeinen Einladung zur Teilnahme
und dem Hinweis, dass auch Mitglieder der Trägergruppen der IKvu als
Referenten, Podiumsteilnehmer etc. gebeten würden, heißt es: „Es wird
jedoch davon abgesehen, Sie als Mitveranstalter des Katholikentages zu
beteiligen, so wie das bei anderen katholischen Organisationen und bei den
Diözesanräten des Laienapostolats geschieht.... Für die Absicht, Sie
nicht als Mitveranstalter des Katholikentages zu beteiligen, war folgender
Grund ausschlaggebend: Seit dem Berliner Katholikentag haben Sie eine
Entwicklung Ihres Selbstverständnisses zurückgelegt, die es uns zunehmend
weniger möglich macht, Sie einfach als einen von den vielen katholischen
Zusammenschlüssen anzusehen, die im Laufe der Zeit auf der Basis des
innerkirchlichen Koalitionsrechtes entstanden sind. Ihre Benennung in Berlin
als ,Katholikentag von unten' war lediglich ein Affront gegenüber dem
Katholikentag; Ihre Benennung heute als ,Kirche von unten' ist eine Anmaßung
gegenüber allen, die in Gruppen, Zusammenschlüssen und Gemeinden die
Kirche bilden und als solche nicht nur am Katholikentag teilnehmen und an
diesem mitwirken, sondern sich darüber hinaus bemühen, die Sendung der
Kirche weiterzutragen."
Im
Klartext heißt dieser Brief: Die über 30 Gruppen in der IKvu, Priester-
und Theologengruppen, der Initiativkreis Laientheologie, die
Arbeitsgemeinschaft der Theologen an den Hochschulen, Basisgemeinden,
Ortsgemeinden, die Studentengemeinden, die Gruppen Homosexuelle und
Kirche, Christenrechte in der Kirche etc. sind in der Kirche illegitim und
nicht bemüht, „die Sendung der Kirche weiterzutragen." Das gleicht
einer Exkommunikation durch das ZdK, auch wenn einzelne VertreterInnen
dieser Gruppen auf Podien etc. eingeladen werden. Das ZdK beansprucht also
das Definitionsrecht für Gruppen, die sich kirchlich nennen dürfen.
Damit
war die Situation klar, und der Katholikentag von unten 1982 in Düsseldorf
wurde geplant. Die IKvu hatte mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen wie
in Berlin: Räume, Organisation, ReferentInnen, Geld. Wiederum wurde für
eine Friedensveranstaltung ein Saal vom ZdK zur Verfügung gestellt.
Wiederum übten zwei evangelische Gemeinden Gastfreundschaft. Auch in einer
katholischen Kirche konnte ein Gottesdienst stattfinden. Wiederum war der
Zulauf groß.
Das
herausragende Ereignis war die große Friedensdemonstration auf den
Rheinwiesen. Dem Aufruf der IKvu hatten sich viele christliche sowie auch
nichtchristliche Friedensgruppen und Organisationen (insgesamt 282
Gruppen) angeschlossen. Mitträger waren die Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste
und der Interkirchliche Friedensrat der Niederlande. In dem Aufruf heißt es
unter anderem: „Wir solidarisieren uns mit der wachsenden Friedensbewegung
in der DDR, die unter dem Prophetenwort ,Schwerter zu Pflugscharen' in
ihrem Bündnis für Abrüstung eintritt." Die Aussagen sind: „Frieden
in Europa drückt sich durch drei Fähigkeiten aus: niedriges Niveau der
Bewaffnung - Verwirklichung der Menschenrechte - Selbstbestimmung der Völker."
Deswegen auch die Forderung an die Bundesregierung, „ihre Zustimmung zum
Beschluß über die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen zurückzuziehen."
40.000 bis 50.000 TeilnehmerInnen unterstrichen diese Forderung. Während
der Schlußkundgebung landete auf der anderen Rheinseite die
Schiffsprozession des offiziellen Katholikentages. Sie wurde von den
Teilnehmerinnen der Schlußkundgebung als Friedensdemonstration anderer Art
herzlich begrüßt.
Der
Kern der Auseinandersetzung 1982/83
Am
15. 10. 1982 beschloss die Delegiertenversammlung der IKvu: „Die IKvu wünscht
eine Teilnahme am 88. Deutschen Katholikentag in München und ist zur
Mitarbeit bereit, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:
-
daß keine der Mitgliedsgruppen der IKvu von der Teilnahme ausgeschlossen
ist,
- daß keine Eingriffe in das Programm der IKvu erfolgen,
- daß der IKvu für die gesamte Zeit ein Ort zur Verfügung gestellt
wird."
Als
Antwort auf den Brief der IKvu vom 9. 12. 1982 übersandte der Generalsekretär
des ZdK, Friedrich Kronenberg, am 20. 12. 1982 den Text seines Vortrages über
„Trägerschaft, Mitträgerschaft, Beteiligung und Teilnahme - strukturelle
Fragen bei Katholikentagen", den er bei der Vollversammlung des ZdK am
12./13. 11. 1982 gehalten hatte und der zustimmend zur Kenntnis genommen
worden sei. Dieser Text blieb die Grundlage der Auseinandersetzung für
viele Jahre. Es geht dabei um zwei Problembereiche: a) die Frage nach den
beteiligten Gruppen und b) die Voraussetzungen für die Mitträgerschaft
bei den Katholikentagen.
A)
Kronenberg umreißt in seinem Vortrag den Ausgangspunkt der Überlegungen
im ZdK folgendermaßen: „Die Initiative (= IKvu) hatte in der Öffentlichkeit
immer wieder die Sorge geäußert, dass das Zentralkomitee Zensur ausüben
wolle. Wir mussten uns natürlich fragen, was soll dieser ständige
Vorwurf ,Zensur'." Nach dieser vorsichtigen Zurückweisung des Vorwurfs
folgt unmittelbar anschließend die Bestätigung der Zensur. Drei Gruppen
der IKvu werden namentlich genannt, mit denen das ZdK nicht zusammenarbeiten
könne:
„Zur
sogenannten Initiative , Kirche von unten' gehört auch die Gruppe ,Christen
für den Sozialismus'. Diese Gruppe ,Christen für den Sozialismus' hat ein
eindeutiges Verhältnis zur Gewalt. Dieses Verhältnis ist nicht etwa wie
bei vielen GRÜNEN ungeklärt, sondern hier ist es eindeutig geklärt, nämlich
im Sinne der Bejahung von Gewalt. Die Gruppe ,Christen für den Sozialismus'
ist eine Gruppe, mit der wir nicht zusammenarbeiten können."
„Es
gibt eine zweite Gruppe: ,Homosexuelle und Kirche', eine
Arbeitsgemeinschaft, die nicht konfessionell ausgerichtet ist. ... Es geht
dieser Gruppe primär ... darum, den ,kirchlichen Segen' zu bekommen für
eine Verhaltensweise, die nach kirchlichem Verständnis nicht in Ordnung
ist, zugestanden zu bekommen, dass die Homosexualität eine Lebensform
ist, gleichberechtigt neben anderen. Auch hier sehe ich keine Möglichkeit,
das auf einem Katholikentag zu vertreten."
„Später
gab es eine dritte Gruppe, das ist die Gruppe der ,Alternativ-Katholiken',
wie sie sich nennen. Dahinter verbergen sich die Altkatholiken unter der Führung
eines ehemaligen katholischen Geistlichen, und diese Gruppe hat nur im Sinn,
Anhänger zu rekrutieren. ... Irgendwo gibt es Grenzen."
Zusammenfassend
heißt es: „Sie sehen, es geht also um objektive Fragen und Schwierigkeiten,
und wenn das Gegenüber zu uns sagt, nur wir alle gemeinsam oder keiner,
dann müssen wir feststellen, dass eine Integrationsbereitschaft der
Gruppen, die aus unserer Sicht integrationsfähig sind, nicht besteht. ...
Katholikentage sind Veranstaltungen, die nicht in der Lage sind, mit
solchen Problemen zu leben, und die nicht in der Lage sind, solche Probleme
zu lösen."
Kein
Raum für neue Entwicklungen
B)
Kronenberg unterscheidet in seinem Vortrag zwischen dem Träger, den Mitträgern,
Beteiligten und Teilnehmern von Katholikentagen. Der Träger ist das ZdK
zusammen mit dem gastgebenden Bistum. „Die Mitträger eines
Katholikentages sind alle Mitglieder des Zentralkomitees und das, was sie
vertreten: also die Verbände, die Räte und die Gemeinschaften, die sie
repräsentieren. ... Im Grunde geht es darum, daß diejenigen zu den Mitträgern
zählen können und auch sollen, die Mitträger des verfassten
Laienapostolats in der Kirche sind, die bereit sind, sich zu integrieren und
auch wirklich mitmachen."
Die
„Beteiligten" sind Einzelpersonen, die zu bestimmten Foren etc.
eingeladen werden. „Teilnehmer" können alle werden. Es geht also
um die Frage der „Mitträger". Dazu eine eindeutige Folgerung:
„Sollte eine Mitträgerschaft im Katholikentag gewünscht werden, so müßten
wir allerdings auf die dafür erforderliche Integration in die verfaßten
Strukturen des Laienapostolats verweisen. Ohne eine Integration in das
Laienapostolat der Kirche auf den von Konzil und Synode gewiesenen Wegen ist
eine Integration in die Trägerschaft von Katholikentagen nicht möglich."
Damit
ist der Preis für die Mitträgerschaft genannt: Die IKvu muss sich von drei
ihrer Mitgliedsgruppen trennen und muss sich selbst in die vorhandene
Struktur des Laienapostolats einordnen. Für neue Entwicklungen lässt das
ZdK keinen Raum. Diesen Preis konnte die IKvu natürlich nicht zahlen, ohne
sich aufzugeben.
Noch
eines ist im Brief und in dem Vortrag von Kronenberg bemerkenswert: Er
spricht immer von der „sogenannten Initiative ,Kirche von unten'".
Ist es nicht ein Gebot der Fairness in allen Auseinandersetzungen, dass man
den anderen Partner so anredet, wie er sich nennt?
Die
Antwort der IKvu
Wegen
der Wichtigkeit dieser Fragen sei auch der Antwortbrief der IKvu vom 7. 4.
1983 hier ausführlich zitiert. Zunächst werden die Vorwürfe an die drei
Gruppen widerlegt:
„Die
Christen für den Sozialismus haben weder in der Bundesrepublik noch auf
internationaler Ebene sich ,im Sinne einer Bejahung von Gewalt' ausgesprochen.
Es ist uns darum unerklärlich, wie Sie Ihre Behauptung begründen wollen.
Die Stellungnahme der Christen für den Sozialismus zu revolutionärer
Gewalt in Ländern wie El Salvador, die unter der Gewalt von Unterdrückern
leiden, ist im übrigen identisch mit der Wertung Papst Pauls VI. in
seiner Enzyklika ,Populorum progressio'."
Zum
Arbeitskreis Homosexuelle und Kirche (HuK): „Es geht dem Arbeitskres nicht
darum, eine kirchliche Erlaubnis oder Billigung (etwa durch das
Zentralkomitee der deutschen Katholiken) zu erlangen. Er sucht vielmehr ganz
selbstverständlich auch auf Katholikentagen - das Gespräch mit
katholischen Mitchristen, um die nicht nur in der Kirche verbreitete
Unsicherheit zwischen Heterosexuellen und Homosexuellen abzubauen. Auch
(sexuelle) Minderheiten sind durch die Taufe Glieder des einen Leibes
Christi, freie Subjekte des Volkes Gottes, und nicht bloß Objekte der
Seelsorge."
Zum
Arbeitskreis Alternativer Katholizismus: Konflikte mit diesem Arbeitskreis
werden zugegeben. Doch: „Demgegenüber ist festzuhalten, dass keine Gruppe
in der Initiative Kirche von unten dem Arbeitskreis Alternativer
Katholizismus unterstellt, nur Anhänger rekrutieren zu wollen. ... Die
Zusammenarbeit mit dieser Reformgruppe innerhalb des altkatholischen
Bistums in Deutschland ist weiterhin erwünscht." Im übrigen wird
die Hoffnung ausgedrückt, dass Rom die bereits 1974 von der deutschen
Bischofskonferenz verabschiedete „Vereinbarung über pastorale Hilfen
zwischen der altkatholischen und römisch-katholischen Kirche in
Deutschland" genehmigt.
Da
die Vorwürfe gegen die drei Gruppen unbegründet sind, erwartet die IKvu
eine Korrektur der Entscheidung des ZdK.
Dialog
und Integration
Längere
Ausführungen macht die IKvu in ihrem Brief zur Frage der Integration und
zum Dialog: „Sie fragen uns ,Wollt ihr euch integrieren?'. Diese Frage können
wir wie in der Vergangenheit nur bejahen. Strittig ist jedoch, was sachlich
mit Integration gemeint ist - und vor allem: wer die den anderen ein- oder
ausschließenden Bedingungen setzt." Soll es eine Integration in die
bestehenden Strukturen des Zentralkomitees sein? Dann allerdings sieht sich
die IKvu dazu nicht in der Lage. „So gibt es nun einmal auch in der
Bundesrepublik katholische Gemeinden und Gruppen, die mit den überkommenen
Strukturen nicht erfaßt werden können, die gleichwohl aktive
Gliederungen der Kirche sind und offenbar auch an Zahl zunehmen."
Solange
das ZdK sich nicht in der Lage sieht, diesen neuen Gruppen auch strukturell
einen Raum zu geben, sieht die IKvu keine Chance zur Integration. Deswegen
fordert sie einen Dialog über diese Fragen, dessen Ergebnis nicht schon im
vorhinein vom ZdK festgeschrieben sein kann. Ausführlich wird dazu als Begründung
die Botschaft zum Weltfriedenstag 1983 von Papst Johannes Paul II. zitiert.
Im Dialog geht es darum, den anderen Partner ernstzunehmen, „und zwar mit
seinen Problemen, mit seinen Rechten, mit den Ungerechtigkeiten, die er
empfindet, und den vernünftigen Lösungen, die er vorschlägt. ... Dialog
setzt also voraus, daß jeder auf dieses Anderssein, diese Besonderheit des
anderen eingeht, daß er genau erfaßt, inwieweit er sich vom anderen
unterscheidet ... Erst recht darf man den anderen nicht zu einem Objekt
machen; vielmehr ist er als ein Subjekt mit Verstand, Freiheit und
Verantwortung zu achten." (Nr.6)
Einen
solchen Dialog erwartet die IKvu mit dem ZdK. Der Brief schließt: „Wir maßen
uns nicht an, ,die Kirche von unten zu sein'. Daß wir andererseits auch
einen etwaigen ,Alleinvertretungsanspruch' anderer Teile der Kirche - z.B.
derjenigen, die durch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken repräsentiert
werden - nicht akzeptieren, dürfte durch das Bisherige deutlich geworden
sein."
Am
28. 4. 1983 antwortet Kronenberg: Er hält an seiner Charakterisierung der
drei Gruppen fest und bemängelt, dass „Sie auf die konkrete Frage nach
der Integrationsbereitschaft in Ihrem Brief keine konkreten Angaben machen.
... Dagegen machen Sie sehr weitschweifige und lange theoretische Ausführungen
über den Dialog." Am Schluss bietet Kronenberg ein Gespräch mit
ZdK-Geschäftsführer Vincens Lissek an. Er selbst ist offenbar nicht dazu
bereit.
Keine
Integration durch Unterordnung
Die
Positionen waren klar: Die IKvu kann sich von ihrem Selbstverständnis her
nicht von den drei genannten Gruppen trennen, um den Bedingungen des ZdK zu
entsprechen. Sie würde sich sonst selbst aufgeben. Deswegen muss sie dem
Versuch der Spaltung durch das ZdK entgegentreten. Ferner ist es gerade ihr
Charakteristikum, dass sich die ChristInnen und die christlichen Gruppen,
die sich in der Initiative zusammenschließen, nicht in den traditionellen
Strukturen des Laienapostolats repräsentiert sehen und sich auch dort nicht
unter den alten Bedingungen integrieren wollen. Zu einer Reform der eigenen
Strukturen, zu einer Öffnung für die vielen neuen Gruppierungen in der
Kirche war das ZdK nicht bereit. (Erst 1995 hat das ZdK seine Statuten dahin
gehend geändert, dass sie - theoretisch - auch Initiativgruppen einen
Beitritt ermöglichen. Die daraufhin gestellten Anträge der
IKvu-Mitgliedsgruppen HuK (Homosexuelle und Kirche) und VkPF (Vereinigung
katholischer Priester und ihrer Frauen) auf Mitgliedschaft im ZdK-„Vorhof'
Arbeitsgemeinschaft katholischer Organisationen Deutschlands wurden jedoch
auch danach noch aus (vorgeschobenen) formalen Gründen abgelehnt.)
Integration
in das ZdK und damit offizielle Beteiligung an den Katholikentagen hätte
auch bedeutet, dass sich die IKvu mit ihren Veranstaltungen und
ReferentInnen unter die Regie der Katholikentags-Programmkommission und
deren sehr enge Referentenkommission hätte einordnen müssen. Schon oft
war diese Kommission durch die Ablehnung mißliebiger Themen und
ReferentInnen aufgefallen. In Ungnade gefallene Theologen (wie etwa Hans Küng
oder Leonardo Boff) und Politiker der GRÜNEN zum Beispiel waren unerwünscht
und wurden von der Referentenkommission gestrichen. Fragen der
feministischen Theologie und der Homosexualität waren nicht zugelassen. Dem
konnte sich die IKvu nicht unterordnen.
Die
Forderung an das ZdK nach einer Beteiligung der Initiative bei der Gestaltung
der Katholikentage hätte jedoch zu einem Kompromiss führen können: Keine
vollständige Integration in die Strukturen des ZdK, wohl aber eine Mitträgerschaft
im Blick auf einzelne Veranstaltungen, ReferentInnen und Räume auf dem
Katholikentagsgelände. Das aber wollte das ZdK nicht. So mussten jeweils
vor den Katholikentagen Einzelabsprachen getroffen werden. Das war ein mühsames
Geschäft. Oft waren da die Lokalkomitees der Katholikentage kooperativer
als das ZdK. Deswegen blieb es grundsätzlich bei einem Nebeneinander der
„Katholikentage von oben" (Kvo), wie man bei der IKvu sagte, und den
„Katholikentagen von unten" (Kvu), wobei „von oben" über
viel Geld verfügte, während „von unten" alles durch Spenden und
freiwillige Beiträge getragen werden musste.
„Die
Theologie der Befreiung lebt!"
Die
Weichen waren durch die grundsätzliche Klärung der Positionen 1982/83
gestellt. Es sollte also in München 1984 wieder einen „Katholikentag von
unten" geben. Seine Schwerpunkte lagen bei Themen, die im Programm
des Kvo nicht oder nur sehr unzureichend vorkamen: Entschiedene „Ablehnung
der Abschreckungspolitik, die sich auf Massenvernichtungswaffen, Ersteinsatz
atomarer Waffen und zunehmend auf offensive Strategiekonzepte stützt",
ein „Arbeitslosentribunal mit dem Titel ,Wo gehobelt wird, da fallen Späne'
..... Darin werden Betroffene und Sachverständige mittels einer
Anklageschrift und Zeugenaussagen systembedingte und konjunkturelle
Auswirkungen der Arbeitslosigkeit aufzeigen"; Workshops von
Frauengruppen und der Gruppe Homosexuelle und Kirche im Löwenbräukeller,
sowie „Einmischaktionen" auf dem offiziellen Katholikentag. (Zitate
aus einer Presseerklärung der IKvu vom 15. 3. 1984)
Eine
geplante ökumenische Eucharistiefeier mit Hans Küng und Jörg Zink führte
noch zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem Ortsbischof Kardinal Wetter,
der Hans Küng mit kirchlichen Strafen drohte, wenn Jörg Zink Texte des
Hochgebetes mitsprechen würde. Bei der „Nacht der Solidarität"
sprach vor 7.000 TeilnehmerInnen unter großem Beifall auch Kardinal Aloísio
Lorscheider aus Brasilien. Er sagte mir anschließend: „Warum lassen sich
eigentlich die deutschen Bischöfe ein solches Forum entgehen?" Er
musste für seine Teilnahme harte Kritik seitens der deutschen Bischöfe und
des ZdK hinnehmen. Er sei schließlich Gast der Bischofskonferenz und des
ZdK, wurde ihm bedeutet. (Dies hatte zur Folge, dass 1990 beim Katholikentag
in Berlin Kardinal Paulo Arns aus Sao Paulo eine Einladung zu einer
Veranstaltung des Katholikentages von unten mit dieser Begründung, aber
zugleich mit großem Bedauern ablehnte.
"Ihr
in Deutschland setzt große Hoffnung in uns, und umgekehrt setzen wir in
Lateinamerika große Hoffnung in Euch. Was wir von Euch erwarten? Stellt
Euch die Frage: Habt Ihr in Deutschland keine Unterdrückten? Ihr müßt
anfangen, denen bei der Befreiung beizustehen, die bei Euch in Deutschland
unterdrückt sind. Wenn Ihr die Befreiung bei Euch erfahrt, dann könnt Ihr
uns damit die größte Solidarität erweisen. ... Und ein zweites wünschen
wir uns von Euch: Stellt Euch die Frage: Unterdrückt Euer Land, Eure
Wirtschaft andere Nationen? Das ist die zweite Frage, die die Armen in
Lateinamerika an Euch Christen in Deutschland stellen. Es ist eine Aufgabe
christlicher Solidarität, die Ausbeutung in Zukunft zu verhindern."
Kardinal
Aloísio Lorscheider in der "Nacht der Solidarität" zum Abschluß
des Kvu 1984
Als
Beispiel für die Einmischaktionen mag die Eröffnungsveranstaltung des Kvo
dienen: Kardinal Ratzinger hielt die Eröffnungsansprache. Als er begann,
entfaltete die IKvu ein 30 Meter langes Transparent quer über den Platz:
„Trotz Inquisition: die Theologie der Befreiung lebt, Herr
Ratzinger". Damit waren die unterschiedlichen Perspektiven von Kvo und
Kvu abgesteckt. Insgesamt zählte die IKvu bei ihren Veranstaltungen ca.
50.000 TeilnehmerInnen, ein Zeichen dafür, dass viele sich in den
Veranstaltungen des Kvo nicht genügend repräsentiert sahen.
Tischtuch
zerschnitten
Die
Auseinandersetzungen im Vorfeld des Katholikentags in Aachen 1986 glichen
denen vor München. Es gab jedoch einige besondere Akzente: Wichtig war
insbesondere die Feststellung von Kardinal Höffner, dem Vorsitzenden der
Deutschen Bischofskonferenz, im Zusammenhang mit der Diskussion um die
Abtreibung: „Das Tischtuch zwischen den Grünen und der katholischen
Kirche ist zerschnitten." Hans Maier unterstrich als Präsident des
ZdK diese Trennung. Das hatte zur Folge, dass PolitikerInnen der GRÜNEN
wie Joschka Fischer und Petra Kelly nur noch beim Kvu auftreten konnten.
Ein
langes Gerangel gab es über eine gemeinsame Veranstaltung zum Thema:
„Katholische Soziallehre und Theologie der Befreiung". Nur mit Mühe
gelang es, Kuno Fussel von den ChristInnen für den Sozialismus neben mir
als zweiten Vertreter der IKvu auf das Podium zu bekommen - bei sechs vom
ZdK ausgewählten Referenten. Außerdem erwartete der Kvo wie selbstverständlich,
dass alle TeilnehmerInnen dieser Veranstaltung im Besitz einer Tageskarte
des Kvo seien. Nur nach massivem Protest bekamen die Kvu-Teilnehmerlnnen
unentgeltlich Zugang zum Kvo.
Hans
Maier, der Präsident des ZdK, unterstrich in Aachen vielfach seine
Ablehnung der IKvu. Dazu aus der Presseerklärung der IKvu vom 11. 9. 1986:
„Der Präsident des ZdK, Hans Maier, signalisierte gestern während der
offiziellen Pressekonferenz Kooperationsbereitschaft mit der IKvu: Es gäbe
ja eine gemeinsame Veranstaltung, und die Zusammenarbeit sei auszubauen.
Ganz im Gegensatz dazu wurde er bei einem Fernsehgespräch mit Mariele
Schulze-Berndt von der IKvu ausfällig: Es ginge der IKvu ja nur darum, in
die Medien zu kommen; zwischen den Katholikentagen sei die IKvu gar nicht
existent; jetzt werde er durch die Medien gezwungen, mit der IKvu zu
sprechen. Das Verhalten von Hans Maier unterstreicht die Notwendigkeit der
IKvu. Wer mit solcher Arroganz Gruppen in der Kirche an den Rand drängen
und nicht mit ihnen sprechen will, ist als Präsident des Zentralkomitees
der deutschen Katholiken ungeeignet."
Emanzipation
des ZdK
Es
soll hier jetzt nicht weiter darum gehen, das Verhältnis zwischen ZdK und
IKvu an Hand der folgenden Katholikentage im einzelnen darzustellen. Die
Grundpositionen waren geklärt. Die IKvu veranstaltete weiter ihre
Katholikentage von unten (ab 1992 „KatholikInnentage von unten")
parallel zu den offiziellen Katholikentagen. Punktuell gab es immer wieder
Absprachen, aber mehr nicht. Einzelne Verbände wie der Bund der deutschen
katholischen Jugend (BdKJ) und die Katholische Frauengemeinschaft
Deutschlands (kfd) konnten innerhalb des ZdK und der Katholikentage eine
größere Selbständigkeit durchsetzen, zum Teil mit der stillschweigenden
Drohung, sonst mit der IKvu zu kooperieren. Aber auch sie konnten nicht
alle gewünschten ReferentInnen durchsetzen.
Eine
neue Entwicklung setzte erst ein, als nach der Wiedervereinigung ostdeutsche
KatholikInnen ins ZdK einrückten. Sie hatten aufgrund ihrer anderen
Erfahrung in der DDR kein Verständnis für die Konflikte zwischen ZdK und
IKvu. Beim Katholikentag in Dresden (1994) konnte die IKvu vier Stände
auf der Kirchenmeile besetzen, davon einen mit der HuK, die damit zum ersten
Mal offiziell auf dem Kvo vertreten war. Insbesondere als 1997 der sächsische
Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer zum neuen Präsidenten des ZdK gewählt
wurde, änderte sich langsam auch das Verhältnis zwischen IKvu und ZdK.
Zudem löste sich das ZdK ein wenig aus der engen Umklammerung durch die CDU
und durch die Deutsche Bischofskonferenz. Das zeigte sich in einer offeneren
Themengestaltung, die auch alte Tabuthemen zuließ, und in einer offeneren
ReferentInnen-Auswahl, die auch linke SPD-PolitikerInnen und VertreterInnen
der GRÜNEN einbezog.
Das
ZdK forderte nun eine Änderung der Zulassungsbedingungen für das Priesteramt
und die Zulassung der Frauen und ließ sich diese Forderungen nicht von der
Bischofskonferenz verbieten. Die kritische Stellungnahme des ZdK gegen die
von Rom erlassene „Instruktion zu einigen Fragen über die Mitarbeit der
Laien am Dienst der Priester" von 1997, die Kritik an den römischen
Direktiven zur Schwangerenkonfliktberatung 1998/99 sowie die Gründung einer
eigenen Stiftung zur Fortführung der Beratung sind Zeichen für diese größere
Selbständigkeit. Auch die Ökumene bekommt einen größeren Raum, wie
sich in dem gemeinsamen Beschluss mit dem Evangelischen Kirchentag zeigt, im
Jahre 2003 einen Ökumenischen Kirchentag zu veranstalten.
Das
ZdK hat also eine Reihe von Forderungen übernommen, die die IKvu schon seit
vielen Jahren öffentlich vertritt. Dies kann man sicher als einen Erfolg
bezeichnen, an dem auch die IKvu beteiligt war.
Das
KirchenVolksBegehren
Eine
für die IKvu noch wichtigere Entwicklung bahnte sich 1995 an. Ein
„Kirchenvolksbegehren" hatte in Österreich großes Aufsehen erregt
und in kurzer Zeit trotz mancher Behinderungen über 500.000 Unterschriften
gesammelt. Seine Forderungen: Aufbau einer geschwisterlichen Kirche, volle
Gleichberechtigung der Frauen, freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer
Lebensform, positive Bewertung der Sexualität, Frohbotschaft statt
Drohbotschaft. Damit wurden zentrale Forderungen der IKvu aufgenommen.
Nach
anfänglichem Zögern bildete sich auch in Deutschland ein Team, um das
KirchenVolksBegehren hier fortzusetzen. Die Zeitschrift Publik-Forum unterstützte
das Anliegen ideell und logistisch. Zu dem Team gehörten mehrere Mitglieder
des Koordinierungskreises der IKvu. Die Gruppen der IKvu bildeten auch
vielfach das Gerüst der Unterstützergruppen in den einzelnen Diözesen.
Ohne die IKvu und ihre Mitglieder wäre ein so großer Erfolg von 1,8
Millionen Unterschriften (davon 1,5 Millionen von KatholikInnen) nicht möglich
gewesen.
Doch
warnte die IKvu trotz aller grundsätzlichen Zustimmung vor zwei Gefahren:
„Gleichwohl sieht die IKvu im Kirchen VolksBegehren zwei Gefahren: Die
Fixierung der Reformdebatte auf rein innerkatholische Themen einerseits und
die trügerische Hoffnung andererseits, ein Erfolg des KirchenVolksBegehrens
könne rasch tiefgreifende Änderungen im System der katholischen Kirche
nach sich ziehen." (Presseerklärung der IKvu vom 12. 9. 1995) Die IKvu
hat immer auf dem Zusammenhang zwischen Kirchenreform und
Gesellschaftsreform bestanden und dies aus dem Glauben heraus begründet.
Jetzt brach das eine Bein weg, da das KirchenVolksBegehren die Kirchenreform
offensichtlich effektiver voranbringen konnte. Wie trotzdem weiterkommen?
Wie vor allem den Zusammenhang zwischen den kirchlichen und den politischen
Themen und Initiativen im Bewußtsein der Öffentlichkeit und der Gruppen
halten?
Der
große Erfolg des KirchenVolksBegehrens ermutigte die Initiatoren dazu, die
Bewegung zu konsolidieren und fortzuführen. Deswegen bildeten sich in
allen deutschen Diözesen eigene Gruppen, die zum Teil auch von
Mitgliedern der IKvu-Gruppen getragen wurden. Aus dem KirchenVolksBegehren
wurde die Kirchenvolksbewegung, die sich „Wir sind Kirche" nannte
und bald mit ähnlichen Bewegungen in anderen Ländern international
vernetzte. Durch ein gutes Management und gute Presse-Arbeit blieb die
KirchenVolksBewegung im öffentlichen Interesse und nahm da den Platz ein,
den früher die IKvu eingenommen hatte.
Das
ZdK sah in dem Kirchenvolksbegehren wie ehedem in der IKvu die Gefahr, dass
der Alleinvertretungsanspruch des ZdK, für den deutschen Laienkatholizismus
zu sprechen, nicht mehr aufrecht zu erhalten war. Die Karten im deutschen
Katholizismus wurden neu gemischt.
Rückgang
des Interesses am Kvu
Diese
neue Situation wurde beim Katholikentag in Mainz 1998 deutlich. Im Vorfeld
hatte sich das ZdK mit der KirchenVolksBewegung arrangiert und ihr einen
Status eingeräumt, den es der IKvu immer verwehrt hatte. So wurden ihre
VertreterInnen zu Vollversammlungen des ZdK eingeladen, obwohl die
Kirchenvolksbewegung nicht Mitglied im ZdK ist oder werden will. Schon im
Vorfeld räumte man der KirchenVolksBewegung einen Platz in der
Programmkommission ein. Sie wurde „Mitträgerin" bei vielen
gemeinsamen Veranstaltungen mit dem Kvo, war als Gesprächspartnerin bei
Podiumsdiskussionen gesucht, bekam Räume des Kvo und konnte darin eigene,
nicht zensierte Veranstaltungen mit großem Zulauf im Katholikentagsbereich
durchführen, wie beispielsweise mit dem französischen Bischof Jacques
Gaillot, der 1995 von Rom faktisch abgesetzt worden war. Gleichzeitige
gemeinsame Veranstaltungen mit der IKvu dokumentierten die Unabhängigkeit
der KirchenVolksBewegung. Durch die verschiedenartige Beteiligung der
KirchenVolksBewegung und die Zulassung von IKvu und HuK (erstmals als
eigenständige Gruppe) auf der Kirchenmeile waren die von Kronenberg 1982
genannten Ausschlusskriterien (s.o.) faktisch durchbrochen.
Die
IKvu hatte in Mainz wieder ein komplettes Programm vorbereitet. Doch ließ
der Zulauf merklich nach. Die Veranstaltungen waren gut, aber zu lang konzipiert.
Die meisten BesucherInnen kamen zu dem ökumenischen Gottesdienst, der in
Zusammenarbeit mit „Wir sind Kirche" in Konzelebration von einem
katholischen und einem anglikanischen Priester, von einer evangelischen Pröpstin
und einer altkatholischen Priesterin gehalten wurde. Dieser Gottesdienst
wurde auch von der Öffentlichkeit sehr beachtet und kontrovers diskutiert.
Das Presse-Echo über den Kvu konzentrierte sich fast ganz auf diesen
Gottesdienst. Das ZdK distanzierte sich deutlich davon. Dieser Gottesdienst
wurde jedoch von vielen als ein prophetisches Zeichen verstanden und
vollzogen. Die Basis der ChristInnen ist vielfach in der Ökumene weiter als
ZdK und Bischofskonferenz, denen die Frage nach der Mahlgemeinschaft im
Blick auf den Ökumenischen Kirchentag 2003 immer noch Sorgen macht.
Der
Rückgang des Interesses am Kvu hatte mehrere Ursachen:
Rückgang des Interesses vor allem auch bei der Jugend an Katholikentagen überhaupt
(In Mainz waren auch beim Kvo viel weniger BesucherInnen als geplant.)
Rückgang des Interesses an gesellschaftspolitischen Themen (dies spürte
auch der Kvo)
größere Offenheit des ZdK in ReferentInnen- und Themenauswahl (Beim Kvo
sprachen mehrere ReferentInnen, die früher nur bei der IKvu auftreten
konnten; ein Erfolg der jahrelangen Arbeit der IKvu? Umgekehrt zwei
Vizepräsidenten des ZdK als Podiumsteilnehmer beim Kvu - früher
undenkbar!)
großer Zuspruch für die Veranstaltungen von „Wir sind Kirche" im
Rahmen des Kvo
schlechte Lage des Kvu-Geländes und zeitlich zu anspruchsvolle Programmgestaltung.
zurückgehende Unterstützung durch die IKvu-Gruppen bei der Durchführung
des Kvu.
Kirche
auf neuen Wegen
Die
Kirche ist auf neuen Wegen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Tore dafür
geöffnet. Es hätte nicht eine so große Resonanz gefunden, wenn nicht
Gruppen in der Kirche schon vorher neue Erfahrungen gemacht hätten. Sie
finden Ermutigung für ihren Weg im Vertrauen auf den Heiligen Geist, der
immer noch in der Kirche wirkt und sie nach vorne führen will. Jedem und
jeder schenkt der Geist seine Gaben, damit sie anderen nützen, und er
schenkt sie, wie er will (vgl. 1 Kor 12), nicht wie es der Papst, die Bischöfe
oder Pfarrer zuzulassen bereit sind. Dieses Bewusstsein, dieses gläubige
Vertrauen setzt sich immer mehr bei den engagierten ChristInnen durch,
insbesondere wenn „von oben" menschenferne Reglementierungen die
Entwicklung wieder zurückschrauben wollen. Die IKvu hat sich nie ausreden
lassen, Kirche zu sein. Die Selbstbezeichnung des Kirchenvolksbegehrens
„Wir sind Kirche" spricht dieselbe Sprache. Deswegen sollten wir nur
von „der Kirche" sprechen, wenn wir uns selber mitmeinen. Sonst
sollten wir genauer reden: der Papst oder der Vatikan (obwohl der auch keine
Einheit ist), die Bischöfe, die Kirchenleitung oder eben das ZdK.
Sicher
ist gegenwärtig auch festzustellen, dass Gruppen in der Kirche, einzelne
Bischöfe und maßgebliche Kreise des Vatikans Sicherheit nach rückwärts
oder in einer erzwungenen Uniformität suchen. Dann aber wird wieder Angst
erzeugt und mit Druck regiert. Damit kann man einzelne mundtot machen,
Bewegungen abblocken, aber nicht die Kirche zukunftsfähig machen. Denn es
sollte allen, spätestens seit dem Zusammenbruch des sowjetischen
Kommunismus, klar geworden sein, dass eine Verwaltung der Wahrheit von
einem Punkt der Erde aus für die ganze Welt nicht mehr möglich ist.
Einheit in der Kirche muss neu gedacht werden, damit alle Geistesgaben,
auch die religiösen Erfahrungen von ganzen Kontinenten, Völkern, aber
auch einzelnen Gruppen einbezogen und als Reichtum erfahren werden können.
Die Globalisierung darf nicht zu einer toten Uniformität führen.
Einheit
als lebendiger Prozess
Die
Einheit der Kirche ist als lebendiger Prozess zu verstehen, als gläubiges
Geben und Nehmen im weltweiten Zusammenhang. Deswegen sind Toleranz und
Dialog nötig, wo man einander gelten lässt und aufeinander hört,
voneinander lernt und Gemeinsamkeiten sucht, wo sie möglich sind.
Schwierig wird es nur dann, wenn Gruppen, auch wenn es sich dabei um
besondere Amtsträger handelt, sich für die Kirche halten und versuchen,
ihre Machtmittel einzusetzen, andere auszuschließen. Dann ist
entschlossener Widerstand nötig.
Für
das Offenhalten des Prozesses bedarf es immer der entsprechenden Institutionen,
auch der Institutionen der Weltkirche. Doch da Institutionen immer dazu
neigen, sich selber für die Sache zu halten, die sie zu vertreten haben,
ist es ständig nötig, kritische Gruppen in der Kirche zu fördern und
selber zu bilden, Kirche wieder durchlässig zu machen für das
Evangelium. Manche Ordensgründungen in vergangenen Zeiten sind dafür ein
Beispiel. Heute sind es offensichtlich mehr freie Gruppen, Basisgemeinden
und weltweite Bewegungen. Die IKvu ist ein Teil davon. Wenn sie als
Institution jetzt in Schwierigkeiten geraten ist, bedeutet das kein Unheil für
die Kirche. Entweder wird sie sich erneuern, oder es werden anderen
Gruppen neu aufstehen und ihre Arbeit „von unten" fortsetzen. So
haben wir es in der Nachkriegsgeschichte in Deutschland schon vielfach
erlebt. Auch der einstmals starre Block des ZdK ist in diesen Wandel
einbezogen.
Wichtig
erscheint mir jedoch, dass wir uns bei all diesen Fragen nicht nur auf die
Kirche und ihre Erneuerung konzentrieren. Die Konflikte in der Kirche und
die Auseinandersetzungen mit der Kirchenleitung bergen die Gefahr in sich,
dass sich die Kräfte darin erschöpfen. Dann geht keine Lebenskraft, keine
Freude mehr von der Kirche aus. Die Kirche ist nicht für sich selber da.
Sie darf kein Ofen werden, der nur sich selber wärmt (Karl Rahner).
Deswegen geht es um eine gerechtere Kirche für eine gerechtere Welt. Die
Erneuerung der Kirche muss sie durchlässig machen für die
Menschenfreundlichkeit unseres Gottes, der sich in Jesus gezeigt hat. Das
ist notwendiger Dienst der Versöhnung und des Lebens in einer zerrissenen
Welt.
Es
geht darum „Wege der Befreiung zu gehen" (Motto des Kvu in Aachen),
vor allem mit und für die Opfer, die Armgemachten und Ausgegrenzten, die
Hungernden und Arbeitslosen, die Opfer der Kriege und Bürgerkriege. Wenn
man sieht, wo heute dieser Dienst der Kirche im Kleinen wie im Großen, hier
wie weltweit, nötig ist, damit Menschen leben und etwas von dem
lebenschaffenden Gott erfahren können, dann schämt man sich der innerkirchlichen
Auseinandersetzungen, die so viel Kraft kosten. Wir werden weiter die beiden
Beine der IKvu brauchen, das Bemühen um eine Reform der Kirche aus dem
Geist des Evangeliums und das Bemühen um eine menschenfreundlichere Gesellschaft.
Nur so können wir weiterkommen.
